31. Mai 2017

DFB-Pokalfinale Gegen die Helenisierung des Fußballs

Die Pfiffe waren noch zu hören

Artikelbild
Bildquelle: Sven-Sebastian Sajak (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Ausgepfiffen: Helene Fischer

Natürlich kann man Helene Fischer mögen. Und natürlich kann man es ablehnen, wenn eine Künstlerin von den Zuschauern während eines Auftritts ausgepfiffen wird. Derlei Meinungsäußerungen jedoch während Liveübertragungen von öffentlichen Veranstaltungen totzuschweigen, käme einer ungleich größeren Unsitte gleich und wäre ähnlich zu werten wie der moralapostolische Versuch, leicht bekleidete Beachvolleyballerinnen mit schwarzen Balken vor voyeuristischen Blicken zu „schützen“.

Möglicherweise sollen wir uns aber an genau derlei Balken – visueller wie auch akustischer Natur – gewöhnen. Und wir wissen aus der Vergangenheit: Diese Balken sind aus demselben Holz geschnitzt wie die Köpfe der Zensoren und die Bretter davor. Das DFB-Pokalfinale von Berlin bot einen ersten Vorgeschmack darauf – nicht wegen des Auftritts der wie üblich offenherzig gekleideten Helene Fischer, sondern wegen des medialen Umgangs mit der laut geäußerten Zuschauerkritik während ihres Auftritts.

Beides zusammen ist Ausdruck der staatstragenden Entrücktheit der Veranstalter und Initiatoren, in diesem Falle also: des Deutschen Fußball-Bundes in Zusammenarbeit mit den Fernsehsendern. Diese blendeten zwar keine Balken ein, wohl aber das Pfeifkonzert aus, so gut es eben ging, und um auch die letzten Reste des Unmuts zu überstrahlen, wurde die Fisch(er)-Konserve hochgedreht.

So kamen die Fernsehzuschauer in den akustischen Genuss eines Auftritts, den vor Ort niemand erlebte. Böse Geister könnten dies als öffentlich-rechtlich organisierte Fake News bezeichnen. Wohlmeinende könnten aber auch gerade in dieser Peinlichkeit eine Werbung für den Fußball erkennen – wohlgemerkt für den echten Fußball 1.0, den mit der wüsten Beschimpfungs- und Beleidigungskultur, mit jeder Menge alkoholisierter und verschwitzter Zuschauer aus prekären Verhältnissen, und mit der labberigen Bratwurst und der abgestandenen Plörre in der Halbzeitpause.

Dass eine solche Erfahrung guttun könnte, schien auch Helene Fischer selbst zu spüren. Im Fernsehinterview vor ihrem Auftritt räumte sie ein, dass es für sie eine neue Erfahrung sei, dass ein vollbesetztes Stadion voller Energie ist. Der anschließende Auftritt lehrte sie, dass ein volles Fußballstadion auch anders kann als brav einfach nur wohltemperierte Schlagertexte mitsingen. Es ist wohl genau diese ungebändigte, freie Energie, die bei den Produzenten von sedierender Staatsöffentlichkeit als gefährliche No-Go-Area gilt. Es ist nicht völlig unrealistisch, dass bei kommenden Pokalfinalen die Halbzeit-Show mit zweiminütiger Verzögerung ausgestrahlt wird, um rechtzeitig die Außenmikrophone herunterzuregeln.

Dieses Mal hat das noch nicht ganz geklappt, die Pfiffe waren noch zu hören. Vielleicht sollten die deutschen Fernsehsender einfach demnächst einen Praktikanten bei zensurtechnisch erfahrenen Übertragungsspezialisten hospitieren und Erfahrungen sammeln lassen. Alternativ könnte das Halbzeit-Entertainment auch direkt von der Jubelmeile am Brandenburger Tor gesendet werden – was in diesem Jahr wegen des gleichzeitig stattfindenden Kirchentags ein Leichtes gewesen wäre.

Wahrscheinlicher ist es aber, dass demnächst die gerade losgetretene No-Smartphone-Kampagne aus den Schwimmbädern auch in die Stadien herüber schwappt – damit auch über die immer noch so gefährlich-freien und unzensierten Kanäle des „Pöbel-TV“ (Facebook, Youtube, Instagram und Co) künftig keine imagebeschmutzende Dokumentation der Realität mehr möglich ist. Denn dort gibt es den Auftritt von Fischer sozusagen „unplugged“ mitsamt der grandiosen Zuschauerreaktion auf die Helenisierung des Fußballs unzensiert zu hören – noch.

Meinungsfreiheit ist Maas-los!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Kulturelles

Mehr von Matthias Heitmann

Über Matthias Heitmann

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige