21. Dezember 2017

Bildung jenseits der staatlichen Einheitslösung Über das Aufwachsen in einer freien Gesellschaft

Ehrliches Geld würde auch zur Abkehr von der Staatsschule führen

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Bildquelle: shutterstock Alternative zur Staatsschule: Homeschooling

Bei einem solch interessanten Thema wie dem der Erziehung fühlt man sich zweifelsohne geneigt, Hals über Kopf in die Diskussion einzutauchen und sich über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Ansätze (Homeschooling, Unschooling und so weiter) auszutauschen. Was dabei jedoch verloren ginge, wäre der ökonomische Kontext. Viele unserer Mitmenschen werden sich schon deshalb nicht für Bildungsalternativen begeistern lassen, weil sie eine Welt vor sich sehen, in der beide Elternteile 40 Stunden in der Woche arbeiten müssen und es in dieser Situation als Befreiung empfinden, wenn der Staat zur Hilfe eilt und die Erziehung der Kinder (kostenlos, wie es scheint) übernimmt.

Es ist also hilfreich, wenn man zuallererst klärt, dass dieses Hamsterrad der Moderne, das nach Jahrzehnten des technischen Fortschritts immer noch beide Partner in Vollzeitjobs sperrt, nicht etwa vom medial oft beschworenen Neoliberalismus angetrieben wird, sondern vom interventionistischen Staat und seinem ungedeckten Papiergeld. Hätten die Menschen die Möglichkeit, auf ehrliches Geld umzusteigen, würden sie sich in der Mehrheit sicher für solche Zahlungsmittel entscheiden, die nicht beliebig vermehrbar wären. Sie würden der Früchte der steigenden wirtschaftlichen Effizienz nicht länger beraubt werden, sondern eine Zukunft vor sich sehen, in der sie (aufgrund der dann fallenden Preise) jedes Jahr weniger arbeiten müssten, um den Lebensstandard des Vorjahres zu erreichen. An die Stelle von Altersarmut würde langsam aber sicher Optimismus treten, und man sähe sich viel eher als im real existierenden Sozialismus unserer Tage in der Lage, mehr Zeit mit dem eigenen Nachwuchs zu verbringen. Solch eine Zukunftsaussicht wäre es auch, die die Basis für eine flächendeckende Abkehr von der Staatsschule bilden und eine Hinwendung zu lokaleren Strukturen einleiten könnte.

Ein visionäres Beispiel, das zeigt, wie diese konkret aussehen könnten, liefern die Autoren Gordon Neufeld und Gabor Maté in ihrem Buch „Unsere Kinder brauchen uns!“. Als Alternative zu unserem aktuellen Schulsystem wird dort die „dorfähnliche Bindungsgemeinschaft“ präsentiert, die die Autoren in dem französischen Ort Rognes verwirklicht sehen. Neufeld beschreibt die in einem dortigen Urlaub gewonnenen Eindrücke so: „Das gesellschaftliche Zusammensein umfasste gesamte Familien, nicht Erwachsene mit Erwachsenen und Kinder mit Kindern. Im Dorf fand immer nur eine Veranstaltung zur selben Zeit statt, sodass die Familien nicht in verschiedene Richtungen gezogen wurden. Die Sonntagnachmittage waren für Familienspaziergänge in die Umgebung reserviert. Sogar am Dorfbrunnen, dem Ortstreff, verkehrten Teenager mit Senioren. Feste und Feiern, von denen es sehr viele gab, waren immer Sache der ganzen Familie. Musik und Tanz brachten die Generationen zusammen, anstatt sie zu trennen.“ (Der Fokus auf die Eltern-Kind-Bindung ist hier deshalb so stark, weil das Buch in erster Linie das Phänomen der Gleichaltrigenorientierung behandelt.)

In einer solchen Gemeinschaft wäre es sicher nur noch ein kleiner Schritt hin zu lokalen Bildungseinrichtungen, in denen ausgebildete Lehrer Seite an Seite mit halbtags arbeitenden Müttern und Vätern unterrichten würden. Als Elternteil hätte man eine direkte Verbindung zu dem Lehrer, dem man den eigenen Nachwuchs anvertraut, und das ganze ließe sich in der Tat mit wenigen Straßenzügen organisieren, da man nicht länger dazu gezwungen wäre, eine Klasse mit 30 Schülern desselben Alters zu füllen (ein Vorgehen, das der ehemalige Lehrer und Aktivist John Taylor Gatto sehr stark kritisierte, da er darin die Lektion versteckt sah, dass man der eigenen gesellschaftlichen Schichtung nicht entkommen kann).

Eine solche Gemeinde, in der man nicht länger nur nebeneinander wohnt, sondern generationenübergreifende Verbindungen hat, zusammen Feste feiert, seine Kultur pflegt und die Kinder miteinander großzieht, wäre wohl die größtmögliche Antithese zu unserer heutigen Welt, in der junge Menschen von einer staatlichen Einrichtung zur nächsten geschoben und in fast jedem Bereich ihres Lebens von der Politik eingehegt und als anonyme Einheiten verwaltet werden (Noam Chomsky verwendete diesbezüglich einmal die Formulierung „manufactured people“, „gefertigte Menschen“). Man wäre unabhängig von irgendwelchen in fernen Hauptstädten gelegenen Bildungsministerien und endlich in der Lage, den Lehrplan an den Bedürfnissen der Kinder auszurichten.

Dass letzteres sich nicht nur über das Lernen, sondern auch das Leben an sich sagen lässt, unterstrich Sarah Brauer in ihrem Artikel „Kinder zur Freiheit ‚erziehen‘“ in eigentümlich frei 179 in Bezugnahme auf Alfie Kohns Buch „Liebe und Eigenständigkeit“ und griff damit ein Thema auf, das hierzulande unter Freiheitsfreunden oft noch stiefmütterlich behandelt wird. Dabei ist es doch nur konsequent, wenn die eigenen Werte, die man innerhalb der politischen Arena vertritt, auch zur Basis des eigenen Handelns werden.

Das Freilernen, eine Erziehung ohne körperliche Disziplinierung, die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg – all das wird unter amerikanischen Libertären rege diskutiert und verdient, so glaube ich, auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit.


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