07. Januar 2018

Machtwechsel in Liberia Weltfußballer löst Eiserne Lady ab

Große Herausforderungen für den Präsidenten in einem der ärmsten Länder Afrikas

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Bildquelle: shutterstock Von Sklaven gegründet: Liberia

Liberia ist die älteste Republik des afrikanischen Kontinents. Nach der Stichwahl am 26. Dezember 2017 heißt der neue Präsident George Weah, nach Angaben der Wahlkommission errang er 61,5 Prozent der Stimmen.

Es ist der erste friedliche Machtwechsel seit Jahrzehnten, 15 Jahre nach Ende des Bürgerkrieges. Nach zwölf Jahren und zwei Amtszeiten scheidet die Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf (79) aus dem Amt. Sie konnte nach dem brutalen Bürgerkrieg und der Übernahme der Staatsruine in Liberia erfolgreich die Demokratie festigen. Und sie erwirkte einen Schuldenerlass von 2,9 Milliarden Euro.

Durch erhöhte Exporte von Rohstoffen und durch ausländische Investitionen (zum Beispiel durch den weltgrößten Stahlproduzenten ArcelorMittal) hat das Land einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren. Der größte Produzent von Kautschuk in Liberia ist die Firestone Natural Rubber Company mit etwa 7.000 Mitarbeitern. Ihre Plantage in Harbel in der Nähe von Monrovia ist mit einer Fläche von 200 Quadratkilometern die größte Kautschukplantage der Welt.

Für den neuen Präsidenten George Weah, den ehemaligen Weltfußballer (AC Mailand, Paris Saint-Germain, Manchester City), bleiben die größten Probleme Frieden und Stabilität, der Kampf gegen die Armut (ein Drittel der Liberianer gilt als unterernährt), die korrupten Praktiken (Willkür und Bestechlichkeit sind Bestandteil des alltäglichen Lebens) und die Arbeitslosigkeit.

Weiterhin ist eine Reihe von Herausforderungen zu bewältigen, vor allem in der Rechtsprechung. Findet Weah Perspektiven für die Menschen, die nach einer würdevollen Existenz streben, kann die Zukunft tatsächlich erfreulich aussehen. Es gibt jedoch Gründe, den Optimismus vorerst noch zu zügeln. An seiner Abneigung gegen Korruption und Gewalt kann es kaum liegen, wenn der neue Präsident sich mit einigen der engsten Vertrauten Charles Taylors umgibt, der als einer der brutalsten Warlords Afrikas in die Geschichte eingegangen ist.

Hat der Kriegsverbrecher Taylor noch Einfluss auf Weah?

Charles Taylor wurde wegen Kriegsverbrechen in Den Haag zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt und sitzt in Großbritannien in einem Hochsicherheitsgefängnis ein. Die BBC vermutet, dass er immer noch Einfluss auf die Politiker, insbesondere George Weah hat. Auf jeden Fall wird Jewel Howard-Taylor, die Exfrau des Schlächters, Vizepräsidentin.

Über 80 Prozent der Bevölkerung Liberias sind in der informellen Wirtschaft beschäftigt und damit von regelmäßigen Lohneinkommen und sozialen Leistungen ausgeschlossen. Liberia steht 2017 auf Platz 177 von 188 Ländern des Human Development Index. 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 35 Jahre. Die Kriminalitätsrate ist hoch, ethnische Spannungen weit verbreitet. Die Bevölkerung hat wenig Vertrauen in Behörden, Polizei und Gerichte. Auf der Rangliste der Pressefreiheit belegt Liberia derzeit Platz 94 von 180.

Liberia (etwas größer als Österreich) wurde als unabhängiger Staat von ehemaligen Sklaven aus den Vereinigten Staaten gegründet. Es liegt an der westafrikanischen Atlantikküste (Pfefferküste) und grenzt an Sierra Leone, Guinea und die Elfenbeinküste. Außer Äthiopien ist es der einzige Staat in Afrika, der nie unter Kolonialherrschaft stand. Seit 1822 wurden nach und nach etwa 10.000 freigelassene Sklaven mit Hilfe weißer Philanthropen angesiedelt. Die American Colonization Society widmete sich der Rückführung befreiter Afrikaner. Der erste Vorsitzende dieser Gesellschaft war der spätere US-Präsident James Monroe. Nach ihm ist die Hauptstadt Liberias, Monrovia, benannt, in der heute ein Drittel der Bevölkerung lebt, mit der Hoffnung, dort Arbeit zu finden.

1847 erklärte Liberia unter Präsident Joseph Jenkins Roberts seine Unabhängigkeit. Konflikte zwischen den Nachkommen ehemaliger Sklaven und denen der ansässigen Ureinwohner prägen bis heute das Land. Ende des 19. Jahrhunderts schickte die liberianische Regierung sogenannte „contract workers“ in die spanische Kolonie Fernando Póo (heute Äquatorialguinea). Da die Rekrutierungs‑, Arbeits- und Vertragsbedingungen sklavenähnlich waren, ermittelte der Völkerbund aufgrund von Berichten christlicher Missionare gegen die liberianische Regierung. Nach einem Tribunal 1930 wurde der Regierung eine Rüge erteilt, und die liberianischen Sklaven und Zwangsarbeiter erhielten ihre Freiheit zurück.

Trotz Rohstoffreichtums eines der ärmsten Länder

Liberia ist trotz seines Rohstoffreichtums (Kautschuk, Palmöl und Eisenerz) und der verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl von 4,5 Millionen Menschen eines der ärmsten Länder Afrikas. Das hängt auch mit der immensen Korruption zusammen, die bis in die Familienkreise der ehemaligen Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf reicht. Johnson Sirleaf hat drei Söhnen und ihrem Bruder hohe lukrative Posten zugeschanzt. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Johnson Sirleaf wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl 2011 wurde von der Opposition als äußere Einmischung heftig kritisiert. Wenig überraschend hat sie auch bei fragwürdigen Geldgeschäften mitgewirkt, die von den „Paradise Papers“ im November 2017 aufgedeckt wurden.

2014 brach in Liberia, Guinea und Sierra Leone die Ebola-Epidemie aus. Die Behörden blieben vor allem in Liberia monatelang untätig. 11.300 Menschen starben. Das Ebola-Virus steckt im Fleisch von afrikanischen Wildtieren (Bushmeat). Bushmeat ist Fleisch von kleinen Antilopen, Ratten, Affen, Stachelschweinen, Elefanten, Büffeln sowie Reptilien. Das liberianische Gesundheitssystem ist marode, die Ärzte verlassen das Land. Der Sohn der ehemaligen Präsidentin ging mit schlechtem Beispiel voran und arbeitet in den USA. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzte 2015, dass im Land lediglich 51 einheimische Ärzte arbeiten.

Die bildungspolitischen Versäumnisse sind gravierend. In Liberia sind 2013 (neuere Zahlen wurden nicht mehr veröffentlicht) alle 25.000 angehenden Studenten durch die Aufnahmeprüfung der staatlichen University of Liberia gefallen. Nicht ein einziger Kandidat hatte die obligatorische Englischprüfung bestanden. Der Sprecher der Universität, Momodu Getaweh, sagte der BBC am 26. August 2013, dass „schlichtweg alle Bewerber zu schlecht waren“. Den Studenten fehle es an Enthusiasmus, und sie hätten nicht einmal Grundkenntnisse der englischen Sprache, die essentiell für das Studium seien. Sprache bestehe aus Wortschatz, Grammatik und Satzbau.

Um Macht und Willkür einzuschränken, ist jedoch der Zugang zu Bildung die wichtigste Voraussetzung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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