26. September 2017

Bitcoin und Co als Zahlungsmittel der Zukunft Sind Kryptowährungen Fiat-Geld?

Eine Erwiderung auf Andreas Tögel

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Bildquelle: shutterstock Wird genauso „geschürft“ wie Gold: Bitcoin

In einem Artikel auf eigentümlich frei vom 25. September drückt Andreas Tögel seine Skepsis gegenüber Bitcoin und anderen Kryptowährungen aus. Er behauptet, auch Cryptocoins seien nichts anderes als „Fiat Money“. Ich kann dies gut verstehen, denn als Anhänger der Österreichischen Schule war auch ich skeptisch, als ich im Mai 2011 zum ersten Mal von Bitcoin hörte. Doch ich habe seitdem hinzugelernt. Daher möchte ich an dieser Stelle gern einige Denkfehler des Artikels widerlegen.

Zunächst einmal meint Andreas Tögel, Cryptocoins hätten keinen „intrinsischen Wert“. Die Österreichische Schule der Volkswirtschaft sagt jedoch zu Recht, dass der Wert eines Gutes diesem ausschließlich vom Nutzer zugeschrieben wird. Es gibt keinen „objektiven“ Preis eines Gutes. Ein Preis entsteht immer in einer konkreten Situation und ist vom Individuum abhängig. Jeder Versuch von Regierungen, Preise künstlich festzulegen, führt zu Verzerrungen und zur Bildung von „schwarzen“, oder besser gesagt: freien Märkten. Der Wert, den wir einem Gut beimessen, hängt keineswegs davon ab, dass es materiell ist. Google und Facebook sind milliardenschwere Unternehmen, die ihr Geld vorwiegend mit digitalen Daten verdienen. Ein populärer Suchbegriff bei Google oder eine prominente Plazierung bei Facebook haben zweifellos ihren Wert, auch wenn man beide nicht anfassen kann. Manche Menschen sind sogar bereit, ihr Geld für Zauberschwerter oder Weisheitspillen auszugeben, mit denen sie in Online-Games besser vorankommen!

Auch Geld ist ein Gut. Seinen Wert erhält es durch seine besonderen Eigenschaften. Gutes Geld ist teilbar, haltbar, transportierbar, schwer zu fälschen und vor allem: knapp. Daher wurden Gold und Silber über viele Tausend Jahre als Geld verwendet. Eisen taugt hingegen nicht als Geld, weil es zu häufig in der Natur vorkommt und zudem rostet. Doch auch die seltenen und kostbaren Diamanten sind als allgemeines Tauschmittel ungeeignet, da man sie nicht ohne Wertverlust teilen kann.

Im Digitalzeitalter, in dem man mit vielen Menschen rund um die Welt vernetzt ist, ist die Verwendung von Edelmetallen als Geld unpraktisch. Wir brauchen digitales Geld, das man im Tempo einer Email um die Welt schicken kann. Scheinbar erfüllt unser jetziges Geldsystem diese Funktion. Doch wenn man sich mit der Systemkritik der Österreichischen Schule befasst hat, weiß man um seine Schwächen.

Unser heutiges „Fiatgeld“ erfüllt eben nicht die Anforderungen an gutes Geld, denn es ist kein knappes Gut. Die Zentralbanken können jederzeit Milliarden neuer Geldeinheiten aus dem Nichts entstehen lassen. Auch die Geschäftsbanken haben das staatlich garantierte Privileg, mit jedem Kredit neues Geld zu schöpfen. Durch dieses willkürliche Aufblähen der Geldmenge (Inflation) wird der Wert unserer Ersparnisse verwässert, und die Preise steigen.

Wäre nicht der staatliche Zwang, das vom Staat und seinen Helfershelfern produzierte Geld als „gesetzliches Zahlungsmittel“ anzunehmen, würde niemand dafür arbeiten oder es für andere Güter tauschen. Dies ist es, was der Begriff „Fiat-Geld“ ausdrückt. Der Staat sagt: „Es werde Geld“ („fiat“, lateinisch: „es werde“), und die Bürger sind gezwungen, sein ansonsten wertloses Geld zu verwenden.

