17. Oktober 2017

Frankfurter Buchmesse Wie man eine Situation eskalieren lässt und seine Hände dann in Unschuld wäscht

Ihr wollt nicht, dass sich die Rechte „als Opfer inszeniert“? Dann hört damit auf, euch wie Täter zu verhalten!

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Bildquelle: Manuscriptum Buchmessestand nach nächtlichem linken Besuch: Zeugnis vom Geisteszustand der Freunde der Antifa 2017

Das Standkonzept auf Messen ist eine heikle Sache, ich weiß, wovon ich rede. Vor vielen Jahren kam es auf einer Messe, die ich mit zu verantworten hatte, zu folgendem Fauxpas: Zwei konkurrierende lokale Radiosender hatte ich direkt nebeneinander plaziert, was den Schallpegel in der Halle binnen kürzester Zeit ins Schmerzhafte drehte und lange, wiederholte, beschwichtigende Gespräche mit den Inhabern der Sender nach sich zog. Die Lektion hatte ich gelernt, nie wieder ist mir solch ein Fehler unterlaufen!

Die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse glauben jedoch an die erzieherische Kraft ihres Mediums, glauben auch an das absolute Böse und dass man es in einer Art gemeinschaftlichem Exorzismus von den Ständen und aus den Büchern der Verlage vertreiben kann, die man als „rechts“ gekennzeichnet hatte. Nun sind Manuscriptum, Antaios und „Junge Freiheit“ nicht zum ersten Mal auf der Messe, und es gab früher nie Ärger, aber wir haben 2017, und da ist bekanntlich alles anders. Der gesellschaftliche Konsens ist eingezogen in Köpfe und Herzen, und der duldet keinen Widerspruch!

Zunächst hoffte man, die rechten Verlage von der Messe fernhalten zu können, indem man sie neben ihren vermeintlichen Antipoden plazierte, also neben der Amadeu-Antonio-Stiftung oder Verlagen mit möglichst queerem Programm – aber es half nichts: Die bösen Verlage wollten einfach nicht wegbleiben! Dann versuchte man es mit einem Appell des Börsenvereins, der zu „Auseinandersetzungen“ mit den rechten Verlagen aufrief. Man ging als Veranstalter sogar mit gutem Beispiel voran, indem man sich zu einer kleinen Demo (mit Pressetermin) vor dem Antaios-Stand einfand, was durchaus als ungewöhnliche Maßnahme anzusehen ist, weil man als Veranstalter eigentlich zur Neutralität verpflichtet ist und nun der Meute mit gutem Beispiel voranging.

Als auch das nicht dazu führte, dass die rechten Verlage ihre Bücher verbrannten und heulend die Messe verließen, sorgte man über Nacht dafür, dass ihre Regale geleert wurden, die Bücher besudelt im Müll landeten und Schmierereien auf Bahnhofsklo-Niveau die Stände verunzierten. Die Presse berichtete – nicht.

Erst danach kommt auch „Spiegel Online“ ins Spiel, wo man sich bis zu diesem Zeitpunkt keinen Deut um die Vorgänge scherte. Nun aber hatte man endlich eine Headline gefunden, die perfekt ins Weltbild passte und die Ereignisse in eine genehme Richtung schieben sollte: „Dialogversuch auf der Buchmesse – Rechte rasten aus.“

Dass zu diesem Zeitpunkt die „Linke“ schon seit Tagen nicht mehr einrasten wollte, ist nur eine nicht erwähnenswerte Petitesse. Auch wie es zu der Eskalation kam, die nun, da die Buchmesse auch für Besucher geöffnet war, nach den Vorfällen der vorangegangenen Tage zu erwarten war, ist dem „Spiegel“ nur ein paar dürre Worte wert. Der Artikel von Eva Thöne ist beschwichtigend und bleibt nur im Konjunktiv, wenn es um Vorfälle geht, die den Protest gegen die rechten Verlage in ein schlechtes Licht rücken könnten, wie wenn es zum Beispiel um „angeblich gestohlene Bücher“ geht. Es wäre ein leichtes gewesen, sich hierüber Gewissheit zu verschaffen, wenn man beim „Spiegel“ arbeitet. Und wenn der Börsenverein dann auch noch erklären lässt: „Wir verurteilen jede Form der Gewalt, sie verhindert den Austausch von politischen Positionen“, klingt das nur noch wie Hohn, hat man die Geister doch selbst gerufen, die man nun nicht mehr los wird.

Ihr wollt nicht, dass sich die Rechte „als Opfer inszeniert“? Dann hört damit auf, euch wie Täter zu verhalten! Kauft ihre Bücher nicht – was ihr ja sowieso nicht tut, weil ihr zu wissen glaubt, was sie enthalten. Hört ihren Protagonisten nicht zu – was ihr ja sowieso nicht nötig habt, weil ihr alles besser wisst. Doch dann beschwert euch auch nicht über die Filterblasen der anderen, wenn ihr die eure nie verlasst, und urteilt nicht über die Vorurteile der anderen, wenn ihr selbst bis unter die Schädeldecke voll davon seid! Und du, lieber Börsenverein, solltest überlegen, ob es wirklich eine gute Idee war, sich zum Erzieher eurer Aussteller und zur Nanny des Protestes aufzuschwingen.

Nachtrag: „Spiegel Online“ hat die Headline mittlerweile „angepasst“. Jetzt lautet sie „Tumulte auf der Buchmesse – Dialog unmöglich“. Das ist schon näher an der Wahrheit als „Dialogversuch auf der Buchmesse – Rechte rasten aus“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Homepage des Autors.


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Dossier: Buchmesse 2017

Autor

Roger Letsch

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