19. August 2016

Nachruf auf Ernst Nolte Keine Heilslehre, sondern der Wunsch, zu verstehen

Als Teilnehmer am öffentlichen Diskurs exekutiert

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Bildquelle: shutterstock Noltes Betätigungsfeld: Höllenfahrt des 20. Jahrhunderts

Das ist ein Schock. Es wird sich wieder das Geschreibsel der PC-Journaille über den mutigen Historiker Ernst Nolte ergießen, jetzt anlassgemäß gewürzt mit vordergründiger Süße, im Kern aber wohl mit reichlich Geschmacksverstärker: Noch ehe Habermas als der Protagonist der bundesrepublikanischen Identität endlich abtritt, verliert eine nicht von Kommunismus und Sozialismus abhängige Intellektuellen-Elite einen ihrer führenden Köpfe. Unter auflagenfördernder Aufregung im Blättchenwald wurde Ernst Nolte nach allen Regeln der Propaganda abgestraft und als Teilnehmer am öffentlichen Diskurs exekutiert durch Jürgen Habermas und seine Gefolgsleute, die ihm das Wort im Munde verdrehten, um nicht hören zu müssen, dass Hitler eben auch eine Antwort auf die sehr reale Bedrohung des Bolschewismus war. Kein denkender Mensch, ganz sicher kein Historiker vom Format Ernst Noltes, argumentiert angesichts der Höllenfahrt des 20. Jahrhunderts monokausal. Sehr wohl aber erscheint die Abwehrstruktur der Linken monomanisch: Wer und was immer die Schuld trägt – einer und eines scheidet grundsätzlich aus, und das ist der durch den „Meisterdenker Marx“ (Peter Sloterdijk) von der Utopie zur „Wissenschaft“ geadelte Sozialismus. Eben typisch „Wissenschaft“: Wenn die Theorie und die Wirklichkeit nicht zusammenstimmen wollen: Umso schlimmer für die Wirklichkeit! Wo hat man gelesen, wer hat sich darüber aufgeregt, dass Clara Zetkin als Alterspräsidentin des Reichstages den Tag des Anschlusses Deutschlands als Sowjetrepublik als unmittelbar bevorstehend verkündete? Wer außer Konrad Löw, der sich den übermenschlichen Tort angetan hat, das Gesamtwerk von Marx und Engels gleich zweimal in seiner Gesamtheit zu lesen, berichtet uns von der Tatsache, dass Friedrich Engels zum endlichen Erscheinen des „Kapitals“ 1867 den Anbruch des „Tausendjährigen Sozialistischen Reichs“ beschworen hat, zweimal 33 Jahre bevor Herr Hitler seinen Höllenritt unter demokratischer Zustimmung beginnen konnte? Wer außer Habermas und Co hat verhindert, dass der Höllenritt zur Götterdämmerung gerät? Vor wenigen Jahren gab der Marburger „Friedens- und Konfliktforscher“ Johannes M. Becker (nicht: Johannes R. Becher) die ultimative historische Diagnose von sich: „Der Antikommunismus war die Grundtorheit des 20. Jahrhunderts.“

Zwei von Hitlers drei Bedrohungen waren ganz real: die desolate Wirtschaftslage und die Gefahr der bolschewistischen Machtergreifung. Erstere hat er erfolgreich gelöst (kurzfristig, klar, aber das zählte, und nach Keynes sind wir langfristig ja sowieso alle tot), die zweite hat er erfolgreich abgewendet. Dass seine ökonomisch wenig informierte Diagnose allerdings nur ganz zu Recht das „Schanddiktat“ von Versailles sah und den Zusammenbruch des Kreditgeldes nicht konsequent würdigte, und dass er die Dysfunktionalität des Sozialismus nicht durchschaute, Neuer Mensch hin oder her, und damit eine nationale gegen die drohende internationale Spielart stellte statt die Kraft des Marktes zu nutzen – das sind die Fehler, die auf schwer zu durchschauende Weise auch mit Hitlers Fixierung auf seine dritte Bedrohung zusammenhängen.

Es ist an dieser Stelle müssig, über die im Unbewussten wirkmächtigen Kontinuitäten von Hitler zur heutigen Linken mit unverstandenen ökonomischen Zusammenhängen und daher benötigten Sündenböcken weiter zu spekulieren: Ernst Nolte war Historiker im besten Sinn, der verstehen wollte, statt seine Heilslehre zu verkaufen. Wir werden ihn vermissen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Self-ownership.net.


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