22. Juni 2017

Pannenserie in Paris Es brennt im Élysée-Palast

Kein Grund zur Aufregung

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Bildquelle: Frederic Legrand - COMEO / Shutterstock.com An der Macht: Emmanuel Macron

Es begann mit einem rauschenden Wahlsieg und mündete in die bisher bizarrste Woche der schon vorher reichlich seltsamen Präsidentschaft des neuen französischen Hoffnungsträgers Emmanuel Macron: Nicht einmal zwei Wochen nach seinem auch in Deutschland mit großer Begeisterung gefeierten Sieg bei der Parlamentswahl hat der neue Herr im Élysée-Palast schon drei Minister verloren. Nach Verteidigungsministerin Sylvie Goulard gaben auch Justizminister François Bayrou und Europaministerin Marielle de Sarnez ihre Posten auf, offenbar sind alle mehr oder weniger tief verstrickt in eine Affäre um Scheinbeschäftigungsverhältnisse, wie sie in Frankreich und Deutschland bis vor kurzem überaus üblich waren.

Europas eiserner Kern, die Achse Berlin-Paris, sie sollte die Völker vorm Zugriff der Rechtspopulisten und Europafeinde retten. Und nun steht die Karre schon nach acht Tagen da, fahruntüchtig, moralisch verschlissen, auch „Macromanie“ („Spiegel“) könnte schneller „Macrophobie“ („Politplatschquatsch“) werden als der „Spiegel“ sein Erscheinen auf einen noch absatzträchtigeren Wochentag verlegen kann.

Immerhin: Die Reaktionen im Machtzentrum sind milde. „Macron verliert Minister“ konstatiert die „Zeit“ seltsam unbewegt. In der „Tagesschau“ wird eine „Kabinettsumbildung“ verkündet, „Macron räumt auf“ phantasiert das „Westfalenblatt“, und „Minister-Domino in Paris“ spielt die „Süddeutsche“, als ginge es hier nicht um das Schicksal eines ganzen Kontinents, um die Zukunft Europas und den möglichst schnellen Ausbau der EU.

Was für ein Unterschied zu den Tagen, als die deutschen Leitmedien noch von der Eigen-Imagination beseelt waren, die Trump-Administration in Washington könnte bei nur ausreichend konzentriertem Dauerfeuer in Bälde auseinanderfallen. Jeder Rücktritt, und sei es der eines Subalternen oder einer noch von Obama ernannten Vize-Ministerin, kündete von der nahenden Trump-Dämmerung.

Der letzte aller Tage, er war immer heute, jedenfalls fast, jede wackelnde Personalie war eine „Schlappe“ („Bild“), und jeder Rücktritt kündete von einer „schwerwiegenden Krise“ („Spiegel“).

Dergleichen Schlagzeilen macht die Pannenserie in Paris nicht. Vier in Serie gescheiterte Minister zeigen nur: „Macron räumt auf – elegant und hart“ („heute“), hier frisst bloß mal wieder eine „Revolution ihre eigenen Kinder“ („Welt“), und „Macron wirft Ballast ab“ („Handelsblatt“). Alles gut also beim wichtigsten Verbündeten. Kein Grund zur Aufregung. Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Wie in den Niederlanden, die erst einen „Sieg der Vernunft“ erlebten. Und seitdem gar nicht mehr erwähnt werden, weil all die Vernunft auch nach vier Monaten noch keine Regierung zusammenbekommen hat.

Dieser Artikel erschien zuerst auf politplatschquatsch.com.


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