14. Juli 2016

Kirchenglocken Lärm für die Seele

Aber bitte kein Muezzin

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Bildquelle: shutterstock Stören nicht so wie der Muezzin: Kirchenglocken

Vom Balkon unseres Landhotels blickten wir auf das mächtige Dachsteingebirge, im Vordergrund das Streudorf Gosau mitsamt seinen Kirchturmspitzen. Klar, dass es da bimmeln würde. Aber um sechs Uhr? Mancher Bewohner der norddeutschen Tiefebene, wo die Kirche weithin keine große Rolle mehr spielt, wenn überhaupt noch irgendeine, empfindet Glockengeläut zu grauer Stunde als sonderbar, beinahe als Zumutung.

Ich nicht. Dabei bin ich schon als junger Mann aus der Nordelbischen Kirche ausgetreten, die mich konfirmiert hat. Aus profanen Gründen (Kirchensteuer) und aus Abscheu vor den ästhetischen Schandtaten evangelischer Sakralbaumeister, die sich in der Nachkriegszeit austobten. Dennoch, gegen Glockengebimmel habe ich nichts. Schon gar nicht in Bayern oder Österreich, wo Kirchen, Kapellen und Marterln zum Ambiente gehören wie Dünen zu den Küsten der Nord- und Ostsee. Man ignoriert den Weckruf, dreht sich in den Buntkarierten um und pennt weiter.

Mehr noch, das Geläut kann akustische Wellness bewirken, stellt man sich billigend darauf ein. Das Phänomen heißt „Beautiful noise“. Den Begriff „Hübscher Krach“ hat Neil Diamond mit seinem gleichnamigen Welthit geprägt. Der Liedtext zählt fröhliches Kindergekreisch genauso dazu wie das Rattern der Züge auf den Gleisen oder – sehr amerikanisch und ökologisch keinesfalls korrekt – „the song of the cars on their furious flights“ (der Gesang der Autos auf ihren wilden Fahrten). Angeblich hatten seine Töchter den Sänger und Songschreiber inspiriert, als sie „What a beautiful noise!“ (Welch schöner Krach!) ausriefen, während sie aus dem Fenster eine lärmende Parade in New York beobachteten.

Den Gedanken, manchem Lärm wohne auch etwas Schönes inne, kann jedermann nachvollziehen, nicht bloß Anhänger der Schwermetallmusik. Die Sache funktioniert nach Gusto – oder eben auch nicht. Ein Kindergarten im Wohnumfeld stört ausgeprägte Familienmenschen selten, gnaddelige Singles dagegen häufig. Hamburgs „Harley Days“ spalten die Hansestädter regelmäßig. Viele – Männer vor allem – ergötzen sich an den chromblitzenden Boliden, die jedes Jahr an einem Sommerwochenende zigtausendfach durch Hamburg donnern.

Glockengeläut klingt natürlich anders als eine Harley Electra Glide Classic

Ebenso vielen geht das Auspuffgewitter auf den Wecker. Grüngesinnte Radler wollten die Krachmokers in diesem Jahr per Großdemo ausbremsen, was aber misslang. Es traten nur 28 mutige Protest-Pedalisten zur Blockade an.

Glockengeläut klingt natürlich anders als eine Harley Electra Glide Classic. Was mich betrifft: Ich mag es. Schwingt darin doch irgendwie das Versprechen einer heilen Welt mit, in die man für ein paar Ferientage eingetaucht zu sein scheint. Selbstredend ist dieses Versprechen Unsinn. Heile Welten gibt es auch in österreichischen Bilderbuchörtchen nicht, schon klar.

Und doch, das Gebimmel, das sich auf der Zwieselalm oder der Postalm als Kuhglockenkonzert fortsetzt, nährt unvermeidlich hübsche Illusionen. So, wie es einst die unfassbar bekloppten Heimatfilme vom Schlage „Wenn die Glocken hell erklingen“ taten. Welche man im Abstand von ein paar Jahrzehnten ohne Arg genießen kann, wenn sie gelegentlich im Fernsehen laufen. Allein diese völlig unmotivierten, aus heiterem Himmel in die sowieso völlig sinnfreie Handlung platzenden Gesangsdarbietungen – großartig!

