01. Dezember 2016

Zur Lage der Nation Von Geibel bis Merkel

Schlaglichter auf eine moralimperialistische Paranoia

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Bildquelle: shutterstock Früher Großmacht, heute bedröppelt: Deutschland

Nein, ich will nicht mehr. Ich bin mürbe. Seit Jahrzehnten hab ich im In- wie Ausland widersprochen, wenn von überheblichen, machtgierigen, tendenziell gefährlichen Deutschen die Rede war. Schien mir doch offenkundig eher das Gegenteil gegeben: eine in Volksbelangen seltsam gehemmte Nation, die keine eigenen Interessen zu formulieren wagte. Und wer heutige Deutsche für nennenswert autoritätshörig hält, hat vermutlich noch keine französische Schule von innen gesehen. Ich habe bei grenzüberschreitenden Tagungen – teils zum Befremden meiner besonders „sensiblen“ Landsleute – häufig derartige Vorurteile zurückgewiesen und moniert, dass aktuelle Interessenkonflikte zwischen uns und Ausländern allzu gern über die NS-Bande gespielt wurden.

Eine gut 50-jährige Beschäftigung mit Geschichte und Kultur bot mir die Basis, wenigstens die absurdesten oder bösartigsten Klischees über unseren angeblich so fatalen Nationalcharakter zurückzuweisen. Ich weiß, welche Wirkung die feindliche Kriegspropaganda des Ersten oder Zweiten Weltkriegs auf die Fixierung antigermanischer Ressentiments hatte, ohne zu bestreiten, dass wir auch manchen Anlass zur Schelte boten. Doch trotz Erhebung zur Staatsdoktrin lasse ich mir nicht einreden, die Alliierten hätten uns zum Zweck der Humanisierung und Demokratisierung befreien wollen.

An Emanuel Geibels Schlusszeilen von 1861, „Und es mag am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen“, kann ich nichts gar so Skandalöses entdecken. Selbst nicht, wo die spätere Rezeption den Text vergröbert und politisch als ungenierte Anwartschaft auf Globalgeltung genutzt hat. Weiß ich doch, dass die nun auch deutscherseits reklamierten Ansprüche in jener Epoche für Großmächte geradezu selbstverständlich waren. Dass etwa Frankreich in Asien und Afrika die Notwendigkeit einer „mission civilisatrice“ verspürte oder Nobelpreisträger Kipling den Angloamerikanern so tränenreich wie heroisch die Aufgabe zuwies, „die Bürde des weißen Mannes“ zu schultern. Auch kursiert bei bestimmten US-Eliten in „God‘s own country“ noch heute die Leitidee, die Welt in ihrem Sinne zu demokratisieren und nebenbei geopolitisch zumindest zu kontrollieren.

Und um auf den Antigermanismus zurückzukommen, so resultierte er nicht zuletzt aus dem vielfach beneideten stürmischen Aufstieg Deutschlands Ende des 19. Jahrhunderts, ist also wesentlich auch dessen Erfolg geschuldet. Wenn in diesem Sinn Geibels Wort vom deutschen Wesen fiel, lag für konkurrierende Länder die besondere Provokation darin, dass solche nationalistischen Schlagworte mit beispielgebenden ökonomischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Leistungen unterfüttert waren. Denn wer mag schon einen Primus, der eine Klasse übersprungen hat und seinen Erfolg auch noch schallend hinaustrompetet? Das Renommieren war zwar Signum der Zeit, und andere taten’s auch. Aber sie waren damals im Mächteranking eben schon etabliert und zeigten von daher nicht jenen nervösen Gestus arrivierter „Neureicher“.

