04. August 2017

Jeff Deist über Libertarismus Paradoxon des Schwarzen Lichts

Für einen neuen Libertären

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Bildquelle: shutterstock Sollte nicht zerstört werden: Familie

Denke über diese Frage nach
Öffne deine Augen
Untersuche dein eigenes Spiegelbild
Wofür bist du bereit zu sterben?

Illumination Theory, „Dream Theater“

Obiges Zitat stammt aus Jeff Deists Schlussfolgerung bei seinem Gespräch vor Studenten der Mises-Universität und Teilnehmern der Corax-Konferenz 2017. Worum ging es ihm dabei?

„Libertäre haben eine unangenehme Neigung, dem Utopismus zu verfallen, Freiheit darzustellen als etwas Neuzeitliches und höher Entwickeltes. In diesem Sinne können sie wie Progressive klingen: Freiheit wird erst funktionieren, wenn Menschen endlich ihre verbohrten und alten Ideen bezüglich Familie und Abstammung ablegen, zu rein rationalen Freidenkern werden, die Mythologie von Religion und Glauben fallen lassen und ihre veralteten ethnischen, nationalistischen oder kulturellen Zugehörigkeiten zugunsten des hyperindividualistischen Glaubens ablegen. Die Leute müssen ihre altmodischen sexuellen Vorlieben und bourgeoisen Werte aufgeben, mit Ausnahme des Materialismus.“

Libertäre dieses Schlages – und von ihnen gibt es zugegebenermaßen viele – klingen wie Kulturmarxisten; oder, wie ich sie gerne nenne, kulturelle Gramsciisten. Antonio Gramsci war ein marxistischer Denker und Philosoph. Er kam zu dem Schluss, dass der Westen nicht für den Kommunismus gewonnen werden könne durch einen Aufstand der Arbeiterklasse; stattdessen sei die Zerstörung der Kultur notwendig. Gramsci war die Frankfurter Schule, bevor es überhaupt eine gab. Libertäre von der linken Seite begrüßen Gramsci – einige erwähnen ihn sogar namentlich (kein Scherz), die anderen im Geiste. Sie stimmen in ihrem Wunsch nach Zerstörung traditioneller westlicher Kultur mit Leuten von der Sorte eines George Soros sowie der meisten westlichen Regierungen und Institutionen überein. Was glauben Sie, wer diese kulturzerstörende Straße am besten befährt – Ihre Regierung oder jemand wie Kevin Carson oder das „Reason Magazine“? (Oder gehören die alle zum selben Team?)

Um zu Deist zurückzukehren: „Während Libertäre enthusiastisch Märkte befürworten, haben sie über Jahrzehnte den desaströsen Fehler gemacht, der Familie gegenüber feindlich eingestellt zu sein, gegenüber der Religion, Tradition, Kultur und gegenüber bürgerlichen oder sozialen Institutionen – mit anderen Worten, feindselig gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft selbst. Was eigentlich bizarr ist, wenn wir darüber nachdenken. Die bürgerliche Gesellschaft stellt gerade die Mechanismen bereit, die wir brauchen, um eine Gesellschaft ohne Staat zu bauen.“

Vor vielen Jahren, bevor ich reif genug war, überhaupt irgendetwas in Verbindung mit der Idee des Libertarismus und der Kultur zu durchdenken, versuchte ich, meinem Vater libertäre Theorie zu erklären. Er fragte mich ganz direkt: „Was bist du? Kommunist?“ Ich dachte, er sei verrückt, aber ich musste lernen, dass er davon weitaus mehr verstand als ich.

Irgendetwas oder irgendjemand wird regieren. Diejenigen, die das anders sehen, verstehen nichts von der menschlichen Natur und menschlicher Wirklichkeit. Kommunisten und Libertäre wie die genannten sind derselben Auffassung – sie vertreten beide eine Sichtweise, die nicht nur nicht praxistauglich ist, sondern die sich nachweislich als eine der tödlichsten erwies, mit der Menschen jemals beglückt wurden: Es muss keine Hierarchie geben, ein neuer Mensch wird entstehen, der keine Autorität über sich selbst benötigt.

Irgendetwas oder irgendjemand wird regieren. Und nirgendwo in der Menschheitsgeschichte wurde die Gesamtheit an Regierungstätigkeit ausschließlich in Märkten manifestiert. Ehrlicher Handel war nie die einzige regierende Macht, diejenige, durch die Ordnung in der bürgerlichen Gesellschaft bereitgestellt wird.

