15. August 2016

Die Zehn Gebote der „Zeit“ Rettet die Demokratie, kauft mehr Zeitungen!

Haltung ist wichtiger als Fakten

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Bildquelle: shutterstock „Zeit“-Abonnent: überheblich, belehrend, positioniert

In der „Zeit“, dem unentbehrlichen Vademecum für die betreute Weltbetrachtung, erschien neulich ein Appell mit der Überschrift: „Was ich tun kann, um die Demokratie zu stärken, in der ich lebe.“ Das Zehn-Gebote-Programm rührte ein Hamburger Allerlei aus staatstragendem Ideengut zusammen, an dem sich der in seinen Ohrensessel versackte Pantoffelträger hochziehen konnte. Sich engagieren, vielleicht in einer Partei? Warum nicht? Für etwas Positives eintreten, eventuell sogar dafür demonstrieren? Auf geht’s! Mit den Nachbarn was Nettes veranstalten? Bombenidee! Die Demokratie dankt!

Allein, Punkt 10 erbaute denn doch nicht jedermensch. Er lautete: „Ich trete in die Kirche ein oder in eine aufgeklärte Glaubensgemeinschaft anderer Religionen, auch als Agnostiker. Diese Gemeinschaften halten die Gesellschaft zusammen, sie lehren die Tugenden des Umgangs: Höflichkeit, Freundlichkeit, Herzlichkeit. Sie bewahren mich vor dem Irrweg, alles besser zu wissen.“

Mal abgesehen davon, dass letzteres sowieso ein Privileg von „Zeit“-Redakteuren bleiben sollte: Seit wann haben ausgerechnet Glaubensgemeinschaften irgendetwas mit Aufklärung oder Demokratie am Hut? Fragten irritierte Leser in Briefen an die Redaktion. Ob die Autorin der zehn „Zeit“-Gebote mit Katrin Göring-Eckardt verwandt oder verschwägert sei, wollte eine Dame wissen. Einer anderen fiel zu diesem Punkt nur das Verdikt „Schwachsinn“ ein – für die in aller Regel artige Leserschaft der gedruckten „Zeit“ starker Tobak.

Der ulkige Höhepunkt einer käßmannesken Ethiksülze

Beim Geschnatter um die Kircheneintrittsverordnung fiel ein anderes „Zeit“-Gebot fast durch den Diskursrost – das vierte nämlich. Dabei liest es sich noch ulkiger als der Rest der käßmannesken Ethiksülze. O-Ton: „Ich informiere mich. Ich höre, lese oder sehe Nachrichten, kaufe gute Zeitungen (zahle für sie auch im Internet), damit erhalte ich die selbstbewusste und kritische Presse, die unsere Demokratie vor autoritären Einflüssen schützt.“

Könnte Punkt 10 aus einem Stoßgebet der durch Mitgliederschwund schwer entbeutelten Amtskirchen stammen, so las sich Punkt 4 tendenziell wie eine Forderung des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger, denen bekanntlich seit längerem massenhaft Leser abhandenkommen.

Noch einen drauf setzte die „Zeit“ mit ihrer Nummer von den „guten“ Zeitungen, die „unsere Demokratie“ vor bösen Buben schützen sollen. Das Blatt stellte sich treudoof; gerade so, als habe es keine Diskussion über die tendenziöse Rolle vieler Medien im Ukraine-Konflikt gegeben, als habe die furiose Silvestersause in Köln und die mediale Kopf-in-den-Sand-Taktik darüber niemals stattgefunden. Als sei die gesamte Debatte um die von allen „guten“ Zeitungen verordnete Willkommenskultur (die mitunter Züge einer totalitären Kampagne annahm) auf einem anderen Planeten geführt worden. Und als hätten diese und andere formidable Lückenpresseleistungen nicht dafür gesorgt, dass viele Mainstreammedien inzwischen ein dickes Glaubwürdigkeitsproblem haben.

Bildungshubernde Überheblichkeit, Belehrungseifer und Gouvernantengehabe

Nun ist die Wochenschrift von der Elbe, dank ihres bärenstarken Abonnentenanteils, im Gegensatz zu anderen Werbeträgern gut im Geschäft, wenn auch ihr langjähriges Auflagenwachstum gestoppt zu sein scheint. Die „Zeit“ kann sich bildungshubernde Überheblichkeit, Belehrungseifer und Gouvernantengehabe, seit Dönhoffschen Tagen ihre Markenkerne, wohl noch ein Weilchen leisten. Die meisten Leser goutieren das sogar. „Haltung“ ist für sie ganz wichtig, Fakten spielen die dritte Geige. Der typische „Zeit“-Konsument möchte vor allem wissen, wo genau auf der selbstredend guten Seite er sich zu positionieren hat.

Die Autorin des Demokratiestärkungsprogramms heißt Sabine Rückert. Sie ist seit 2012 Mitglied der „Zeit“-Chefredaktion. Ihre publizistische Begleitung der Causa Kachelmann grenzte seinerzeit an versuchte Prozessintervention. Für den „FAZ“-Medienkritiker Michael Hanfeld setzten Rückerts Artikel „in puncto Parteilichkeit der Presse bei diesem Prozess neue Maßstäbe“. Was eine wie Frau Rückert unter „guten“ Zeitungen versteht, kann man sich ausmalen. Wenn das als Journalismus durchgeht, dann gehört die „taz“ in die Hall of Fame der Qualitätspresse. Und Franz Josef Wagner ins Literarische Quartett.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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