23. September 2006

Volksverhetzung "Der Spiegel" erklärt China den Weltkrieg

Die wundersame Wirtschaftswelt des Gabor Steingart

Der Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros in Berlin, Gabor Steingart, hatte vor einigen Jahren in seinem Buch „Deutschland – Abstieg eines Superstars“ durchaus richtig erkannt, dass der produktive Kern in Deutschland dramatisch abschmilzt. Als Lösung zu seiner anschaulichen Sozialstaatsproblemanalyse fiel ihm jedoch nichts besseres ein, als eine stärkere Besteuerung von Vermögen und Erben zu fordern. Dürftige Schlussfolgerungen aus einem zutreffenden Befund konnte man demnach auch erwarten, als Steingart sein jüngstes Buch „Weltkrieg um Wohlstand. Wie Macht und Reichtum neu verteilt werden“ (Piper-Verlag, Erscheinungstermin: 14.09.2006) in Aussicht stellte. Doch die Auszüge des Buches, die der SPIEGEL in seiner Titelstory seiner Ausgabe vom elften September 2006 veröffentlichte, übertreffen die schlimmsten Befürchtungen.

Es ist zugegebenermaßen eine originelle Idee, wenn auf dem SPIEGEL-Titelbild in Anlehnung an das Massengrab der tönernen Reiter von Xian eine Armee seelenlos-grimmiger asiatischer Robocops gezeichnet wird, welche den Westen mit ihren Produkten wie Autos, Laptops und Kameras angreift. Doch muss man auf so drastische Weise illustrieren, dass man Chinesen als aggressiv-ameisenhafte Wesen ohne Individualität sieht, die sich anschicken, dem Westen seinen wohlverdienten Wohlstand zu rauben? In seinem erschreckend oberflächlich-dümmlichen und volksverhetzenden Elaborat stellt Steingart den Wohlstandsverlust des Westens in einen kausalen Zusammenhang mit dem Wohlstandsgewinn Asiens. Die chinesischen Massenmenschen würden einen „Weltkrieg um Wohlstand“ anzetteln, denn was Chinesen und andere Asiaten an Wohlstand gewännen, würde quasi automatisch in gleichem Ausmaße den Wohlstand des Westens schmälern. Wie ja auch bereits der von keiner noch so einfachen ökonomischen Grunderkenntnis getrübte Untertitel des Buches verrät: Wohlstand sei demnach eine feste Größe, die jetzt neu zu Lasten des Westens verteilt werde. Europa und die USA müssten sich daher zusammenschließen und sich durch strenge Einfuhrschranken sozialprotektionistisch gegen Billigimporte wehren. Denn in China würde der Staat den Unternehmern im Gegensatz zum Westen freie Hand lassen und die Rechte der Arbeiter nicht schützen, was ja irgendwie unfair gegenüber dem Westen sei.

Kein Wort verliert Steingart über den Wohlstandsgewinn, den in Europa und Nordamerika vor allem die Ärmeren dadurch erzielen, dass sie zum Beispiel durch viel günstigere Kleidung und Elektronik mehr Geld in der Tasche übrig haben – Geld, das sie auch in Deutschland gewinnbringend einsetzen könnten, wenn denn Staat und Bürokratie sie ließen. Ebensowenig erwähnt Steingart, dass die Einführung westlicher Sozialstandards Millionen von Asiaten davon abhalten würde, sich durch Fleiß und Mühsal einen Wohlstand zu erarbeiten, den der Westen durch staatlich organisierten Müßiggang im Begriff ist zu verspielen. Steingart hat offenbar immer noch nicht ganz durchschaut, dass Wohlstand durch Arbeit, Entbehrung, Kapitalbildung und Produktionsfortschritt entsteht und nicht dadurch, dass man dem Schaffensdrang seiner Mitmenschen, egal wo auf der Welt, Steine in den Weg legt.

