23. Mai 2017

Essen in Gesellschaft „Für mich nur ein Wasser bitte!“

Greifen Sie lieber zu!

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Bildquelle: shutterstock Lust am Übermaß: Greifen Sie zu!

„Für mich nur ein Wasser bitte!“ Die Wahrscheinlichkeit, diesen Satz bei offiziellen oder geschäftlichen Anlässen zu hören, steigt direkt proportional zum durchschnittlichen Gesamtoutfit-Preis der Umgebungsgesellschaft. Ausgesprochen wird er meist in einem kultiviert auf Umgebungslautstärke temperierten, gefälligen Sopran. Das geübte Ohr hört ihn jedoch im Mittelteil der vorgetragenen Bitte sofort: diesen nicht ausgestoßenen, nur mitgedachten Seufzer, der das ganze brennende Bedauern, den tief empfundenen Schmerz über die Bürde des gebrachten Opfers offenbart und dem Kenner unmissverständlich anzeigt, dass die sich so äußernde Dame gerade Lust auf alles in der Welt, nur eben nicht auf ein Wasser hat.

Das Phänomen ist keineswegs auf Frauen beschränkt: In feiner Gesellschaft – und darüber muss endlich einmal offen gesprochen werden – bestellen wir uns nur selten das, was wir wirklich essen oder trinken möchten. Sondern wir wählen etwas, von dem wir meinen, dass es von Menschen gegessen oder getrunken werde, die so sind, wie wir uns vorstellen, dass sie diejenigen Personen, die wir zwar nicht kennen, aber mit denen wir gerade am Tisch sitzen, am ehesten beeindrucken würden. Weine machen Leute! Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist! Kurzum: Das Verzehrte ist nicht privat!

Da können wir noch so erfolgreich und wohlhabend werden, noch so viele Krisen meistern und Leader-Coachings über uns ergehen lassen: Wir wollen in der Öffentlichkeit einfach nicht als triebgesteuerte, beim Anblick von knusprigem Bacon in Blutrausch verfallende Urwesen gesehen werden. Nicht als sich der Völlerei hemmungslos und bar jeder Kontrolle hingebende Verschlingungs-Junkies. Nicht als hemdsärmelige, biertrinkende Schalke-Fans, die beim Skat Blondinenwitze reißen und einen Merlot nicht von einem Riesling unterscheiden können. Nicht als hinterwäldlerische Frauentauschrezipientinnen, die mit ihren Freundinnen Channing Tatum anschmachten und sich dabei mit lieblichem Fruchtwein zuschütten.

Kurzum: Wir wollen auf keinen Fall als das gesehen werden, was wir in Wirklichkeit sind. Nein, unsere Order an den Kellner sei unser Persilschein vor der Welt! Seht her: Ich verfüge über Selbstbeherrschung und guten Geschmack! Ich bin ein Genießer, ein Gourmet, ja ein Gaumenschmauser! Und so bestellen wir artig Wasser statt Whisky, Hirse statt Haxe und Barolo statt Becks. Wir zwingen uns, mindestens zwei Mal auszulassen, bevor wir wieder von den Häppchen nehmen, wir ignorieren tapfer die Knabbereien auf den Stehtischen, und spätestens beim zweiten Mal reagieren wir auf die Frage des Kellners, ob er nachschenken darf, mit gespielt entsetzter Abwehr, als wäre schon die Vorstellung, ein drittes Glas Wein zu trinken, nichts als eine charakterliche Abscheulichkeit. Ja, was denkt er denn eigentlich von uns!

Wo ist er, wenn man ihn braucht? Der Erlöser, der Erretter, der Erneuerer? Der Eine, der endlich aufsteht und sagt: „Es ist genug!“? Der im maßgeschneiderten Armani-Anzug kessen Schrittes das Buffet für uns zurückerobert, ach was, zurückerstürmt, indem er mit der ganzen Gelassenheit eines in sich ruhenden Giganten die ungesündesten Unaussprechlichkeiten auf nicht weniger als zwei Tellern gleichzeitig aufhäuft, um sie vor aller Augen in einem Akt ritueller, dammbruchartiger Befreiung zu verschlingen? Der uns zurückholt, was wir einst besaßen und was wir irgendwo in der prüden Prohibition des Viktorianismus verloren haben müssen: den Mut, die Lust am Übermaß genüsslich zu zelebrieren! Die Ungeniertheit, unsere Gier herzuzeigen wie eine kostbare kleine Frivolität! Oder zumindest die Courage, uns ein verdammtes Bier zu bestellen, wenn wir nun mal ums Verrecken keine Lust auf einen Grauburgunder haben!

Vielleicht ist er irgendwo da draußen und wartet auf seinen Moment. Vielleicht aber gibt es ihn auch gar nicht. Dann liegt es an uns. An Ihnen, um genau zu sein. Denken Sie an alle, die sich da tapfer durch Stunde um Stunde karger Enthaltsamkeit darben und dem Moment entgegenfiebern, in dem sie wieder in die wohlige Anonymität des Alleinseins entlassen werden, nur um zum nächsten McDonald‘s fahren und drei McRibs mit Pommes und Cola vertilgen zu können. Bitte retten Sie unser letztes bisschen Würde! Bitte beenden Sie dieses Tugendschauspiel im Namen des gepflegten Gelages! Bitte greifen Sie beherzt zu!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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