08. Dezember 2017

Afrikahilfe Weihnachts-Mythen und Dezember-Fieber

Projektion der eigenen Vorstellungen auf Afrikaner

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Bildquelle: Helge Fahrnberger / www.helge.at (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Kein „Entwicklungshilfeprojekt“: Preisgekrönte Grundschule in Gando (Burkina Faso) von Diébédo Francis Kéré

Gerade in der Vorweihnachtszeit implizieren Plakate in Deutschland mit dem Aufruf „Sie können helfen“, dass die Menschen in Afrika hungern würden und arm seien. Obwohl jedes Jahr Milliarden für Entwicklungshilfe in Afrika ausgegeben werden, erheben Mantra-artig mehr oder weniger prominente Menschen, frei von Zweifeln, ihre Stimme und behaupten, dass Afrika unsere Hilfe brauche. Auch deshalb kann sich ein Hilfsindustriezweig mit gut bezahlten Entwicklungshelfern halten, die natürlich nicht für ihre Selbstabschaffung arbeiten.

Entwicklungshilfe hat seit Jahrzehnten unter Beweis gestellt, dass sie in der Regel das Gegenteil dessen bewirkt, was sie eigentlich erreichen will. Hilfe ist ein gefährliches Suchtmittel und schafft Abhängigkeit. Afrika wird mit Hilfe überschüttet, die die Zivilgesellschaft auch schwächt. Man kann sich fragen, ob die Umsetzung politischer Ziele von Bürgern unter internationalem Fördergeld erstickt und die gewachsenen Überlebensstrategien der Einheimischen von Helfern überrannt werden.

Die eigenen Antriebskräfte verkümmern, und die Vorteilsnahme wird verstärkt. Das Scheitern der Entwicklungshilfe liegt nicht am Geldmangel. Allein dem Entwicklungsministerium (BMZ) stehen jährlich fast neun Milliarden Euro zur Verfügung. In allen Ländern, in denen ich tätig war, hatten wir Mühe, überhaupt genügend sinnvolle Projekte zu finden, um die Mittel loszuwerden.

Der stetige Mittelzuwachs ist zu einem Zwangskorsett geworden, weil die Mittel ausgegeben werden müssen. Jeder, der in der Entwicklungshilfe tätig ist, kennt das „Dezemberfieber“, das heißt, die Mittel müssen – um jeden Preis – wegen des Jährlichkeitsprinzips des Haushalts „rausgehauen“ werden. Ein gutes Medikament gegen dieses Fieber wäre die Rückgabe der nicht verbrauchten Steuergelder. Aber derzeit wird immer noch nach dem Kartoffel-Theorem gehandelt: „Was auf dem Tisch steht, wird gegessen.“

Das Afrikabild wird von den sich selbst erhaltenden Hilfswerken und Helfern, die die Hilfe als Lebensjob betreiben, geprägt. Dabei wird seitens der Geberländer alles getan, um die Entwicklungshilfe in einem möglichst guten Licht darzustellen. Das ist auch möglich, weil die Organisationen bei der Bewertung ihrer Projekterfolge weitgehend autonom sind. Das BMZ pflegt seit Jahrzehnten den Unfehlbarkeitsanspruch. Immer wieder wird verkündet: „Kein Euro der Hilfe in dunkle Kanäle.“ Dabei wird nicht besonders für eine Meinungsvielfalt gesorgt. Stattdessen wird die Selbstzensur gefördert. Vermeintliche Mehrheitsmeinungen prägen die Debatten in Politik, Medien und sozialen Netzen.

Afrikaner sind keine kleinen Kinder

Die Menschen, die in Afrika leben, müssen nicht wie kleine Kinder an die Hand genommen werden. Armut entsteht durch schlechtes Regierungshandeln. Die Armen brauchen kein Geld, sondern die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Wie erklärt man das den europäischen Entwicklungspolitikern und -helfern, die immer noch Afrikas Fortschritt am grünen Tisch planen und sich für unersetzlich halten?

Vielleicht könnte man anfangen, die Afrikaner zu respektieren, und ihnen helfen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, anstatt dauernd zu sagen, was gut für sie ist. Partner ernst nehmen bedeutet auch, dass beide Seiten klar aussprechen, was geht und was nicht.

