31. Mai 2017

Amazing or obsolete? Trump und seine journalistischen Stammtisch-Gegner

Die Presse sollte sich ihrem Kerngeschäft zuwenden

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Bildquelle: Hadrian / Shutterstock.com Beliebt bei deutschen Medien: Trump-Bashing

Nach einigen Wochen, in denen Deutschlands Medienschaffende wegen Erfolglosigkeit ein wenig die Lust verloren zu haben schienen, standen die vergangenen Tage wieder ganz im Zeichen des beliebten Trump-Bashings. Glaubt man einer aktuellen Harvard-Studie, ist Deutschland in dieser Disziplin ohnehin Weltmeister. Jedenfalls führt die ARD das internationale Ranking der Negativberichterstattung über den US-Präsidenten an. Zwar haben findige Journalisten festgestellt, dass die in der Studie kolportierten 98 Prozent negativer Berichte viel zu hoch gegriffen sind, doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass Politik und Medien sich gerade hierzulande darin gefallen, Trump in die Pfanne zu hauen. Und während sich die Journaille ob ihres Rechercheerfolges tagelang in den Armen lag, hatte ihr der investigative Eifer nur eine Woche zuvor vielfach gefehlt. Da hatte eine SPD-Beschäftigte mit dem schmuckvollen Titel der „Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer“ fast 130.000 Euro an Steuergeldern verbraten, um sich mit einer „Fake“-Studie fünf Minuten Ruhm zu sichern. „Unwissenschaftlich“ ist noch das freundlichste Attribut, das der Kampfschrift anhaftet, in der Quellen frei erfunden worden waren, um linke Stammtischparolen mit persönlichen Statements zu untermauern. Der ideologische Versuch, dem Osten eine innige Liebe zum Nationalsozialismus anzudichten, wurde eher beiläufig aufgedeckt, nachdem die ursprüngliche Veröffentlichung geradezu euphorisch gefeiert worden war.

Wäre nicht Trump unterwegs gewesen, sondern Obama ...

Doch zurück zu Trump, der vor allem auf seiner schwierigen Nahost-Mission eine ausgesprochen gute Figur machte, mal abgesehen vom traditionellen US-Kuschelkurs mit Saudi-Arabien, an dem sich auch die Bundesregierung mit Hingabe beteiligt. Aber gerade in Israel präsentierte sich Trump souverän. Auch sein vielbeachteter Auftritt beim Papst mit Ehefrau und Tochter geriet ausgesprochen würdevoll. Die „Rheinische Post“ bescheinigte dem ersten Teil seiner Reise einen „Erfolg“ und bilanzierte: „Keine Ausfälle des Präsidenten. Trump als Staatsmann“, um sich an anderer Stelle dann am Lieblingssport der Kollegen zu beteiligen, den US-Präsidenten verächtlich zu machen, ohne irgendetwas Substantielles berichten zu können. Wäre nicht Trump unterwegs gewesen, sondern sein Amtsvorgänger Obama – die Titelseiten wären voll des Lobes und die Klatschspalten voller bunter Bilder gewesen. Doch Trump ist Trump – da greift man gerne mal zu Fake News. Und weil die deutschen Medienschaffenden gegenüber dem insgesamt des Englischen nicht ausreichend kundigen Publikums im Vorteil sind, genügt schon die geschickte Suche nach der unpassendsten Übersetzung, um dem deutschen Nachrichtenkonsumenten zu suggerieren, der amerikanische Präsident habe sich wieder einmal im Ton vergriffen. Bisher war das englische „obsolete“ die Lieblingsvokabel der Redaktionen. So hatte Trump die NATO bezeichnet. Wer mit der Sprache vertraut ist, kann dies nur als Hinweis auf die Reformbedürftigkeit verstehen.

Deutschlands Presse musste sich an Übersetzungsspielchen befriedigen

Wer aber dem obersten Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in den Mund legen möchte, er wolle die NATO abschaffen, übersetzt „obsolete“ so trickreich wie falsch mit dem deutschen „obsolet“. Genauso verfuhren Deutschlands Journalisten nach Trumps Besuch in Yad Vashem, den dieser als „amazing“ bezeichnete. Jeder kundige Übersetzer würde – abgeleitet von „amazing experience“ – von einer „beeindruckenden Erfahrung“ sprechen. Viel lieber aber unterstellt man, der US-Präsident habe die Gedenkstätte quasi als Disney-verdächtiges Spektakel empfunden. Deutschlands Presse musste sich an Übersetzungsspielchen befriedigen, weil Trump in Nahost keine Fehler machte.

Und auch der „Kleiderskandal“, den man den Trump-Frauen andichten wollte, war eine journalistische Peinlichkeit: Präsentierten sich Gattin und Tochter in Saudi-Arabien locker und unverschleiert, so traten sie beim Papst züchtig gekleidet und ganz in Schwarz auf. Allen, die hier eine Doppelmoral zu erkennen glauben, sei gesagt, dass es einen Unterschied macht, ob man dem Oberhaupt einer Kirche durch die Wahl der Kleidung seinen Respekt zollt oder mit Regierungs- und Wirtschaftsvertretern eines Landes zusammentrifft, denen man keinerlei Kleiderordnung schuldet. Man würde sich wünschen, dass sich die Journalisten irgendwann auch in Deutschland mal wieder ihrem Kerngeschäft zuwendeten, statt sich in ungelenken Übersetzungen oder in Bekleidungstipps für die First Lady zu versuchen. An Politikfeldern, die kritisch hinterfragt werden müssten, mangelt es jedenfalls hierzulande nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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