09. Oktober 2016

Prognosen und Jammern Zukunft is the future

Oder umgekehrt

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Bildquelle: shutterstock Zukunft: Was bringt sie?

Wie werden wir in 20, 50 oder 100 Jahren leben? Was wird sich verändern? Was bleibt gleich? Und die vielleicht wichtigste Frage: Kann man überhaupt etwas Fundiertes über die Zukunft sagen?

Aber ja doch! Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt sinngemäß, dass es mit unserem Universum stetig und unaufhaltsam bergab geht. Und spätestens seit Rammstein von Heino gecovert wurde, ist das jedem klar. Andererseits besagt der dritte Hauptsatz der Thermodynamik: „Man kann den absoluten Nullpunkt niemals erreichen.“ Und das ist doch eine tröstliche Vorstellung. Egal, wie beschissen es dir geht, es ist immer noch Luft nach unten…

Das war natürlich ein Scherz. Denn tatsächlich haben wir durchaus Grund, positiv in die Zukunft zu blicken. Vor allem, wenn wir uns die Geschichte der Zukunft anschauen. Vor 300 Jahren hat man fast einen ganzen Tag gebraucht, um eine Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Dann haben wir das Auto entwickelt, mit dem man die zehn Kilometer in zehn Minuten zurücklegen konnte. Und heute stellen wir so viele Autos her, dass man für die zehn Kilometer wieder einen ganzen Tag braucht.

Vielleicht hat Google ja auch deswegen das selbstfahrende Auto entwickelt. Das könnte sich dann morgens um sechs vollkommen selbständig in den Stau stellen, damit wir zwei Stunden länger schlafen können, um später dann mit der S-Bahn nachzukommen.

Die Welt sieht besser aus als noch vor wenigen Jahren

Vielleicht aber auch nicht. Vieles, was uns die Technik versprochen hat, ist nicht eingetroffen. Wir fliegen heute nicht Rucksackraketen durch die Gegend, haben kein Heilmittel gegen Krebs und noch immer keine Kaffeekanne, die nicht tropft. Dafür haben wir das Internet, keine Mauer mehr und eine Pille, die bei ihrer Einnahme eine Erektion verursacht. Und ganz ehrlich: Was brauche ich da Rucksackraketen?

Zukunft läuft immer anders ab, als man denkt. Noch vor zehn Jahren ist Rudolph Moshammer mit einem Telefonkabel erdrosselt worden. Das wäre heute rein technisch überhaupt nicht mehr möglich.

Auch wenn der tägliche Blick in die Nachrichten das Gegenteil suggeriert, es sieht heute besser aus auf der Welt, als es seit Beginn der Geschichtsschreibung je ausgesehen hat. Es sieht besser aus als noch vor wenigen Jahren. Sogar besser als heute morgen um halb zehn – dank einer warmen Dusche, drei Tassen Kaffee und zwei Aspirin.

Es geht uns wirklich gut. So gut wie nie zuvor. Selbst Hartz-IV-Empfänger können heute bei Lidl und Aldi exotische Früchte aus der ganzen Welt kaufen, nach denen sich der König von Preußen die Finger geleckt hätte. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Schwarze herablassend als „Neger“ und Türken verächtlich als „Kümmelfresser“ bezeichnet. Inzwischen bekommen Muslime in Deutschland sogar Weihnachtsgeld. Und fühlen sich dadurch nicht einmal in ihren religiösen Gefühlen beleidigt.

Das Jammern ist in zweierlei Hinsicht erstaunlich

Auch auf globaler Ebene ist Fortschritt eine unbestreitbare Tatsache. Er misst sich an Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Alphabetisierung, Nahrungskalorien pro Kopf, Durchschnittseinkommen und so weiter. Egal, welchen Indikator man auch immer nimmt – alle sahen vor 25, 50 oder 100 Jahren schlechter aus. Und zwar weltweit. Wenn Sie an der Stelle skeptisch mit dem Kopf schütteln, dann empfehle ich Ihnen, sich näher mit den Erkenntnissen des schwedischen Statistikprofessors Hans Rosling zu beschäftigen. Auf der Online-Plattform www.ted.com gibt es einen mitreißenden Vortrag, in dem er auf plakative Weise zeigt, wie phänomenal sich die Lebensverhältnisse in nahezu allen Ländern über die letzten 150 Jahre entwickelt haben.

Trotzdem wird gejammert, dass die Welt immer unfairer, ärmer und ungerechter wird. Das ist in zweierlei Hinsicht erstaunlich. Denn einerseits sprechen die Fakten eine völlig andere Sprache, andererseits verhalten sich oft diejenigen, die am meisten über die Weltrettung und soziale Gerechtigkeit schwafeln, privat am asozialsten. Man stellt sich alle paar Tage in irgendwelche Lichterketten für Toleranz und Frieden, ist aber noch nicht mal fähig, den Streit mit seiner eigenen Schwiegermutter zu beenden. Wenn es darum geht, eine Online-Petition gegen die Ausbeutung von Frauen zu unterschreiben, sind wir dabei – aber wenn Mutti zum Abwasch ruft, ist keiner da. Abends sitzen wir dann bei fair gehandeltem Bohnenkaffee zusammen und organisieren mit dem ipad über Facebook Demos gegen amerikanische Großkonzerne. Im Hintergrund läuft der neue illegale Download von David Garrett. Ein Stück von Dvořák, das klingt wie Oasis. So etwas spielt man im Hamburger Hauptbahnhof, um die Junkies fernzuhalten.

Natürlich muss vieles auf der Welt verbessert werden. Es ist noch lange nicht alles gut. Einige Ziele werden wir vielleicht niemals erreichen können: den Islamismus zu besiegen, ein Mittel gegen Krebs zu entwickeln, die Kernfusion nutzbar zu machen oder einen Akku zu erfinden, der länger als einen Tag hält.

In letzter Konsequenz können wir nicht wirklich vorhersagen, wie sich die Zukunft entwickeln wird. Aber Trübsal blasen und den Verfall der Welt zu beklagen ist irgendwie auch keine Lösung, oder? Deshalb sei an dieser Stelle auch mal ein wenig Optimismus angesagt. Denn: Zukunft is the future!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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