04. September 2017

Skandal um christliches Mädchen in muslimischer Pflegefamilie Spaghetti carbonara verweigert

Wir sind es, die versagt haben

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Bildquelle: shutterstock Nicht so wichtig wie Familie: Spaghetti carbonara

„Britisches Mädchen muss Arabisch sprechen und ihr Kreuz abgeben“, titelt die Schweizer Tageszeitung „Blick“. „Zwangsislamisierung in London?“, fragt n-tv. „Pflegefamilie streng muslimisch: Fall empört Briten“, ist in weiteren Medien zu lesen.

Worum geht es in dem Fall, der in den vergangenen Tagen in England und darüber hinaus für Empörung sorgte? Im Osten Londons, im Bezirk Tower Hamlets, wurde ein fünfjähriges christliches Mädchen innerhalb von sechs Monaten in zwei streng religiöse muslimische Pflegefamilien gesteckt. „The Times“ berichtete, das Mädchen sei in einer der Familien gezwungen worden, Arabisch zu lernen und ihren Kreuzanhänger abzulegen. Den Unterlagen der Sozialbehörden sei zu entnehmen, so die Zeitung weiter, dass eine der Familien nicht einmal Englisch sprach. Die Behörde verteidigte sich, indem sie mitteilen ließ, die Medienberichte über den Fall seien fehlerhaft. Worin der oder die Fehler bestanden, behielt sie indes für sich.

Skandal? Ja – Skandal. Die zwangsweise Umerziehung von Kindern ist einer der fünf Punkte, die die UN zur Definition des Tatbestands „Völkermord“ anführt. Es ist entweder furchteinflößend oder völlig unerklärbar, was in Beamtenhirnen vorgeht, die solches organisieren.

Trotzdem ist der kranke Funktionärs-Wille zur ideologischen Neuschöpfung oder Korrektur eines Kindes der kleinere Skandal. Über den großen hinter den Schlagzeilen, der einem die Sprache verschlägt, wird keine Silbe verloren. Darüber nämlich, dass dieses Kind, zuallererst und bevor die Behörde es in die Finger kriegte, das Opfer seiner eigenen Familie, seiner Eltern wurde. Sie haben diese Fünfjährige nach Strich und Faden verarscht und dann aufgegeben. Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, die Beamten wären eingeschritten, hätten Vater und Mutter das Sorgerecht entzogen, wenn alles zum Besten gestanden hätte? Wir sind wohl auf dem besten Weg dahin – aber wir sind noch nicht da. Noch sind die Staatsorgane nicht bemächtigt, Familien aufgrund von Gesinnungsfehlern auseinanderzureißen. Das erledigen wir via Emanzipation und Selbstbestimmung noch vollkommen selbständig. Noch ist der Entzug des Sorgerechts einer der letzten Schritte, um das Wohl des Kindes zu gewährleisten.

Hätte man mich rausgerissen aus meiner Familie mit fünf Jahren, weg zum Jugendamt, mich reingedrückt in Fremdes, wieder rausgerissen, wieder woanders rein – ich weiß, dass ich heute ein kaputter Mensch wäre. Da kann mir keiner kommen und mir was von Bezugspersonen vorschwafeln und Hauptsache gefördert. Schwachsinn! Ich wollte nie – auch nicht eine Minute lang – von irgendwem geliebt werden. Ich wollte es von meinen Eltern. Und nur von ihnen. Von ihnen beiden, ohne Partei sein zu müssen. Alles andere empfand ich bereits damals als den gewaltsamen Eintritt von Unbefugten in einen Bereich, der groß mit einem einzigen Wort überschrieben war: Familie. Ohne sie kein Atem.

Und jetzt stehen wir also hier: Ein ganzer Kontinent regt sich auf über die Willkür von Behörden, über falschverstandene Buntheit und Entwurzelung. Es ist wunderbar, Schuldige zur Hand zu haben. Noch wunderbarer, wenn sie anonym sind, unsichtbar, gesichtslos wie das Amt. Da kann man dann im Windschatten der Medien keifend und schnatternd und quietschend und aufs rattigste die Krallen ausfahrend sich so richtig empören. Es ist einfacher und um so vieles unterhaltsamer, als einander in die Augen oder in den Spiegel zu sehen und sich zu sagen: Wir sind es, die versagt haben. Wir. Du. Ich. Egal aus welchen Gründen. Am „Wir“ ändert sich nichts.

Im Bekanntenkreis ging einer, weil „er sich Familie anders vorgestellt hatte“. Ein anderer hatte „keinen Bock“ mehr. In einem Fall war das Kind ein Unfall. Ein paar haben „sich auseinandergelebt“ und wieder andere wollten „noch was vom Leben“ haben. Und Treue, Heimat, Geborgenheit – das wissen wir alle – das sind böse Begriffe. Rückwärtsgewandt, fortschritts- und emanzipationsfeindlich. Finster und unaufgeklärt. Das Problem: Ohne Familie gibt es keine Treue, keine Heimat, keine Geborgenheit. Nicht im Dorf, nicht in der Gemeinde, nicht in einem Land. Oder anders gesagt: Ohne Treue, Heimat und Geborgenheit gibt es so etwas wie „eine Gesellschaft“ nicht. Es gibt nur Führung und Anhängerschaft. Beide anonym.

Und bis dahin regen wir uns darüber auf, dass einem unfreiwillig fremdplazierten und in seiner Seele zerrissenen Mädchen sein Leibgericht, Spaghetti carbonara, verweigert wird.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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