07. November 2017

Journalismus Claus Klebers Ironie kommt nicht an

Kein Protest, keine Kritik, nicht mal Rückfragen

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Bildquelle: Olaf Kosinsky / Wikipedia (CC BY 3.0) Schockierter Wahrheitsausschüttungsschamane: Claus Kleber

Der „Zeit“ entnehme ich, dass unser Wahrheitsausschüttungsschamane Claus Kleber „in einem bis auf den letzten Platz besetzten Hörsaal der Heidelberger Universität“ einen Vortrag über die Rolle und Bedeutung der Medien gehalten habe und in der anschließenden Diskussion auf den Vorwurf eingegangen sei, die via Zwangssteuer staatlich alimentierten und von staatlich dominierten Rundfunkräten kontrollierten Öffentlich-Rechtlichen seien am Ende gar nicht wirklich unabhängig vom Staat. Ironisch – beziehungsweise „parodistisch“, wie das Hamburger Weltblatt schreibt – habe der Premiumjournalist diese Unterstellung abschmettern wollen. Natürlich gebe es keine direkten Anweisungen, habe er gesagt, aber „es sei doch völlig klar, sich mit der Kanzlerin oder eben ihrem Sprecher abzustimmen, sich auch mal beibiegen zu lassen, wann ein paar kritischere Töne in der Flüchtlingspolitik nötig seien; und wann man die Dauerkritik an Erdoğan und Putin ein wenig zurückzufahren habe. Denn schließlich würde Putin für den Frieden gebraucht und Erdoğan für die Lösung des Flüchtlingsproblems. Für die Öffentlich-Rechtlichen im Besonderen und für die Presse insgesamt sei es nur selbstverständlich, auf vitale Interessen des Staates Rücksicht zu nehmen; das sei einfach ihr Job.“ Bei diesen Worten habe Kleber hoffnungsfroh in die Runde geschaut, ob etwa jemandem seine Ironie entgehe.

Und?

„Kein Protest aus dem Publikum, keine Kritik, nicht mal Rückfragen, stattdessen diffuse Zustimmung“, ächzt die „Zeit“. Ein „Schock“ sei es für ihn gewesen, „dass die versammelten Bürgerinnen und Bürger selbstverständlich davon ausgingen, dass Journalismus nun mal als von Politikern gelenkte Meinungsmache funktioniere“, flunkerte der moderate Tor vom ZDF, schrieb stracks ein Büchlein namens „Rettet die Wahrheit“, das vom Publikum und von den Print-Kollegen sogar noch wärmer aufgenommen wurde als das ähnlich lautende Pasquill von Heiko Maas, und vermochte womöglich bereits bei der Niederschrift den Schock zu mildern.

Ich habe hier keineswegs vor, das „berufliche Selbstverständnis“, wie es im Plastikzeitalter-Rotwelsch heißt, einer Medien-Sardine, die über ihre Seitenlinie die Kommandos des Schwarmes entgegennimmt, aber vorgibt, keine zu empfangen, irgendeiner näheren Betrachtung zu unterziehen, weil es ja vollkommen egal ist, ob Kleber glaubt, was er da erzählt, solange er nur tut, was er tut. Weit interessanter als die Darlegungen dieses Opportunisten, der unter jedem Regime der Welt (außer einem fröhlichen) die Abendnachrichten vortragen könnte, ist die Reaktion des Publikums, das zum Großteil aus Studenten bestanden haben dürfte. Kein Protest, keine Kritik, nicht mal Rückfragen, stattdessen diffuse Zustimmung. Tja. Wie DDR-Studenten, wie sowjetische Studenten, wie chinesische Studenten: dressiert, zugerichtet, gleichgeschaltet, atomisiert, führungsgläubig; bestenfalls bloß unter der täglichen Propaganda abgestumpft und jenem kühlen Egoismus folgend, der jeden Schritt auf seinen Nutzen und mögliche Schäden abwägt; denen könnte man auch erzählen, dass demnächst Dresden oder Budapest bombardiert werden, sie würden nur aufstöhnen, wenn sie zufällig eine Reise dorthin gebucht hätten. Die Universität als Produktionsstätte einer gesellschaftlichen Nutztierherde, die ohne Murren in die ihr zugewiesenen Gatter strömt. Im besten Deutschland, das es je gab.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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