Die Wurzeln der anhaltenden Armut in Afrika liegen auch in der demographischen Situation, die Wohlstandsgewinne vereitelt. Es bedarf einer verlässlichen Regierungsführung, die nicht korrupt ist, die Zusagen einhält, die im Rohstoffsektor transparent ist, bei der es keine illegalen Finanzflüsse gibt. Wir dürfen nicht weiter die teilweise unglaubliche Korruption in der obersten Ebene hinnehmen oder verschweigen.

Afrikaner müssen lernen, dass die Probleme, die sie haben, nicht von außen gelöst werden können. Es gibt jedoch einen harten Kern von Reformverweigerern. Kompetente und leistungsfähige Menschen bekommen meist nur dann eine Chance, wenn sie aus der „richtigen“ Ethnie stammen. So besetzen nicht die fähigsten Personen mit Erfolgswillen wichtige Positionen.

Es fehlen vielen afrikanischen Politikern – wie ich sie kennengelernt habe – Organisationskompetenz, Selbstbewusstsein und Leitziele. Sie arbeiten nicht zäh und schrittweise daran, das Notwendige zu verwirklichen. Es fehlt am Willen zur Wohlstandssteigerung für einen großen Teil der Bevölkerung. Es ist oft von eigenen Zielen die Rede, die aber kaum einer hat, näher ausführt oder gar präzise bestimmt. Von Gerechtigkeitserwägungen inspirierte Mitsprachemöglichkeiten der Bevölkerung gibt es nicht.

Bitte keine unbequemen Fragen

Diese Wirklichkeit in vielen Ländern Afrikas sollte bei uns realistischer wahrgenommen werden. Wo hat es Fortschritte in Richtung mehr Freiheit und menschenfreundliche Errungenschaften in den Gemeinwesen gegeben? Die Armut lässt sich in den meisten Städten, aber besonders auf dem Land, mit Händen greifen. Was haben afrikanische Politiker getan, um das Leben der Menschen zu verbessern?

Mit den meisten Politikern in Afrika ist kein Staat zu machen. Die meisten Staatschefs und das Volk, das sie regieren, sind sich fremd geblieben. Die vorherrschende Mentalität der Führer ist die des eigenen Vorteils. Afrikanische Regime haben Übung darin, für die internationalen Geber neue Institutionen zur Korruptionsbekämpfung aufzubauen und sie später stillschweigend zu unterminieren.

Die betroffenen Regierungen sehen in der Korruptionsbekämpfung in erster Linie eine Einmischung in interne und politisch sensible Angelegenheiten. Warum sollten diese Autokraten sich anders verhalten, solange sie um unsere bedingungslose Hilfsbereitschaft wissen? Man erwartet von uns, dass wir das Wohl der Machteliten nicht durch unbequeme Fragen nach dem Volkswohl stören. Jeder Diplomat, Journalist, Beamte im BMZ und Entwicklungshelfer in Afrika kennt das Ausmaß der Korruption. Doch wird selten darüber gesprochen, um die Entwicklungsprojekte nicht zu gefährden.

Was sich im November 2017 in Simbabwe abspielte, zeigt, dass ein parasitäres System mit Hilfe der Militärs von der hochkorrupten Regierungsclique einfach weitergeführt wird. Mit Abstand ist Afrika der an Armut und Autokraten reichste Kontinent. Der ivorische Schriftsteller Ahmadou Kourouma schrieb in seinem Buch „Die Nächte des großen Jägers“: „Ein richtig authentisch-afrikanischer Herrscher verfügt nach Belieben über das gesamte Geld der Staatskasse (und der Zentralbank); niemand rechnet nach, niemand kontrolliert, was er ausgibt.“

Wir sollten uns darüber Gedanken machen, die Politiker durch Entzug von Entwicklungshilfe, die ohnehin kaum bei den Armen ankommt, zur Abkehr von verantwortungslosem Handeln zu bewegen. Junge Afrikaner haben mehr und mehr Skepsis, was die Leistungsfähigkeit der regierenden Eliten angeht. Sie wollen Taten sehen. Vor allem wollen sie einen Staat mit einer effizienten Wirtschaft und Landwirtschaft, die Arbeitsplätze schaffen. Die politische Instabilität wird fortbestehen, solange die Arbeitslosigkeit nicht dauerhaft sinkt.