Doch nun endet meine Deutschen-Apologie brüsk zugunsten scharfer Kritik. Denn ich kann nicht mehr übergehen, dass es hierzulande tatsächlich äußerst penetrante Welterziehungs-, ‑belehrungs- und ‑ordnungsideen gibt und dass sie, aller „Reeducation“ zum Trotz, bis heute überlebt haben. Ich muss sogar zivilisatorische Hybris im Weltmaßstab oder globalen Zuständigkeitswahn einräumen sowie kaum gebändigte Aggression. Dass insbesondere kleinere Länder sich auch mal vor uns ängstigen, wo wir doch fraglos eine der pazifistischsten Nationen der letzten Dekaden sind, oder uns machtverschleiernde Mimikry unterschieben, begreife ich langsam. Nur liegt das alles auf anderer Ebene, ist anders motiviert, als über Generationen fälschlich von unseren Nachbarn oder Konkurrenten behauptet wurde.

Was hat mich so plötzlich zum Umdenken gebracht? Nun, wirklich spontan lief das nicht. Es gab schon früher innen- wie außenpolitisch Irritierendes, das mir manchen Zusammenhang zwischen gartenzwerghafter Harmlosigkeits- beziehungsweise Toleranzpose und äußerst rigidem Sanktionismus erschloss. Aber das Fass zum Überlaufen brachten die peinlichen Reaktionen des hiesigen politmedialen Kartells auf die US-Präsidentenwahl, die so etwas wie Größenwahn aufscheinen lassen. Zwar wurde dazu von nonkonformistischen Kommentatoren inzwischen Wesentliches gesagt. Doch soll dies gewiss nicht wiederholt, sondern lediglich ergänzt werden. Und dass ich einige Sottisen nochmals in Erinnerung rufe, geschieht lediglich um ihrer Symptomatik willen.

Denn mir liegt daran, zu verdeutlichen, wie sehr unsere gegenwärtigen Regierungsdarsteller in ihrem verschreckten Dilettantismus letztlich auch Opfer einer mentalitätsbedingten Paranoia und eines fatalen historischen Wiederholungszwangs sind. Man war von ihnen ja gewiss manches gewöhnt, aber ich gestand ihnen wenigstens diplomatische Mindeststandards zu. Doch dann klassifizierte ein deutscher Außenminister im Vorfeld der Wahl seinen wichtigsten künftigen Gesprächspartner als „Hassprediger“. Und man setzt noch eins drauf. Denn sein beklagenswerter Mangel an Professionalität qualifiziert ihn offenbar dazu, nächster Bundespräsident zu werden.

Wir bestaunten einen Kanzleranwärter, der auch nach Verkündigung der Wahlergebnisse noch wie ein trunkener Oktoberfest-Besucher verbal herumtobt und eigentlich Anetta Kahane und den gleichfalls pöbelnden Heiko Maas auf den Plan rufen müsste, um „Hate Speech“ im Internet zu löschen. Und alle übertrumpfte mal wieder unsere verehrte Frau Merkel. Ein im Ausland lebender Freund, der 40 Jahre im diplomatischen Dienst verbrachte, schrieb mir daraufhin ein wenig ratlos:

„Ist meine Wahrnehmung gestört oder ist die Welt wirklich so verrückt? Unsere Kanzlerin besitzt die Unverschämtheit, Trump in ihrem Glückwunschtelegramm zehn! (ich habe nachgezählt) Bedingungen für ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit zu nennen. Sie schlägt damit gegenüber dem gewählten US-Präsidenten einen Ton an, den sie sich etwa gegenüber Erdoğan nie erlauben würde. Unser Außenminister, unser Chefdiplomat, verkündet lauthals, er werde ihm nicht gratulieren. Abgesehen davon, dass es ihm gar nicht zusteht, zerschlägt er damit ohne jede Not politisches Porzellan, anstatt sich von vornherein um gute Zusammenarbeit zu bemühen. Was wollen unsere Politiker eigentlich? Nach Putin auch noch Amerika verärgern? Unser neunjähriger Enkel kam betrübt aus der Schule mit einer, wie er sagt, sehr wichtigen schlechten Neuigkeit. Seine Lehrerin hatte ihm den Wahlerfolg Trumps offenbar als internationale Tragödie dargestellt. In Kallstadt schämt man sich angeblich, dass Trumps Großvater von dort stammt. Dazu die permanent tendenziöse Berichterstattung auf allen Kanälen.