Ich bin mir zweier Dinge sicher: Erstens, Menschen werden immer der Religion zuneigen – Göttern oder Gott, irgendetwas Größerem, Umfassenderem und Tiefgründigerem als sich selbst. Da die gesamte aufgezeichnete Geschichte auf meiner Seite ist, evident in jeder Kultur rund um den Globus, werde ich gegenläufige Positionen nicht als vernünftige in Betracht ziehen.

Zweitens: Solange der Mensch damit fortfahren wird, diese Welt zu bevölkern, wird er zunächst in eine Familie geboren; er wird einen Vater und eine Mutter haben. Und in dieser Familie wird er sich der ersten Regierungsstruktur gegenübersehen. Auch hier steht die gesamte Geschichte (und Biologie) auf meiner Seite, also sparen Sie sich die Meinungsverschiedenheiten.

Abseits irgendwelcher dystopischer Reagenzglas-Alpträume – eine Kategorie, in die ich die Ideen vieler Linkslibertärer und kultureller Gramsciisten packen kann – werden Kinder auf diese Weise geboren und erzogen.

Um in dieser Welt funktionieren zu können, werden Individuen hinzukommen. Viele bleiben der Familie ein Leben lang verbunden – dies zu leugnen, bedeutet, die Realität zu ignorieren. Wenn Kinder aufwachsen und heranreifen, werden sie sich vielleicht dazu entscheiden, die Familie zu verlassen und eine andere zu gründen – buchstäblich oder im übertragenen Sinne. Sie treten sozialen und bürgerlichen Gruppierungen bei; sie gehen andere Bindungen ein, sie bilden Institutionen oder Organisationen. Individuen entscheiden sich zur Zugehörigkeit.

„Es muss wohl nicht erwähnt werden, dass die Familie die erste Verteidigungslinie gegen den Staat war sowie die wichtigste Quelle vorrangiger Loyalität – oder, aus der Perspektive von Politikern, geteilter. Unsere Verbindung zu Vorfahren und unsere Sorge um Nachkommenschaft erzählen eine Geschichte, in der der Staat nicht die Hauptrolle spielt.“ Doch, Jeff ... traurigerweise muss das erwähnt werden. Linkslibertäre werden sich vielleicht fragen: Warum verwendet der Staat soviel Energie darauf, die Familie zu zerstören? Vielleicht deshalb, weil der Staat dasselbe Ziel verfolgt wie diese Linkslibertären: Der Staat trachtet also danach, sich selbst abzuschaffen?

Ich könnte darauf wetten, dass dem nicht so ist, und ich wette, dass der Staat – in voller Übereinstimmung mit Antonio Gramsci – sehr viel besser als oberflächlich denkende (oder ganz einfach unehrliche) Linkslibertäre weiß, wohin diese Straße führen wird.

„Religionen bilden eine weitere wichtige Verteidigungslinie gegen den Staat. Tatsächlich kann die gesamte Menschheitsgeschichte nicht verstanden werden ohne ein Verständnis der Rolle, die der Religion zukam. Sogar heute noch glauben große Anteile der Menschen im Westen an Gott, unabhängig von ihrer jeweiligen religiösen Ausrichtung. Und der Glaube an eine Gottheit fordert die Allwissenheit und den Status des Staates heraus. Auch hier ist Religion ein potentieller Rivale im Buhlen um die Loyalität des Individuums.“ Es handelt sich um ein Gesetz aus einer Quelle außerhalb und oberhalb eines jeden heute lebenden Menschen nennen Sie es, wie Sie wollen, Gott oder von mir aus Gewohnheit oder Tradition. Beginnend mit der Renaissance haben wir uns auf einen Punkt zubewegt, an dem manche Menschen über dem Gesetz stehen – die erleuchteten Denker üben Autorität über jeden von uns aus, weil sie das Gesetz sind.

Individuen wollen sich zugehörig fühlen. Meistens folgendem: Familie, bürgerliche Organisationen, Religion. Irgendetwas wird regieren. Entweder durch diese freiwilligen (oder zumindest halbwegs freiwilligen) Mittel, oder durch Zwang: Regierung, so wie wir sie heute kennen. Ich bevorzuge die kulturellen Mittel; sich anders zu entscheiden, bedeutet, sich für Zwang auszusprechen, der von einer Regierung ausgeübt wird. Weil sich Regierungsstrukturen in menschlichen Beziehungen nicht vermeiden lassen.