Die Behauptung, Kryptowährungen seien „Fiat-Geld“, ist daher falsch. Niemand ist gezwungen, mit Bitcoin, Dash oder Monero zu bezahlen. Die Nutzung dieser digitalen Währungen erfolgt rein freiwillig. Es sind ihre guten Qualitäten, die dazu führen, dass mehr und mehr Menschen ihre Ersparnisse in Kryptowährungen anlegen und damit bezahlen.

Für einen Goldfan mag es überraschend sein, doch Bitcoin und die meisten anderen Cryptocoins verfügen über genau die gleichen Qualitäten, die Gold seit Jahrtausenden zum bevorzugten Geld der Menschheit gemacht haben. Sie sind teilbar, haltbar, transportierbar, fälschungssicher und vor allem: knapp.

Es ist in der Bitcoin-Software festgelegt, dass es niemals mehr als 21 Millionen Bitcoins geben wird. Niemand hat das Recht, willkürlich neue Bitcoins zu schaffen. Niemand darf sagen: „Fiat Bitcoin“. Eine festgelegte Menge an Geldeinheiten wird in einem klar definierten, transparenten Rechenprozess „geschürft“ und damit öffentlich verfügbar gemacht, so wie ein Minenunternehmen das auf dem Planeten begrenzt vorhandene Gold aus der Erde holt.

Bitcoins Erfinder Satoshi Nakamoto hat offensichtlich die Werke von Mises, Hayek, Rothbard und anderen Vordenkern der Österreichischen Schule genau studiert. Er hätte das Bitcoin-System auch so programmieren können, dass die Geldmenge mit dem Wirtschaftswachstum wächst, so wie es Monetaristen bevorzugen würden. Doch er hat die Geldmenge streng limitiert, was dazu führt, dass bei steigender Nachfrage natürlicherweise der Preis jeder Geldeinheit steigt.

Cryptowährungen sind also kein Fiatgeld. Sie sind wie digitales Gold. Gegenüber physischen Edelmetallen haben sie den Vorteil, dass man sie zu sehr geringen Kosten um die Welt schicken kann. Außerdem kann man Cryptocoins im Unterschied zu Gold nicht beschlagnahmen. Im Zeitalter von Metalldetektoren ist es fast unmöglich, Goldbarren über eine Landesgrenze zu bringen. Cryptocoins sind hingegen im Internet gespeichert. Um an sie heranzukommen, genügt es, sich einige Schlüsselworte auf Papier zu schreiben oder sie sogar auswendig zu lernen. Mit Kryptowährungen kann man daher selbst große Vermögen vor dem Zugriff der Staatsgewalt oder der Mafia schützen.

Es stimmt: Wenn morgen das Internet abgeschaltet würde, gäbe es auch keine Cryptocoins mehr. Aber in diesem äußerst hypothetischen Fall hätten wir noch ganz andere Probleme, denn unsere moderne Zivilisation ist ohne Internet kaum mehr denkbar. Verkehrsnetze, Kraftwerke, ganze Industrien würden dann zusammenbrechen. Ich halte diesen Fall für so unwahrscheinlich, dass es ausreicht, einen kleinen Teil seiner Ersparnisse in Edelmetallen anzulegen, um sich dagegen abzusichern.

Der größte Nachteil der Kryptowährungen: Während Gold seit über 6.000 Jahren als Geld verwendet wird, gibt es sie erst seit knapp neun Jahren. Es wird also sicher noch einige Zeit dauern, bis sie allgemein verbreitet sind und man überall damit bezahlen kann. Zum Vergleich: Das Internet wurde 1969 erfunden und war neun Jahre später noch kaum jemandem bekannt. Wir dürfen also ein wenig Geduld haben – und uns derweil zu günstigen Preisen mit Cryptocoins eindecken.

Andreas Tögel: „Geld ist das Mittel zur Freiheit“


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