Afrikanische Rohstoffe werden andernorts veredelt

Dennoch lassen die meisten Regierungen jedes Gespür für die Dringlichkeit vermissen. Die politischen Eliten vermitteln häufig den Eindruck von Planlosigkeit und Überforderung, weil sie die Probleme nicht anpacken. Der Wille zu Verlässlichkeit und Leistungsbereitschaft ist im Vergleich zu den erfolgreichen asiatischen Ländern nicht auf ebenbürtigem Niveau. Auch afrikanische Staaten sollten sich an den Ergebnissen von drei Zielen messen lassen: Reduzierung der Armut, Erhöhung des Lebensstandards und eine Verbesserung bei der Einhaltung der Menschenrechte.

Die Jugendarbeitslosigkeit in den afrikanischen Ländern ist die höchste in der ganzen Welt. Ohne ein Mindestmaß an Rohstoffveredlung und produzierendem Gewerbe dürfte es in Afrika kaum eine industrielle Revolution nach dem Vorbild Asiens geben. Gold, Öl, Diamanten, Bauxit, Seltene Erden: Afrika ist ein Kontinent, auf dem es viele Rohstoffe gibt, die auf der ganzen Welt teuer bezahlt werden.

Zu den größten Verbrauchern von Seltenen Erden und Gold zählen die großen Chiphersteller. (Eine nennenswerte Produktion von Seltenen-Erden-Metallen gibt es weder in Europa noch in Nordamerika.) Weil reiche Afrikaner nicht in ihren Ländern investieren, entstehen qualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze bei der Veredlung aber woanders. Obwohl Wissen, Können und finanzielle Mittel auf nationaler und internationaler Ebene häufig zur Verfügung stehen, werden diese nicht für „produktive“ Investitionen für Industrie und Landwirtschaft genutzt. Der Wohlstand geht so an den meisten Menschen in Afrika vorbei.

Korruption, Arbeitslosigkeit und das starke Wohlstandsgefälle zwischen den Städten und dem Land sorgen dafür, dass Millionen von Afrikanern auch in den über 20 reichen Ländern in Armut leben. Länder, die, wie Äthiopien und Ruanda, Wachstum auf der Grundlage eines florierenden Agrarsektors aufgebaut haben, zeigen, dass dieser als ein starker Katalysator für integratives Wachstum und Armutsminderung fungieren kann.

Kein Wunder, dass die Jungen nach Europa wollen

Die enorm hohe Geburtenrate bedroht jede Entwicklung. Die Bevölkerung Afrikas wächst jährlich deutlich über zwei Prozent. Nach einem Bericht der Weltbank strömen in den nächsten zehn Jahren jährlich mehr als elf Millionen junge Menschen auf den afrikanischen Arbeitsmarkt. Aber woher die Jobs kommen sollen, ist unklar. Die junge Generation zieht es in die Städte, doch auch dort ist die Arbeitslosigkeit groß. Selbst gut ausgebildete junge Leute schlagen sich als Motorradtaxifahrer oder Tagelöhner durch. Kein Wunder, dass sie sich auf eine gefährliche Reise nach Europa begeben.

Vielen afrikanischen Autokraten sei es schlicht egal, ob ihre Bürger im Meer ertrinken würden, sagte der kenianische Publizist Koigi wa Wamwere. „Sie sind weder am Allgemeinwohl interessiert noch daran, die Lebensumstände ihrer Bürger zu verbessern, sie wollen sich nur bereichern“, ergänzt der Ex-Minister, der für seine kritischen Überzeugungen in Kenia elf Jahre im Gefängnis saß.

Aus meiner Sicht ist die Bildungsmisere die Ursache der Probleme vieler afrikanischer Staaten, weil die Regierungen nicht in die menschlichen Fähigkeiten investieren. Würden sie das tun, bräuchten sie viel weniger Hilfe. Der Grund, warum die Regime so wenig in Bildung investieren, ist einfach: Mit Bildung werden die Bürger selbstbewusster und selbständiger. Sie hinterfragen etablierte Strukturen und erkennen immer mehr, wie die Politik in ihren Ländern abläuft: Nicht jede Entscheidung ist die bestmögliche für möglichst viele, sondern sie ist von in den Personen liegenden und dem Gemeinwohl zuwiderlaufenden Faktoren beeinflusst.