„Ich kann Ihnen versichern, dass ich an Ihren persönlichen Glaubensüberzeugungen oder Ihrem Lebensstil nicht interessiert bin und auch kein Urteil darüber fällen will – ebenso wie Murray Rothbard. Und selbstverständlich macht der Libertarismus per se auch keine Vorschriften diesbezüglich, wie jemand leben möchte.“ Ich hatte eigentlich gehofft, dass das nicht extra erwähnt werden muss, aber das muss es offensichtlich doch.

„Dennoch ist wahr, dass die bürgerliche Gesellschaft von Libertären so oft wie möglich geschätzt werden sollte. Etwas anderes zu glauben, bedeutet, zu ignorieren, was Menschen wirklich wollen und tun, also Gemeinschaften bilden.“ Dies nicht zu glauben, bedeutet, auf die Erschaffung eines neuen Menschen zu hoffen – also etwas, wonach jede utopische politische Philosophie ruft; etwas, das immer in Tod und Zerstörung endete.

„Es gibt einen Begriff für Leute, die an gar nichts glauben: nicht an Regierung, Familie, Gott, Gesellschaft, Moralität oder Zivilisation. Man nenne sie Nihilisten, nicht Libertäre.“ Ich glaube, Jeff übertreibt nur etwas: Sie glauben an etwas, an Märkte – nur nicht an Privateigentum ... was, wie mir völlig bewusst ist, natürlich unmöglich ist ... aber nun ja, so sieht es dort aus. Vielleicht hat Jeff also doch nicht übertrieben.

„Mit anderen Worten, Blut, Erde, Gott und Nation bedeuten Menschen nach wie vor noch etwas. Libertäre ignorieren das – und riskieren damit, sich selbst überflüssig zu machen.“ Versuchen Sie einmal, einen Großteil Ihrer Nachbarn davon zu überzeugen, dass all diese Dinge keine Rolle spielen; Sie werden schnell lernen, was der Begriff „Irrelevanz“ bedeutet, weil Sie sich selber als irrelevant wiederfinden werden.

„Ich habe (Bionic Mosquito) dieselbe hypothetische Frage gestellt, die ich auch Ihnen stellte: Wofür sind sie bereit zu sterben? Die Antwort auf diese Frage sagt uns eine Menge darüber, worum sich Libertäre kümmern sollten.

Damit meine ich: Wofür würden Sie physisch kämpfen, selbst dann, wenn Sie sich dadurch ernsthafte Verletzungen zuziehen oder gar den Tod erleiden würden? Oder Inhaftierung oder den Verlust Ihres Hauses, Ihres Geldes und Ihrer Besitztümer.“

Wieviele von Ihnen, die diesen Beitrag lesen, werden (physisch) kämpfen für das Nichtaggressionsprinzip? Wieviele kämpfen gegen Steuern von 40 Prozent oder mehr, Zehntausende neuer Bestimmungen und Regularien jedes Jahr, Verletzungen der Privatsphäre jeder erdenklichen (oder unvorstellbaren) Art?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Antwort lautet: Null. Und zwar deshalb, weil die kleine Handvoll derjenigen, die diesen Kampf ausgefochten haben, entweder im Gefängnis sitzt oder tot ist ... also diesen Blogbeitrag gar nicht lesen kann.

Andererseits: Wieviele würden für ihre Familie kämpfen, für ihre Heimat, sogar für ihre Religion – die alle Regierungsstrukturen außerhalb des Staates liefern? Ich vermute, etwas mehr – viel mehr vielleicht – als gar keiner. Ihre Nachbarn werden das sofort verstehen.

Also warum an der Zerstörung dieser Dinge arbeiten? Warum sie nicht willkommen heißen als Grundlage einer Entwicklung hin zu einer libertären Welt?

Schlussfolgerung

Denke über diese Frage nach
Schau tief in dich hinein
Lege ein echtes Bekenntnis ab
Wofür bist du bereit zu leben?

Ist das nicht dieselbe Frage?

Epilog

Also, was hat es auf sich mit dem Paradoxe de la Lumière Noire, diesem Paradoxon des Schwarzen Lichts?

Libertarismus ist eine sehr individualistische politische Philosophie dahingehend, dass wir auf dem Weg dorthin akzeptieren müssen, dass sie nur Wirklichkeit werden kann, wenn man akzeptiert, dass der Mensch ein soziales (und nicht nur materalistisches) Wesen ist.

Und dieses soziale Konstrukt wurde entwickelt und genährt über Hunderte von Generationen; es ist töricht zu denken, dass der Mensch eine drastische Änderung in absehbarer Zeit erlauben wird ...

... zumindest nicht kampflos.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „bionic mosquito“ und wurde von Axel B.C. Krauss exklusiv für eigentümlich frei ins Deutsche übersetzt.


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