21. Dezember 2016

Komische Fahndung Da ist doch irgendwas faul!

Ist es nicht sehr nett und zuvorkommend, dass Attentäter neuerdings immer ihre Papiere vor Ort für die Behörden hinterlassen?

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Bildquelle: DRogatnev / shutterstock Der nette Terrorist von heute: Reicht auch immer gleich seine Papiere am Tatort durch, die zwei Tage später auch schon gefunden werden ...

Da ist doch irgendwas faul.

Nachdem gestern abend rumging, dass der wegen des Berliner Anschlags zunächst festgenommene Pakisghane (man weiß es ja alles nicht so genau) zwar manches auf dem Kerbholz hat, hier aber nicht der Täter sein kann, brettert gerade eine neue Fahndung durch die Medien, ein Zugriff stehe unmittelbar bevor und so. Hinter einem Anis A. seien sie jetzt her, aber das weiß man nicht so genau, weil auch mindestens zwei bis drei andere Namen durch die Presse schwirren, der habe viele Namen und immer andere benutzt.

Die erste Seltsamkeit daran: Man will ihn anhand einer Duldungserlaubnis identifiziert haben, die man im Fußraum des Lkw fand. Dabei wird darauf verwiesen, dass auch der Attentäter in Nizza seinen Personalausweis in den Lkw gelegt habe. Leuchtet mir noch nicht so ganz ein.

Die zweite Seltsamkeit: Wenn ein Zugriff in NRW unmittelbar bevorstünde, wer wäre dann so blöd, das vorher in die Presse zu posaunen?

Und warum berichtet die Presse dann so breit darüber? Hatten wir nicht nach den Anschlägen auf die Olympischen Spiele 1972 oder der Geiselnahme von Gladbeck so Diskussionen darüber, dass eine in Echtzeit berichtende Presse die Festnahme sabotiert? Oder neulich beim Amoklauf im Münchner Einkaufszentrum?

Es ist doch schon seltsam, dass es nun Leute gibt, die enorme Vorwürfe gegenüber dem ZDF erheben, weil dies erst eine Stunde nach dem Anschlag begonnen hat, darüber zu berichten. Als ob niemand etwas daraus gelernt hätte, dass es durchaus schädlich sein kann, sofort zu berichten, und es erstmal wichtiger sein kann, die Polizei ungestört und ohne öffentliches Aufhebens ihre Arbeit machen zu lassen. Geht im Zeitalter von Twitter und Facebook aber nicht mehr, heute ist fast jeder Idiot mit Handy jederzeit bereit, auch Terroristen stets den vollen taktischen Überblick durchzureichen.

Warum also kommt in allen Medien, dass ein Zugriff bevorstehe? Will man den unbedingt sabotieren?

Noch kurioser: Es gibt quasi eine öffentliche Fahndung in der Presse nach Anis A.

Falls sie aber tatsächlich mal ein Bild dazupacken, ist es stark verpixelt. Siehe etwa „Focus“, „Welt“, „B.Z.“.

Was genau verspricht man sich von einer Fahndung mit verpixeltem Bild? Das vor allem von der Presse verpixelt wurde, denn obwohl es gleiche Bilder sind, sind sie jeweils ganz unterschiedlich verpixelt.

Oder ist es noch keine Öffentlichkeitsfahndung? Irgendwo hieß es, die müsse erst noch genehmigt werden. Sind die Bilder deshalb verpixelt, weil die Medien sich wieder mal ihren vorzeitigen Nachrichtenerguss nicht verkneifen konnten?

Oder ist das alles sowieso nur heiße Luft, die nur den Eindruck von Aktionen vermitteln soll, um das Rat- und Hilflosigkeitsvakuum zu füllen, das entstanden ist?

Das Problem ist doch heute: Die Öffentlichkeit ist entsetzt, sie verlangt Informationen am laufenden Band, ohne Pause, und es ist eine Phase entstanden, in der es einfach gar nichts zu berichten gab. Täter weg, man weiß nichts, über die Terrorfahrt ist alles bekannt, von den Opfern gibt’s nichts neues, der Bundespräsident hat den Helfern gedankt … ja, was schreibt man denn da?

Einfach mal gar nichts schreiben?

Einfach mal Ruhe geben und abwarten, was die da ermitteln und erfahnden?

Hatten wir das nicht schon so häufig, dass das erst mal eine Weile braucht, bis sich das aussortiert? Denkt man an den Mord an der Studentin neulich, als da auch erst mal lange nichts passierte und dann ein Haar in einem Busch ganz schnell und plötzlich den Erfolg brachte. Muss man nicht mal lernen, dass es da auch mal eine Ruhephase geben kann?

Geht nicht. Journalisten können nicht schweigen, und die Leute beschweren sich permanent, nicht ständig, verzögerungsfrei und kontinuierlich mit Pseudonachrichtenbrei gefüttert zu werden.

Irgendwie kommt mir das gerade faul vor.

Nachtrag: Es gingen ja heute auch Meldungen herum, wonach der polnische Fahrer bis zum Anschlag noch lebte und die im Fahrerhaus gekämpft haben müssen, er also versuchte, den Anschlag zu verhindern, oder Schlimmeres verhindert hat.

Wäre es aber denkbar, dass die auf der Straße gekämpft haben und die Fahrt in den Weihnachtsmarkt nicht beabsichtigt, sondern eine Folge dieses Kampfes war?

Zuerst erschienen auf der Internetseite des Autors.


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Dossier: Terror in Berlin

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Hadmut Danisch

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