So erleben wir eine in meiner Erinnerung nie dagewesene Polarisierung der Gesellschaft. Wie wird das enden? Mir fehlt die Phantasie, mir das auszumalen, aber gut ist das nicht. Vielleicht hast Du ja etwas zum Trost.“

Trost lässt sich in diesem Fall wenig spenden. Und wer die jetzige Situation bloß als wahltaktische innenpolitische Trotzreaktion einer geschockten Herrschafts- und Medienclique erklärt – „schlechte Verlierer“ eben! – oder zweifellos zu Recht die albernsten Alarmismen bespöttelt, hat vielleicht noch nicht die ganze Tiefe der Misere ausgelotet. Denn erstens zeigt sich in solcher geradezu abenteuerlichen Verletzung staatsmännischer Vorsicht ein Maß an Verkennung, das den Verdacht nahelegt, unsere Regierenden beschränkten sich bei ihrer Meinungsbildung per Zirkelschluss auf die von ihnen selbst beeinflusste Lücken- alias Lügenpresse. Als ich von Steinmeiers Entgleisung las, zuckte ich in Hinblick auf die Folgen sofort zusammen. Denn für mich, der ich keineswegs durch prophetische Gaben gesegnet bin, allerdings alternative (Internet-) Medien nicht scheue, bot dieser Wahlausgang keine besondere Überraschung. Schließlich lebe ich nicht abgeschottet vor der Wirklichkeit in einem agitatorisch bedingten Ghetto- oder Bunkerkosmos.

Zweitens belegt leider dieser verstockte Autismus gegenüber ungewünschten politischen Entwicklungen nicht nur ein temporäres Fehlverhalten, das sich schnell wieder korrigiert. Es ist strukturell bedingt und hat schon länger Methode.

Ähnlich wurde Ungarn beschimpft, obwohl nicht zuletzt Orbán uns (vorläufig) aus der Patsche half. Auch die Schweizer bekamen nach dem „Ausschaffungs“-Votum von hiesigen Politikern und Medien ihr Fett ab. Und die östlichen EU-Staaten sind einschlägige Berliner Bemutterungen ersichtlich leid. Die Österreicher könnte es als nächstes treffen, wenn deren Wahlverhalten sich nicht den Sittlichkeitsvorstellungen unserer Machteliten anpasst. Und das hätte traurige Tradition, die zudem belegt, dass dergleichen moralistische Aussetzer nichts Singuläres sind. Denn bereits im Jahr 2000 trug Außenminister Joschka Fischer im Rahmen der EU wesentlich dazu bei, Österreich wegen Jörg Haider in diplomatische Quarantäne zu legen. Hier zeigte Toleranzpolitik bislang ihre schärfsten Krallen.

Mit Amerika lässt sich so brachial natürlich nicht umspringen. Da muss man sich mit einem Schimpfgewitter begnügen, das gleichwohl seine atmosphärischen und sicher auch finanziellen Folgen haben dürfte. Aber unsere Stellung in den USA ist ja so gefestigt (siehe VW oder Deutsche Bank), dass wir keiner besonderen Fürsprache im Weißen Haus bedürfen. Und wie sehen die Beziehungen zu anderen jetzigen oder früheren Großmächten aus? Russland ist bereits vergrätzt. Dass man bei den Sanktionen nicht gänzlich aus dem westlichen Bündniskurs ausscheren wollte, hätte man im Kreml als Realpolitik vielleicht noch geschluckt. Doch warum zusätzlich diese harschen Merkel-Töne gemäß dem schafsdummen Muster: „Germans to the front!“? Und warum die Totalmobilisierung der Meinungsmacher? Verpflichtet unser hochgezüchtetes universalistisches Gewissen uns tatsächlich zu jener medialen Putin-Phobie (in allen Sparten von der Politik und Wirtschaft über Kultur bis zum Sport), die der Kriegspropaganda so nahe steht?

