02. August 2016

Berichterstattung über Anschläge Keine Fotos! Die Wunderwaffe gegen Terroristen

Es geht um Auflagen und Anzeigenerlöse

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Bildquelle: shutterstock Suchen das Licht der Öffentlichkeit: Attentäter

Die linke Tageszeitung „Le Monde“ und andere französische Medien haben kürzlich angekündigt, sie würden keine Fotos von islamistischen Attentätern mehr veröffentlichen. Damit solle deren „posthume Glorifikation“ verhindert werden. Die Berliner „B.Z. am Sonntag“ schloss sich vorübergehend an und zeigte statt eines Fotos des „Amokläufers von München“ auf ihrer Titelseite eine weiße Fläche mit der Schlagzeile „Dein Foto kommt nicht auf unseren Titel“.

Hübscher PR-Gag. Vielleicht gar nicht mal falsch, präventionsmäßig? Kann doch sein, dass es zumal Killern, die „erweiterten Suizid“ begehen, nachdem sie „blitzartig“ zu ihrer Friedensreligion fanden, nicht bloß um 72 Jungfrauen geht, die da oben auf sie harren. Sondern auch um Nachruhm hier unten. Ihre Porträts schinden unter Glaubensbrüdern sicherlich Eindruck. Überhaupt sind Nachwuchsmörder, egal wie sie heißen und wen sie morden, meist ziemlich scharf auf ein gehöriges Medienecho. Würde man ihnen das versagen, ließe sich der eine oder andere möglicherweise entmutigen? Kann sein, kann nicht sein.

Drei Aspekte bei der Ausblendung irritieren. Erstens würden die Mainstream-Medien Attentäterfotos sicherlich nicht verstecken, handelte es sich um Abbildungen nordisch wirkender Nazi-Epigonen. Niemand kam ja auf den Gedanken, man dürfe Fotos von Anders Breivik partout nicht veröffentlichen. Etwa, damit ihm seine Strategie, in die Hall of Fame des Terrorismus zu gelangen, auf diese Weise vermasselt würde oder weil eine Veröffentlichung seiner Fotos Nachahmer anstiften könnte. Auch die Fotos der NSU-Mordverdächtigen sind mittlerweile Gemeingut. Nachfolger haben sich dennoch bisher nicht gefunden.

Warum sollen ausgerechnet morsche Holzblätter präventiv wirken?

Zweitens ist die Vorstellung, im Digitalzeitalter könnten ausgerechnet morsche Holzblätter wie „Le Monde“ oder die „B.Z. am Sonntag“ durch ihre Abstinenz in Sachen Täterfotos irgendeine Prävention bewirken, bestenfalls rührend. Rührend dämlich. Die PR-Abteilungen der Terrorbranche posten die Porträts ihrer gefallenen Helden weltweit, und zwar subito.

Ob irgendein westliches Blatt die Schlächtervisagen nun abbildet oder nicht, spielt keine Rolle. Die Ikonographien der jeweils angesagten Mörder rasen ruckzuck um die Welt. Um eine Welt, die sich Medienschaffende der Old School offenbar gar nicht mehr vorstellen mögen.

Die dritte Irritation läuft auf einen hässlichen Verdacht hinaus. Täterfotos nicht mehr zu veröffentlichen, könnte nämlich auch noch ein anderes Motiv haben. Denn dem Leser und Zuschauer, dem medienseitig unablässig beigepult wird, dass nichts mit nichts zu tun hat, dass also der Täter X vor seiner „Selbstradikalisierung“ dem Alkohol zusprach, er folglich kein frommer Moslem gewesen sein konnte; dass der Bomber Y oder der Axtschwinger Z nur ein gemobbter, ausgegrenzter Loner mit psychischen Problemen war und deshalb einen „Amoklauf im Zug“ hinlegen musste – dem ganz normalen Medienkonsumenten kommt die ganze Chose irgendwann denn doch seltsam hingebogen vor. Zumal, wenn angebliche Amokläufe sich in der Regel nach ein paar Tagen als akribisch geplante Aktionen mit islamistischen Komplizen herausstellen. Zumal, wenn der Leser auch noch, wie im aktuellen „Stern“, auf opulentes Täterfotomaterial blickt, das mehr oder minder ein gleiches optisches Cluster abbildet.

Dagegen kommt kein Lauftext an, so filigran-exkulpierend er geschrieben sein mag, so viel Einfühlung in geschundene Täterseelen er auch aufbringt. Wen interessiert es schon, ob ein Totmacher vor drei oder zehn Jahren auf welchem Weg auch immer nach Deutschland gelangte, mit welchem Status, welcher „Duldung“ ausgestattet? Oder ob er hier geboren wurde, aber nie wirklich aus seinen Clanzusammenhängen herauskam? Ob er irgendwelche Fehden mit Mitschülern pflegte, die ihn nicht mochten? Ob er auf dem Nachhauseweg gemobbt wurde wie andere Schüler, die deshalb aber nicht im Darknet Glock-Pistolen bestellen und damit Massenmorde begehen?

Pseudoethisches Geschwurbel

Es sind diese nicht aus dem Kopf zu retuschierenden Täterbilder, die im kollektiven Gedächtnis bleiben. Sie ergeben eine Botschaft, die da lautet: Wir haben mit einer bestimmten Sorte von jungen Männern, die „wütend bis in den Tod“ ist („Stern“-Titel), schon jetzt schwere Probleme. Und je mehr junge Männer dieser Sorte ins Land strömen, desto mehr Probleme kriegen wir.

Deutsche Medien, die es mit der Volkserziehung ernst meinen, sollten sie nicht geschlossen dem Beispiel von „Le Monde“ folgen? Leider ist in dem Punkt hierzulande keine Einheitsfront in Sicht. Zwar erklären öffentlich-rechtliche Anstalten wie die ARD, sie wollten bei Amokläufen generell auf erkennbare Fotos von Tätern verzichten und sich auch bei „politisch oder religiös motivierten Terroranschlägen“ stark zurückhalten. Doch das Gros der Privatmedien eiert entschieden um das Thema herum. „Weiterhin im Einzelfall“ wolle man verfahren, hier und da mal etwas mehr pixeln, andererseits da und dort auch „mit offen gezeigten Täterbildern“ die „Ermittler unterstützen“.

Das pseudoethische Geschwurbel kann natürlich nicht verdecken, worum es geht: um die eigenen Auflagen und Anzeigenerlöse, seit langem flächendeckend auf Talfahrt. Wer seine Existenz nicht Zwangsgebühren verdankt, kann es sich einfach nicht leisten, die verbliebenen Kunden für gänzlich bescheuert zu verkaufen und ihnen Mordgeschichten ohne Mördergesichter anzudrehen. Schön zu wissen: Das ökonomische Hemd ist Medienmachern in manchen Fällen denn doch näher als der moralische Rock. Am Ast, auf dem sie sitzen, sägen sie ohnehin schon emsig genug. 

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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