Der unbeirrbare Wille zur Idylle ist ein Kassenknüller

Ihre Verlogenheit, für die solche Streifen damals schwer gegeißelt wurden (von der Filmkritik, nicht vom Publikum), ist ja längst in der Historie verdunstet. Geblieben ist die rührende Einfalt ihrer Regisseure, deren unbeirrbarer Wille zur Idylle. Und sie schufen Kassenknüller! Menschen brauchen ab und zu die volle Kitsch-Dröhnung, wie es scheint.

Warum wohl, fragten wir uns nach dem Besuch einer literarischen Pilgerstätte, hatte sich der Erzfeind des „Ungeistigen“, der berühmteste, mit Preisen behängte Anpisser des gemeinen Österreichertums, ein Mann, der Salzburg für eine Katastrophe, Rotterdam (!) hingegen für eine Offenbarung hielt, warum also hatte ausgerechnet der lebenslange Wüterich Thomas Bernhard in einem Kaff bei Gmunden, eine Autostunde von Gosau entfernt, den großen „Vierkanthof“ erworben und jahrelang mit viel Geld und Sammelwut zu einem ländlichen Juwel inmitten wogender Weizenfelder ausgebaut?

Da saß er dann, meist sehr allein, aber in Gesellschaft von viel rustikalem Schuhwerk, inmitten bäuerlicher Kopfbedeckungen, urgemütlicher grüner Kachelöfen, betagter Küchenutensilien, alter Gemälde und ätzte, flankiert von zwei Jagdflinten, über eine Welt, die ihm allweil „verkommen“, „widerwärtig“ und „ruiniert“ vorkam, um drei seiner Lieblingsvokabeln zu zitieren. Zwar enervierte ihn beim Dichten und Denken manchmal das Grunzen aus einem benachbarten Schweinestall. Was eine Zeitlang für unschöne Debatten sorgte. Zuviel Folklore war dem ins dörfliche Pseudo-Idyll Reingeschneiten dann eben doch – widerwärtig. Über das Glockenläuten hat sich der erbitterte Katholizismusverächter hingegen nie beschwert.

Wehe ich werde in meinem Stammhotel vom not-so-beautiful noise eines Muezzins geweckt!

Hätte wohl auch nichts gebracht. Selbst in Deutschland, weit weniger katholisch als Ösiland, steht das Bimmeln unter Kulturschutz. Klagen gegen frühmorgendliches Geläut werden regelmäßig abgeschmettert. Ein Kläger, der sich in seiner „grundgesetzlich geschützten negativen Bekenntnisfreiheit“ durch die liturgische Bimmelei verletzt sah, bekam von einem Verwaltungsgericht zu hören: In einer Gesellschaft, die unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen Raum gebe, habe der Einzelne kein Recht darauf, von fremden Glaubensbekundungen, kultischen Handlungen und religiösen Symbolen verschont zu bleiben.

Das allerdings las sich beunruhigend. Und tatsächlich, der dicke Klops in der Urteilsbegründung folgte. Im übrigen, fanden die Richter nämlich, sei wohl auch die Verkündigung der muslimischen Botschaft durch den Muezzin-Ruf vom Minarett nicht anders als kirchliches Glockengeläut zu beurteilen. Dementsprechend könne „die negative Bekenntnisfreiheit Einzelner dem Ruf des Muezzins nicht entgegengehalten werden“.

Sicherlich ist das zumal in Deutschland juristisch wasserdicht. Womöglich auch in Österreich? Mir völlig schnurz. Hier mal vorbeugend an die Adresse des Tourismusbüros von Gosau: Sollte ich in meinem Stammhotel irgendwann durch den (für mich) not-so-beautiful noise eines Muezzins geweckt werden – und sei es, nach durchzechter Nacht, erst um zwölf Uhr mittags –, so mache ich künftig Ferien auf Island. Berge hat’s auch dort.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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