15. April 2017

IWF-Papier zur Bargeldabschaffung Im Schatten von Terror, „Tatort“ und Trump

Ein paar Gramm Gold und Silber ...

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Bildquelle: shutterstock Feind des IWF: Bargeld

Sagt Ihnen der Name Alexei Kireyev etwas? Nein? Mir bis vor kurzem auch nicht. Jetzt schon. Alexei Kireyev ist Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Verfasser des Arbeitspapiers „WP 17/71“. Obwohl das 26-seitige Dokument klar als IWF Working Paper deklariert wird, findet sich als erstes der Hinweis darauf, dass es ausschließlich die Meinung des Autors und nicht die des IWF oder seines Kaders wiedergebe. Des weiteren handle es sich dabei um keine Empfehlung seitens des IWF, sondern diene ausschließlich dem Zweck, die Debatte zur behandelten Thematik anzuregen. Oder anders gesagt: Der Mitarbeiter eines internationalen unnützen, überteuerten und US-dominierten Korpokratiemonsters verfasst ein Arbeitspapier für ebendiesen Arbeitgeber, der sich als erstes von dem Papier und seinem Inhalt distanziert. Aber das sind Petitessen – weiter im Text. Der Titel: „Die Makroökonomie des De-Cashing“. Zu Deutsch: Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen der Bargeldabschaffung.

Nun könnte man sagen, solange „die da oben“ sich in den Sphären gesamtwirtschaftlicher Auswirkungen bewegen, ist jede Art von Alarmismus verfrüht, die Bedrohung eine rein theoretische, da Lichtjahre von meiner Brieftasche und meinem täglichen Einkauf entfernt. Die Sache ist allerdings die: Der Titel täuscht. Was daherkommt wie trockenste zahlenlastige Sektorenanalyse für Finanzwissenschaftler, ist in Wahrheit ein handliches Argumentarium. Süffiges PR-Material für den Finanzlaien. Denn: Wo der angesprochenen Leserschaft erklärt werden muss, was Bargeld ist und was Buchgeld, wie der Gesamtgeldbestand einer Volkswirtschaft sich zusammensetzt, in welchem gesamtwirtschaftlichen Rahmen er zu betrachten ist und wie beispielsweise der Leistungsbilanzsaldo eines Landes zustandekommt, kann es sich bei dieser Leserschaft nicht um Experten handeln.

Aber auch die Vorgabe der Neutralität lässt sich nicht halten. Die Ansage, man wolle Vor- und Nachteile der Bargeldabschaffung aufzeigen, erledigt sich spätestens an jener Stelle, an der die Verhinderung von illegaler Migration und Klimaerwärmung ernsthaft als positive Auswirkungen der Bargeldabschaffung dargestellt werden und wo erklärt wird, die Leserschaft werde der Einfachheit halber von Erkenntnissen neuester De-Cashing-Experimente wie jenem in Indien verschont.

Zuerst präsentiert das Papier die „jüngsten Trends des De-Cashing“ aufgrund von Studien, die in Österreich, Deutschland, Kanada, Frankreich, in den Niederlanden und den USA realisiert worden sind. Spätestens damit ist klar: Die Sache läuft längst im Schatten der Hyperaktualität von Terror, „Tatort“ und Trump. Solche Untersuchungen wären ohne klares Ziel weder notwendig noch sinnvoll. Von einem „Trend in Sachen Bargeldabschaffung“ könnte bei etwas, das noch nicht begonnen hat und noch nicht aufgegleist ist, nicht die Rede sein.

