13. Oktober 2017

Nomenklatura, Verlagstätige und Leservolk gegen rechts Impressionen von der deutschen demokratischen Buchmesse

Zeichen setzen mit Zahnpasta gegen Andersdenkende

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Bildquelle: Verlag Antaios Infantile Saubermänner: Mit Zahnpasta gegen Andersdenkende

I.

„Auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren sich in diesem Jahr auch einige rechte bis rechtsextreme Verlage“, frohlockt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in seinem Newsletter. Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis – Opernliebhaber unterdrücken jetzt bitte die Assoziation an den größten Bassisten aller Tonträgerzeiten – tat kund: „Der Börsenverein tritt aktiv für die Meinungsfreiheit ein. Das bedeutet, dass wir Verlage oder einzelne Titel, die nicht gegen geltendes Recht verstoßen, nicht von der Frankfurter Buchmesse ausschließen. Allerdings bedeutet das nicht, dass wir das Gedankengut, das solche Verlage verbreiten, gutheißen. Wir treten für eine offene, vielfältige Gesellschaft ein, für Toleranz und Solidarität, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Wir sehen uns daher in der Pflicht, uns aktiv mit der Präsenz dieser Verlage auseinanderzusetzen und für unsere Werte einzutreten.“

Damit nicht irgendwer bei der Vielfaltsvollstreckung aus der Reihe tanzt! – Wie aber setzen „wir“ das tolerante Nichtgutheißen aktiv in vielfaltsförderliche Taten um beziehungsweise „uns“ mit der Präsenz unguten Gedankenguts auseinander? „Wir laden auch Sie dazu ein, die Begegnung mit den Verlagen nicht zu scheuen und für Ihre Meinungen und Werte einzutreten. Meinungsfreiheit heißt auch, Haltung zu zeigen. Engagieren Sie sich!“

Und wo soll sich der Bevölkerungszorn so spontan wie ungescheut regen? „Drei dezidiert rechte Verlage werden mit einem eigenen Stand vertreten sein: Antaios (Halle 3.1, Stand G 82), Manuscriptum (Halle 4.1, Stand E 46) und die ‚Junge Freiheit‘ (Halle 4.1, A 75).“ Drei von siebentausend, so hat es auch damals angefangen, und am Ende lagen John Schehr und Genossen mit Nahschüssen im Genick im Wald! Wehret den Anfängen! Warum der momentane Toleranzschrifttumskammerpräsident aber erst in diesem Jahr dazu animiert, Haltung zu zeigen und auf beziehungsweise für Meinungsfreiheit einzutreten, wo doch zumindest zwei der drei dem Engagement anheimgestellten Verlage schon seit vielen Jahren in Frankfurt auf Rattenfang gehen, das hängt wahrscheinlich mit der Weckung neronischer Instinkte durch das totale Willkommen zusammen, das „wir“, wenn nötig, totaler und radikaler wollen, als wir es uns heute überhaupt erst vorstellen können.

Was mich betrifft, so bin ich gehalten, darauf hinzuweisen, dass ich mich am Samstag von circa 12 bis circa 13 Uhr am Manuscriptum-Stand aktiv mit der Präsenz dieses Verlages auseinandersetzen und womöglich sogar ein paar meiner einfältigen Bücher signieren werde.

Nun Leservolk steh auf, nun Engagiertensturm brich los!

II.

Die Saat des Engagements geht auf: In der Nacht zum Mittwoch oder in den frühen Morgenstunden ist der Stand des Antaios-Verlages auf der Frankfurter Buchmesse verwüstet worden, etwa 35 Bücher wurden durch Zahnpasta, Kaffee und andere Flüssigkeiten beschädigt und in den Zustand der Unverkäuflichkeit überführt; die Linke ist doch arg infantil, was ihre staatliche Alimentierung nicht nobler macht. Am Vormittag gab es linke „Protestveranstaltungen“ – in Deutschland protestiert ja nicht die Opposition, sondern es wird gegen sie protestiert –, und auch ein paar Gesandte des Börsenvereins wurden mit total originellen Plakaten vorstellig, um Haltung zu zeigen.

Ob es in irgendeiner Form zu Diskussionen kommen wird – ich meine, mit ausformulierten Argumenten und so –, darf angesichts dieser elanlosen, bildungsfernen, aber machtgeschützten Linken bezweifelt werden.

III.

„Sehr geehrter Herr Klonovsky, als Buchhändler schäme ich mich für unseren Verein. Die nehmen für sich immer in Anspruch, in ureigenstem Interesse für die Meinungsfreiheit einzutreten. Beim Umgang mit Pirinçci und Sieferle und jetzt mit diesem Schreiben traten sie den negativen Wahrheitsbeweis an. Das schöne Märchen vom freiheitsliebenden Buchhandel entbehrt jeder Grundlage, denn von jedermann ständig erreichbare und damit verwundbare Personen sind gerade nicht dazu prädestiniert, körperliche oder finanzielle Risiken einzugehen. Der Staat kann jedes Unternehmen zudem allzu leicht gängeln. Widerstand, ein für die heutige Zeit noch zu großes Wort, können nur Privatpersonen heimlich ausüben. Der Buchhandel als Verband oder Buchhändler als Einzelunternehmer widerstanden auch zur Schlächterzeit nicht, sondern haben fleißig Schlächterliteratur produziert und verkauft. Deshalb müssen sie aber heute nicht gemeinsame Sache mit der neuen SA machen und das auch noch als Engagement für Meinungsfreiheit hinstellen. Den Aufruf zur Repression als widerständige, ‚kritische‘ Haltung darzustellen, ist an Schäbigkeit kaum zu überbieten.“

IV.

Opportunismus ist Widerstand!

Opportunismus ist Courage!

Opportunismus ist Individualität!

Opportunismus ist Vielfalt!

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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