21. Mai 2017

Äußerungen von Franziskus über Flüchtlingscamps Es wird nicht leichter, den Papst zu verteidigen

Der Vergleich mit KZs ist nicht zu rechtfertigen

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Bildquelle: Stefano Guidi / Shutterstock.com Stellte einen unangebrachten Vergleich an: Papst Franziskus

Kürzlich durfte ich einen kleinen Vortrag mit anschließender Diskussion zum Thema „Medienkompetenz für Katholiken“ halten. Die Teilnehmer waren wohlgesonnen und fernab von Polemiken. Doch wenn man darauf hinweist, dass man den Papst sowohl vor ungerechtfertigten Angriffen als auch vor falschen Lobhudeleien in Schutz nehmen muss, dann schlägt einem auch unter guten Katholiken schon mal eine gehörige Portion Skepsis entgegen.

Papst Franziskus verscherzt es sich mit seiner Art mit vielen glaubenstreuen Christen, die sich durch ihn angegriffen fühlen und es manchmal wohl auch sind. Mein Beispiel im Vortrag war das „Karnickelgate“: der Hinweis des Papstes in einem Interview, Katholiken müssten sich hinsichtlich der Fortpflanzung auch nicht verhalten wie Kaninchen. Was er meinte, und im Zusammenhang wird das deutlich, ist ein Plädoyer für eine verantwortliche Elternschaft, die auch die eigene Leistungsfähigkeit und gesundheitliche Situation in Betracht zieht. Das allerdings ist keine Schlagzeile … „Papst Franziskus: Katholiken müssen sich nicht vermehren wie die Karnickel“ dagegen schon.

Kontext und Medienkompetenz

Man kann sich darüber aufregen, in welcher Weise der Papst, wie auch schon sein Vorgänger, von Interessengruppen innerhalb und außerhalb der Kirche instrumentalisiert und nicht selten aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wird. Das gehört aber zum „Spiel“ dazu, und so tut man gut daran, wenn der Papst oder ein anderer Kirchenvertreter mal wieder wegen einer Aussage kritisiert wird, den Gesamtkontext zu recherchieren. Gleiches gilt dann übrigens für unerwartete Rückendeckung: Wenn der „Spiegel“ den Papst lobt, könnte was faul sein an der Geschichte.

Man darf aber auch von einem hochrangigen Kirchenvertreter – und einen höheren als den Papst haben wir unter den irdischen Menschen nicht – erwarten, seine Aussagen im vorhinein abzuklopfen auf ihre mögliche Wirkung. Dazu stehen in aller Regel Berater zur Verfügung – zur eigenen Kompetenz gehört es dann, einen Rat auch mal in den Wind zu schlagen, aber berücksichtigen sollte man die Hinweise seines Teams schon. Von Papst Franziskus wird kolportiert, dass er sich gegenüber der Kurie ausbedungen habe, ab dem frühen Nachmittag machen zu können, was er gerne möchte. Zu dem Zeitpunkt treten dann den Kurienvertretern Schweißperlen auf die Stirn, weil sie nicht wissen, mit wem der Papst nun über was redet, welches Interview er zu welchem Thema gibt und welche spontane Aussage sie morgen von ihm in der Zeitung lesen werden, die sie dann zu verteidigen, zu erläutern und im Notfall zu relativieren haben.

„Flüchtlingslager sind Konzentrationslager“?

Denn mit Themen wie den „Kaninchen“ haben die Vatikanvertreter ihre Erfahrungen gemacht: Eine solche Formulierung, auch wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen wurde, wäre Papst Benedikt nicht mal nachts um drei unter Drogeneinfluss über die Lippen gekommen. Und wohl auch nicht der aktuelle Vergleich der Flüchtlingslager in Italien und Griechenland mit „Konzentrationslagern“. In einem Gottesdienst zum Gedenken an die Märtyrer des 20. und 21. Jahrhunderts zeigte sich der Papst betroffen über die Zustände in diesen Auffanglagern, die für viele Migranten und Flüchtlinge eine erste Anlaufstelle nach Europa darstellen, aber auch einen großen Unsicherheitsfaktor: Wird man von da aus Europa, das gelobte Land, erreichen? Schickt man mich wieder zurück?

