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Günter Grass: Oskars Trömmelchen

von Torben Niehr

Über (nicht nur) linke Doppelmoral

Der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Oskar Lafontaine, führt ein spannendes Doppelleben. Politisch zeigt sich Dr. Jekyll voller Inbrunst als „Vertreter des kleinen Mannes“ und streitet vordergründig stets für mehr Gleichheit. Selbst trägt Mr. Hyde aber teuerste Maß- und Designeranzüge, lebt in einer Luxusvilla, trinkt teuerste Rotweine in edlen und nicht selten auch schummrig beleuchteten Etablissements, ist natürlich privat krankenversichert und schickt seinen Sohn auf eine private Eliteschule.

Ein solches Chamäleon hat ein feines Gespür für die Lebenslügen anderer. Zuletzt nämlich schaltete sich Oskar in die Stasi- und SED-Debatte ein: Wären die sowjetischen Panzer nicht in den Osten Deutschlands, sondern in Bayern oder Rheinland-Pfalz eingerollt, so Lafontaine, „wer glauben Sie, wer dann alles sich rechtfertigen müsste für seine SED-Vergangenheit?“. Er gab die Antwort gleich mit: „Viele, die sich heute im Bundestag äußern, wären Mitläufer gewesen, die ebenfalls in der SED eine Heimat gefunden hätten“. Ohnehin seien die von CDU und FDP geschluckten ostdeutschen Parteien CDU und LDPD praktisch eine Abteilung der SED gewesen.

So ähnlich war das nach dem Krieg mit den Nazis auch: Es gibt einen Menschenschlag, der in jedem System oben schwimmt. Der nach außen Hitler oder Honecker huldigt oder Kohls kleines Mädchen mimt. Und der stets nur sich selbst meint. Lafontaine gehört von seinem Naturell her zu diesem nicht ganz ehrlichen, egoistischen Charakter. Es war schon immer etwas, sagen wir: peinlich, wenn gerade die etablierte Linksschickeria der Republik mit dem Finger auf andere zeigte und ihnen ihre Vergangenheit in der anderen deutschen Diktatur vorwarf.

Nun hat sich das „moralische Gewissen der Nation“ höchstselbst geoutet. Genau 25 Jahre nach Franz Schönhuber sagt auch Günter Grass: „Ich war dabei!“. Nicht bei der Stasi – das hat er zumindest noch nicht zugegeben –, sondern bei der Waffen-SS. Der personifizierte Anführer des Aufstands der Anständigen war also selbst ein kleiner Kiesinger. Isses denn möglich? Man fragt sich: War Inge Meisel vielleicht beim BDM? Theodor W. Adorno in der NSDAP? Und Bertolt Brecht ein Werwolf? Immerhin war schon Karl Marx selbst gerne mal Antisemit.

Von Günter Grass wissen wir es jetzt. Oskar hatte sein spätes Outing in einer Art Parallelwelt vorausgetrommelt.

23. August 2006

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