03. Februar 2017

„Kontaktschuld“ Ansteckender Generalverdacht

Auch zeitversetzt möglich

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Bildquelle: Wikimedia Commons Böse: Siegfried schmiedet sein Schwert, wo später ef gedruckt wird

Aus einem Wikipedia-Eintrag zu einem deutschen Juristen und Lehrstuhlinhaber: „Ferner hielt er Anfang der 90er Jahre Vorträge vor der Deutschen Hochschulgilde Balmung zu Freiburg oder bei der 2. Weikersheimer Hochschulwoche, wo kurz zuvor beziehungsweise danach auch Personen wie *** beziehungsweise *** referierten, die der Neuen Rechten zugeordnet werden.“

Es gibt also neben der direkten „Kontaktschuld“ – X nahm an einer Veranstaltung teil, auf der auch Z gesehen wurde – offenbar auch die zeitversetzte, ins Überzeitliche ausgedehnte: X trat auf, wo vorher auch schon einmal Z redete, das halten wir lexikalisch fest. Auch wenn es, wie in diesem Fall, circa 25 Jahre zurückliegt. Kontaktschuld verjährt nicht. Worüber der Referent sprach? Wen kümmert das? (Allein dass eine Hochschulgilde „Balmung“ heißt – der Balmung ist das Schwert Siegfrieds im Nibelungenlied –, bietet hinreichenden Anlass zum Generalverdacht. Vor einem solchen Publikum ist jedes Thema falsch.) X verkehrt am liebsten in einem Lokal, in dem auch schon Hitler gern einkehrte (weil auch Hitler dort gern einkehrte?). Besonders subtil der enzyklopädische Hinweis, der besagte Vortragende sei an einem Ort aufgetreten, wo nach ihm auch der oder der skandalöserweise zu Wort kommen durfte. Glücklicherweise haben wir inzwischen dank informeller zivilgesellschaftlicher Vereinbarungen dafür gesorgt, dass es nurmehr noch wenige Orte gibt, wo der rechtschaffene, anständig gebliebene Deutsche damit rechnen muss, dass irgendwann nach ihm dort jemand auftritt, neben dem man ungern gesehen, gefilmt, abgehört oder mit Gegenständen beworfen werden möchte.

Schuldig machen kann sich der Mensch keineswegs allein durch indirekten Kontakt zu Unpersonen, sondern auch zu anrüchigen Druckerzeugnissen. Beziehungsweise – in diesem Fall muss wieder aufmerksam differenziert werden – zu relativ falschen Druckerzeugnissen in vollkommen anrüchiger Umgebung. Der aktuelle „Spiegel“ berichtet – das Verb hier ironisch gemeint – über die Berliner Bibliothek des Konservatismus. Um zu illustrieren, welch geistige Konterbande dort gehegt und gehortet wird, bildet die Gazette drei Beispiele aus dem Zeitschriftensortiment ab: Die „Preußische Allgemeine“, „Compact“ sowie die „Huttenbriefe“. Während es sich bei letzteren wohl tatsächlich um eine extremistische Publikation handelt (ich hatte das Blatt nie in den Händen), bekommt man die beiden übrigen Gazetten in jeder anderen Bibliothek auch und in gut sortierten Zeitschriftenhandlungen sowieso. Das ist ebenfalls schlimm, aber nicht wirklich veröffentlichenswert. Es sollte sich schon summieren. X traf Z am Ort A, wo es Schriften von B zu lesen gibt und schon einmal Y sprach. Nach ihm tauchte dort übrigens H auf. Das haut richtig ins Kontor.

Um die Sache ins Persönliche zu wenden: Ich etwa tafle gern in der Osteria Italiana in der Münchner Schellingstraße, wie dies der Führer ebenfalls gern tat – schon bevor er der Führer war. Zwar ließ mich der Padrone einmal bis in den Weinkeller vor, den Hitler ähnlich indigniert mied, wie ein frommer Muslim es täte, doch die anderen Räume, die ich benutzte, frequentierte auch der Böse. Beziehungsweise: das Böse. Ob dort jemals richtig antifaschistisch ausgeräuchert wurde? (Notfalls genügte auch eine Betriebsfeier des „Süddeutschen Beobachters“ mit Weizsäcker-Einspielung und Live-Gauckiade am Tag der Befreiung.) Außerdem steht in meiner heimischen Bibliothek „Mein Kampf“. Sogar zweimal, neben der deutschen noch eine englische Ausgabe. Jetzt warte ich nur noch auf Einladungen der Studentengilden „Nagelring“, „Mimung“ oder „Gram“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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