Seit Brexit liegen auch Engländer im Trommelfeuer unserer Gutmensch-Urteile, und die Bundesregierung macht wenig Anstalten, London entgegenzukommen oder wenigstens dem Eindruck entgegenzutreten, man wolle seine Wähler abstrafen. Und sollte sich in Frankreich der nächste Wahlschock vollziehen, dann hätten wir gemäß unserem offen hinausposaunten sozialemanzipatorischen Feindbild tatsächlich wieder die „Entente cordiale“ des Ersten oder die Allianz des Zweiten Weltkriegs gegen uns versammelt. Welche Meisterleistung einer Politik, deren Bestreben es seit 1945 sonst stets war, als Everybody’s Darling zu glänzen! Die heutige Mentalität ist so gefährlich wie kurios. Nur gestehe ich, dass meine früheren Seelentröster Ironie und Sarkasmus langsam versagen.

Orbán sprach von deutschem „Moralimperialismus“. Da ist sicher was dran. Und wir wären dadurch auf anderer Ebene wieder bei dem angekommen, was man uns schon im 19. Jahrhundert (gewiss auch pharisäisch) vorgeworfen hat. Wie aber ist solche Überhebung zu erklären bei einem Volk, das sich über Jahrzehnte an Unterwürfigkeit kaum übertreffen ließ? Vermutlich musste es irgendwann einmal so kommen bei Leuten, deren nationales Selbstwertgefühl man so lange herabgesetzt hat und denen man fast schon vom Kindergarten an Kollektivskrupel einpflanzte. Man hat ihnen die interessengesteuerte Mär als Wahrheit verkündet, Politik werde wesentlich von ethischen Grundsätzen geprägt, wir Deutsche hätten uns globalistisch ins Wesenlose zu verflüchtigen und ansonsten täglich vor dem Schrein alternativloser zivilreligiöser Errungenschaften zu beten. Und das sollen nach hiesigem Mainstream nun gefälligst die anderen auch tun.

Wer über zwei Generationen so auf Nationalmasochismus getrimmt wurde, braucht ein Ventil, um Dampf abzulassen, und sei es per Hypermoral und rauschhafter Polemik. Militärisch läuft wenig. Wir lassen uns zwar zuweilen Auslandseinsätze abpressen, und Ursula von der Leyen ist nicht ohne Ehrgeiz. Aber die Bevölkerung hängt zu stark am Ideal der Mainzelmännchen. Da klappt es ausschließlich auf dem Gebiet der Tugendapostelei, wo wir längst ins Finale der Champions League eingezogen sind. Immerhin haben wir so viel zu kompensieren, dass zuweilen (wie bei Österreichs Bestrafung wegen Haider) auch pure Machtdemonstrationen erwünscht sind. Auf andere seelische Ablaufkanäle hat Henryk Broder wohl zu Recht verwiesen, wenngleich ich einzelne Pauschalisierungen und Folgerungen nicht teile. Ein Zwergenaufstand gegen die Wirklichkeit mag politisch Krummgewachsenen seelische Linderung bringen, aber ich wiederhole: Er ist teuer und keineswegs ungefährlich.

Gibt es gleichwohl Hoffnung? Der Umstand, dass unsere (Qualitäts-) Medien, Kirchen und Kulturschaffenden den Kurs nicht etwa kritisieren, sondern explizit tragen, stützt solche Erwartungen kaum. Doch wir wollen nicht ausschließen – und jüngste Entwicklungen machen Mut –, dass unsere vermeintlichen „Volksvertreter“ nicht wirklich für die Mehrheit sprechen, sondern wesentlich nur für sich und ihre Klüngel. Um es genauer zu wissen, müssten allerdings noch erheblich mehr Staatsbürger aus ihrer Deckung herauskommen, um uns von solcher „Elite“ zu erlösen. Man verstehe dies als Appell.


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