Für viele afrikanische Machtpolitiker hat Allgemeinwohl und damit eine Erhöhung des Bildungsniveaus keine Priorität. Aus Verantwortungslosigkeit verfallen die Bildungseinrichtungen, und die Eliten leisten sich teure Privatschulen. Kein afrikanischer Herrscher würde seine eigenen Kinder in die staatlichen Schulen und Universitäten schicken. Sie haben die Möglichkeit, die Kinder nach Europa oder in die USA zu schicken, und nutzen diese auch ausgiebig. Mit dem Abschluss in der Tasche geht es in die Heimat zurück, um dort möglichst schnell möglichst viel Geld zu machen.

Reichtum verschachern statt Aufbauarbeit

Und wie macht man in Afrika schnell Geld? Indem man Rohstoffe und Bodenschätze an die Industriestaaten – einschließlich China – verschachert. Dafür werden einfachste Alltagsgüter, die auch im Lande hergestellt werden könnten, aus China eingeführt.

Es ist eine Binsenweisheit, dass ohne Bildung menschliche Entwicklung nicht möglich ist. Bildung ermöglicht benachteiligten Menschen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Nur wer lesen, schreiben und rechnen kann, kennt seine Rechte und kann sie einfordern. Bildung führt nicht nur zu besseren Chancen auf Arbeit, sondern vermittelt Frauen die notwendigen Kenntnisse über Verhütung und Gesundheit. Aber in den meisten Staaten wurden nach der Unabhängigkeit noch nie vom Staat Schulen gebaut. Entweder sind es Schulen aus der Kolonialzeit, kirchliche Bildungseinrichtungen oder aber durch ausländische Entwicklungshilfe oder private Initiativen errichtete Schulen.

Hilfeleistungen sind nur dann sinnvoll, wenn damit ein Beitrag zur Lösung der Probleme geleistet wird, den die Betroffenen nicht aufbringen können. Wir täten gut daran, diese Subsidiaritätsdebatte zu führen. Wir sollten die Folgen unzulänglicher Verantwortungszuordnung nicht auf die Schultern unserer Steuerzahler verteilen. Fast alles, was heute die „Entwicklungshelfer“ tun, können Afrikaner selbst vollbringen. Dort, wo afrikanische Kenntnisse vorhanden sind, sollte die Entwicklungshilfeindustrie den Ländern keine ausländische Expertise auferlegen. Wir sollten uns auf Handels‑, Kredit- und Ausbildungshilfe konzentrieren.

Denn sobald wir helfen, projizieren wir unsere Vorstellungen davon, was gut und richtig ist, auf Afrikaner: Wenn wir in Afrika Straßen, Brücken, Brunnen, Schulen, Krankenhäuser und anderes bauen, bessern wir unsere Statistik auf, fördern aber nicht unbedingt die Entwicklung dieser Länder. Denn deren Infrastruktur könnte auch ohne unsere Hilfe errichtet werden. Afrikanische Ingenieure sind, nicht nur wenn sie in Europa arbeiten, dazu in der Lage. Auf dem Kontinent gibt es viele kluge, talentierte und ihr Land liebende Bürger, die sich heute mit der Rolle des Zuschauers abfinden müssen.

Die meisten Afrikaner, die ich kenne, wollen etwas leisten und den Unterhalt für sich und ihre Familie selbst verdienen. Um ein Beispiel zu nennen: Im November 2014 präsentierte die Mailänder Triennale 70 Bauten zeitgenössischer Architektur aus Afrika. Ein Blick in den Katalog hilft, Vorurteile abzubauen. Afrikanische Architekten bevorzugen herkömmliche Fertigkeiten, traditionelle Bauweisen und lokale Materialien. Lokaler Felsstein kann oft für die Wegbepflasterung und das Fundament der Gebäude herangezogen werden. Auch der inzwischen weltberühmte, in Burkina Faso geborene Architekt Diébédo Francis Kéré passt seine Bauweise in Afrika den örtlichen Gegebenheiten und der lokalen Bautradition an. Er nutzt einfache Materialien wie Lehm, Holz und Stein, mit denen die meisten Afrikaner arbeiten können. Handgefertigte Ziegel werden mit Luftlöchern perforiert, damit die Hitze entweichen kann. Teure Klimaanlagen sind überflüssig. Für seine Schule in seiner Heimatstadt Gando wurde Kéré mit mehreren internationalen Architekturpreisen geehrt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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