Das alles mit Menschen, die in ihrer eigentlichen Heimat nicht selten traumatische Erlebnisse gemacht haben (nicht alle, aber eben doch viele). Und vor diesem Hintergrund und – auch das ist zum Verständnis wichtig – nachdem Karl Schneider über das Schicksal seines Vaters, des protestantischen Pfarrers Paul Schneider, der im KZ Buchenwald ermordet worden war, berichtet hat, beschreibt der Papst diese Lager so: „Die Flüchtlingslager sind Konzentrationslager wegen der Menschenmassen, die dort leben. Und die großzügigen Völker, die sie aufnehmen, müssen auch dieses Gewicht tragen, weil internationale Vereinbarungen wichtiger erscheinen als Menschenrechte.“

Fehlerhafte Vergleiche

Wenn ich ehrlich bin: An diesen Äußerungen ist nicht nur der Vergleich beziehungsweise die Gleichsetzung der Flüchtlingslager mit Konzentrationslagern fehlerhaft. Denn in der Tat sind internationale Vereinbarungen die Grundlage des Zusammenlebens in Europa und in der Welt. Da gilt es, humanitär zu helfen, aber auch abzuwägen, was für die Menschen in den Lagern, aber auch für die Menschen im eigenen Land, tragfähig erscheint. Wer sich dabei mit Ruhm bekleckert und wer eher nicht, werden irgendwann die Geschichtsbücher entscheiden, aber internationale Vereinbarungen zur Flüchtlingspolitik gegen Menschenrechte in Stellung zu bringen, ist kaum sachgerecht.

Und natürlich sind diese „Lager zur konzentrierten Aufnahme von Flüchtlingen“ – was man mit „Konzentrationslager“ abkürzen könnte – etwas ganz anderes als die KZs im Dritten Reich oder in der ehemaligen Sowjetunion oder heute noch in Nordkorea. Diese Lager dienten lediglich dem Zweck der massenhaften Vernichtung von Menschen, die Lager in Lesbos oder Lampedusa sind, auch wenn die Verhältnisse dort erschreckend sein mögen, der Versuch, zu helfen. Die schiere Masse von Menschen macht ein Lager nicht zu einem KZ, wie es der Papst hier offenbar andeutet.

Guter Wille kann nicht vorausgesetzt werden

Vor einiger Zeit wurden zentrale Auffanglager für Flüchtlinge in Deutschland mit der Begründung abgelehnt, in Deutschland dürften keine Konzentrationslager entstehen. Diese Formulierung war damals – bei vielen, nicht allen – durchaus opportun, und es gehört schon ein gerütteltes Maß an Heuchelei dazu, den fehlerhaften Vergleich des Papstes heute zu skandalisieren. Eine vernünftige Stimme von Betroffenen hört man dazu vom Internationalen Auschwitz-Komitee, das die Überlebenden dieses KZs repräsentiert. Ein Vertreter dieses Komitees, Christoph Heubner, wird damit zitiert, dass er die Wortwahl nicht empörend empfindet. Papst Franziskus habe es „in guter Absicht“ gesagt; er überzeichne, um Herzen in Bewegung zu bringen. Das sei „legitim“.

So also kann man das sehen, und doch wollen es viele so nicht sehen. KZ-Vergleiche werden dabei in Deutschland historisch berechtigt noch mal anders bewertet als im Rest der Welt. Überall auf der Welt, auch in Italien, auch in Südamerika, steht der Begriff „Konzentrationslager“ heute synonym für die Vernichtungslager in Hitler-Deutschland und den damals besetzten Gebieten. Das kann der Papst wissen, das muss er wissen, und das muss er berücksichtigen. Der Papst darf nicht davon ausgehen, dass man ihn schon wohlwollend interpretieren wird, und ich bin der Überzeugung, er darf seine Leute, seien sie in der Kurie oder kleine Blogger, die zu seiner Verteidigung angetreten sind, nicht dazu zwingen, derartige Formulierungen zu rechtfertigen.

Verteidigung ja– aber nicht alles

Papst Franziskus ist natürlich nicht dumm: Er weiß, was ein Konzentrationslager ist und was mit dem Begriff verbunden wird. Er weiß, dass die Flüchtlingslager nichts dergleichen darstellen, in ihnen keine Vernichtung geplant wird, Menschen nicht organisiert ermordet werden. Deswegen interpretiere ich seine Aussage eher vor dem Hintergrund der drastischen Bilder, die er von seinen Besuchen dort vor Augen haben mag. Aber der Papst kann nicht davon ausgehen, dass das jeder so tut, und ich empfinde die stellenweise Empörung über den KZ-Vergleich durchaus als legitim. Ich werde weiterhin den Papst verteidigen, aber auch nur dann, wenn diese Verteidigung sinnvoll möglich ist. Der Papst mag also hier Gutes im Sinn gehabt haben – aber das reicht nicht. Die Gleichsetzung der Flüchtlingscamps mit KZs ist nicht zu rechtfertigen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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