30. November 2017

Sozialistische Wirtschaft Entspannt in den Abgrund

Vorsorgekonzept „Kinder“ wird wieder aktuell

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Bildquelle: shutterstock Vorsorge: Lehrt die Kinder arbeiten!

Wenn ein Kind, egal welchen Alters, weiß, dass seine Eltern es im Notfall und allen Ermahnungen, Drohungen und Erwartungen zum Trotz aus jeder Bredouille, in die es gerät – koste es, was es wolle –, heraushauen, dann wirkt sich das zwingend auf seine Haltung gegenüber Risiken und Verantwortlichkeiten und auf sein Handeln aus. Soweit, so einfach.

Genau dasselbe Phänomen kann in der Wirtschaft beobachtet werden. Erkannt hat dies in den 70er Jahren János Kornai und dem Syndrom einen Namen gegeben. Kornai war ein ungarischer Wirtschaftswissenschaftler, der sich damit den Titel „Verräter des Sozialismus“ verdiente und fortan von all jenen gehasst wurde, die (meist aus der Ferne) an dem Glauben festhielten, der Sozialismus mit seiner Planwirtschaft sei ein irgendwie überlegenes oder zumindest humaneres Wirtschaftssystem als jenes freier Märkte. Details nicht vonnöten.

Was war es, das Kornai feststellte und das er als Syndrom des „sanften Budgetzwangs“ („Soft Budget Constraint“) bezeichnete? Grob und in Kürze: Es ist das „Teenager-Syndrom“ von oben – bloß dass dieses soziale Syndrom im Rahmen einer wirtschaftlichen Realität auftritt. Besonders deutlich ist es in sozialistischen Wirtschaftssystemen zu beobachten, in denen Unternehmen allesamt dem Staat gehören und nicht versagen dürfen. Auch chronische Verlustmacher nicht. Die Gründe, die dazu führen, liegen auf der Hand: In den Unternehmen will das Management mitsamt Prestige, Macht und Privilegien auf seinen Posten bleiben. Beim Staat können die Motive die Vermeidung sozialer Unzufriedenheit und politischer Unruhen (Wählergunsterwerb), vormalig erteilte und vom Verlust bedrohte Kredite, die Vermeidung eines Spillover-Effekts auf die gesamte Lieferkette und einer Rezession, oder schlicht die Ideologie (was nicht sein darf, darf nicht sein, Beamte retten Beamte immer), Kumpelei, Vetternwirtschaft und Bestechung sein.

Das Syndrom, das sich daraus ergibt, ist eine Erwartungshaltung, die auf einer kollektiven Erfahrung beruht: Je öfter finanzielle Probleme in einer Wirtschaft oder in einem Teil einer Wirtschaft zu staatlicher Unterstützung führen, desto mehr Organisationen werden sich darauf verlassen, im Notfall selbst solche zu erhalten.

Die Folgen dieser Außerkraftsetzung der Marktmechanismen, also der natürlichen ökonomischen Selektion, hat katastrophale Folgen durch die totale Verzerrung normalen unternehmerischen Verhaltens. Das Streben nach Gewinnmaximierung auf Management-Ebene zwecks Konkurrenz- und Zukunftsfähigkeit des Unternehmens schwächt sich ebenso ab wie die Anstrengungen zur Kostenkontrolle und -optimierung. Das Innovationsstreben lässt nach. Nicht mehr der Kunde ist König, sondern die Beamten, die bei Problemen für „Rettung“, „Bailout“ oder die „Too-big-to-fail-Standards“ zuständig sind. Folge daraus ist nicht nur eine Effizienzminderung, die sich durch den gesamten Prozess der Produktion beziehungsweise der Bereitstellung von Dienstleitungen bis hin zur Werbung zieht. Das Unternehmen wird dem Markt gegenüber träge, verschläft Preissignale, reagiert zu spät, kauft zu viel und zu teuer ein und schafft somit eine künstlich hohe Nachfrage. Nimmt man dazu noch eine hohe, da risikolose Investitionsneigung, hat man den perfekten Aufschwung. Ein staatlich organisierter unechter Zombie-Boom, aber auf den ersten Blick eben ein Boom.

Genau das passiert in Europa. Es sind die „Sicherheitsnetze“ (Polleit) der Zentralbanken und Regierungen, die „Whatever it takes“ der Draghis, die „Wenn der Euro scheitert, dann scheitert Europa“ der Merkels dieser Welt. Es ist die schleichende Verstaatlichung großer Teile der Wirtschaft. Deutlicher: Es ist die Zerstörung der Märkte via Null- und Negativzinsen, Anleihekäufe, Subventionierung ganzer Industrien und Perma-Rettungen aller Art.

Damit das ganze nicht so offensichtlich wird, damit, was von nicht-politischen Märkten übrigbleibt, nicht vor morgen früh bereits abschmiert und alle entspannt bleiben, hat man die wichtigste Orientierungsgröße, den entscheidenden Gradmesser für den Gesundheitszustand einer Wirtschaft, abgeschafft: den Zins. Er misst den Grad der wahrgenommenen Verantwortung auf Unternehmensebene. Wer hoch verantwortungsvoll handelt, erhält auf dem Markt Kredit für zukunftsweisende Investitionen zu geringem Preis (Zins). Wer seine Verantwortung nicht wahrnimmt, kriegt entweder überhaupt keinen Kredit und scheidet infolge Pleite irgendwann aus dem Markt aus, oder aber erhält ihn zu sehr hohem Preis.

Diese Zeiten sind für den Moment vorbei. Was bleibt, ist Zentralbanken-Nudging: Worte, Drohungen, Gelübde, Forderungen der „Währungshüter“, die, weil ihnen in empirisch beobachtbarer und messbarer Staats-Schizophrenie nie Taten folgen, getrost ignoriert werden können.

Die Folgen für die „soziale Marktwirtschaft“, auch bekannt als sozialistische Wachstums- und Wohlstandsvernichtung, werden auch diesmal in die Katastrophe führen. Eine gigantische Wertvernichtung zuerst an den Finanzmärkten und später bei jedem Einzelnen sind anzunehmende Effekte, die wir als Preis für den Scheinboom zahlen werden. Und in der Zwischenzeit wird von Exportüberschüssen geschwärmt oder lamentiert, und keinen interessiert es, dass diese mit dem Kapital finanziert werden, das dank Nullzinsen aus Europa abfließt, und dass, was hier an „Kapital“ übrigbleibt, Luftgeld und Schulden, stagnierende Löhne, eine schwache Binnennachfrage, lahmes Wachstum, ineffiziente oder gar unrentable Staatsprogramme und Investitionsprojekte, schwachsinnig überteuerte Unternehmenskäufe und ‑übernahmen und eine Illusion von Stabilität sind. Keine politische Partei thematisiert diese Katastrophe ernsthaft und ganzheitlich.

Wer sich auf das Kommende vorbereiten will, muss vor diesem Hintergrund spätestens heute „Enteignung“ denken. Muss „Werterhalt“ denken. „Gold“. „Investition in Bildung“. „Verzicht und keine Rente“. Oder, wie der Ökonom Gunther Schnabl es sagt: „Auch Kinder dürften wieder eine wichtige Investition in die Altersvorsorge werden.“

Lehrt Eure Kinder wieder arbeiten. Echt und solide. Mit dem Kopf und mit den Händen. In erster Linie ihnen, aber auch Euch selbst zuliebe.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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