Es folgen ein paar Zahlen zur Bargeldnutzung der Bevölkerung von Deutschland und den USA, Hinweise auf bereits umgesetzte oder geplante Maßnahmen verschiedener Regierungen, sowie etwas VWL-Klimbim. Dann mit Volldampf auf die Zielgerade. Von da an ist „WP 17/71“ die reinste Werbe- und Motivationsbroschüre, deren Hauptbotschaft in einem Nebensatz liegt: „Die einzige nützliche Funktion des Bargelds, die mit seiner Abschaffung verlorengehen würde, wäre jene als Crash-Indikator.“

Damit ist eigentlich alles gesagt: Sowohl für die Verfasserschaft des Papiers als auch für dessen Leserschaft ist Bargeld im besten Fall unnütz, eher hinderlich. Weder Grundrechte des Bürgers – Vertrags- und Eigentumsfreiheit – noch dessen Privatsphäre sind positive und schützenswerte Dinge. Im Gegenteil – es wird empfohlen, optimalerweise zusammen mit den großen Wirtschaftsakteuren, eine breite öffentlichkeitswirksame Überzeugungskampagne zu starten, um diese Dinge zu marginalisieren, vergessen zu machen und das bargeldlose Leben zu propagieren. Gleichzeitig wird zur Umsetzung flankierender Maßnahmen in Form eines unverdächtigen und weitestgehend schon heute „unbestrittenen“ (da nur die „Reichen“ betreffend – soweit sind wir schon!) Anreiz- und Motivationssystems geraten: Beschränkungen für Bargeldzahlungen, Abschaffung großer Banknoten, Kapitalverkehrskontrollen, hohe Besteuerung für Bargeldtransaktionen, Einführung von Melde- und Deklarationspflichten, und so weiter und so fort. Für Sie und mich, die cashmäßigen Neandertaler der Straße, die für mindestens 70 Prozent ihrer Transaktionen immer noch Bargeld verwenden, sind zwecks Vorurteilabbaus spielerische Umgewöhnungsaktionen wie jene, dass in einem ersten Schritt beispielsweise Kaffee nur noch mit dem Handy bezahlt werden kann, angedacht. Die lustige Verknappung von Bargeldautomaten und die Schließung von Bankfilialen können ebenfalls positiv unterstützend wirken. Wir werden sowas von Spaß haben!

Der Rest ist Preis- und Lobgesang: Die Enteignung der Bürger via Negativzinsen als „Mainstream-Politikoption“ wird zum hocheffizienten Kinderspiel, die Einsparungen von Transaktionskosten werden das Bruttoinlandsprodukt explodieren lassen (zwei bis 2,5 Prozent), die Zentralbanken werden dank Wegfalls von Waren-, Produktions-, Personal- und Transportkosten zu Horten nationalen Reichtums, Schwarz- und Grauwirtschaft werden abgeschafft und die Steuererhebung massiv verbessert (allein die Abschaffung der 100-Euro- und Pfund-Noten würde das Steuervolumen um 100 Milliarden vergrößern). Sie und ich werden dann nicht länger von Kriminalität geknechtet und geprellt, das Klima wird sich dank massiver Papiereinsparungen sofort erholen, und die illegalen Migranten, die, wie jeder weiß, ausschließlich zu uns kommen, um sich den Allerwertesten bei härtester Schwarzarbeit aufzureißen, werden ausbleiben. Und das beste zum Schluss: Wer so Schritt für Schritt vorgehe, die Menschen sanft an das Neue gewöhne, riskiere keine Demonstrationen, Protest-Spaziergänge oder gar soziale Unruhen und finde sich am Ende optimalerweise in der komfortablen Situation, dass die notwendige Verfassungsänderung, die für die definitive Abschaffung des Bargelds notwendig ist, nur noch eine Formalität ist.

Bis dahin, so wird empfohlen, sollten Häuslebauer, Selbständige, Freiberufler und sonstige Tausch- und Alternativ-Handelsaffinen im Auge behalten und weiter „untersucht“ werden. Vor Ersatz- und Leihwährungen und vor Tauschhandel wird ausdrücklich gewarnt. Dringend wird außerdem noch angeraten, die Sache im Fall von Währungsräumen nicht den Nationen zu überlassen, sondern sie supranational koordiniert durchzuziehen.

Eine der Zielsetzungen des Papiers ist in meinem Fall erreicht worden: Ich fühle mich nach der Lektüre von „WP 17/71“ ausgesprochen debattierfreudig. Außerdem ein weiteres Mal motiviert, ungefragt den immer selben Rat zu geben: Ein paar Gramm Gold und Silber in kleinstmöglicher Stückelung können nicht schaden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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