Etwas differenzierter sieht das Thema die „Welt am Sonntag“ vom 17. September 2006: „Wer die chinesische Lohndrückerei fürchtet, hat außerdem eine ziemlich statische Sicht der Dinge“. In der Tat steigen die Löhne in China stark an, und es wird immer schwieriger, die Millionen von offenen Stellen im Niedriglohnsektor mit Wanderarbeitern zu füllen, welche das harte Landleben aufgeben, um mehr Geld in den Städten zu verdienen. „In einer Studie warnt die US-Handelskammer bereits, dass China seinen Lohnkostenvorteil zu verlieren drohe.“

Dass die US-Handelskammer diese Entwicklung als Bedrohung für China sieht, offenbart allerdings auch deren statisch-mechanische ökonomische Weltanschauung. Dass eine allgemeine Steigerung des Lebensstandards und der Löhne keine Bedrohung für die wirtschaftliche Entwicklung ist, sondern die natürlich Folge von Fleiß und Anstrengung unter freiheitlichen Rahmenbedingungen, ist eigentlich eine Binsenwahrheit, die jedoch so manche Ökonomen und SPIEGEL-Journalisten vor lauter Selbstblendung und Panikmache gerne vergessen. Dabei reicht ein Blick auf Hongkong und Singapur, das mittlerweile ein höheres Pro-Kopf-Einkommen hat als Deutschland aufweist, oder auch auf Japan, Taiwan und Südkorea, um zu erkennen, dass wirtschaftlicher Aufstieg und Wohlstandsmehrung keine Sackgasse bilden, sofern Fleiß und Arbeitseifer nicht nachlassen oder vom Staat nicht durch Steuerrepression, ausbeuterische Umverteilung und Anreize zum Müßiggang behindert werden.

Die Chinesen sind keine Bedrohung für Deutschland, sondern zwingen, wie die „WELT am Sonntag“ es formuliert, die Deutschen lediglich, „sich endgültig von dem Irrglauben zu verabschieden, sie hätten trotz nachlassender Leistung einen naturgesetzlichen Anspruch auf immerwährenden Wohlstand.“ Nicht Protektionismus und China-Bashing sind also die Gebote der Stunde, sondern die Tugenden der Nachkriegsgeneration im Deutschland Ludwig Erhards, die hierzulande vergessen, in China aber hochaktuell sind. Denn wie formulierte es eine chinesische Sprachschülerin des Bonner Steinke-Instituts gegenüber der Deutschen Welle: „Ich möchte Deutsch lernen, weil Deutschland ein wichtiger Handelspartner für China ist. In China hat Deutschland ein gutes Image. Wir machen jetzt die gleichen Erfahrungen, wie Deutschland vor 50 Jahren. Damals haben die Deutschen mit Fleiß und Optimismus ihr Land wieder aufgebaut. Die gleiche Stimmung ist jetzt in China.“ Statt sich vom chinesischen Arbeitsethos und Enthusiasmus anstecken zu lassen, steckt so mancher europäische Intellektuelle lieber beleidigt den Kopf in den Sand und findet es sozial ungerecht, wenn andere mehr arbeiten wollen als man selbst.

Auf dummdreiste und unberechtigt-überhebliche Weise wird Chinesen dann gerne auch jegliche Individualität abgesprochen, wenn sie etwa als gefühllose und geldgierige fleißige Bienen - ähnlich wie Müntes Heuschrecken - dargestellt werden, oder wenn zum Beispiel Thomas Gottschalk es bei „Wetten Daß“ lustig findet, chinesische Gäste mit besonders platten Imitationen der chinesischen Sprache zu beglücken. Doch statt wie Vertreter anderer Kulturkreise beleidigt aufzuschreien und zu randalieren, übergehen die meisten Chinesen solche Blödeleien mit liebenswürdiger Höflichkeit und Gelassenheit.

Natürlich ist es absolut legitim, auf Errungenschaften der westlichen Zivilisation wie Menschenrechte, Freiheit und Privateigentum stolz zu sein und diese auch Chinesen vermitteln zu wollen. Doch was den Westen erst in die Lage brachte, diese Menschenrechte zu verwirklichen und auszukosten, waren Fleiß und Entbehrung der Menschen vor allem im Zeitalter der Industriellen Revolution, als Millionen zuvor auf dem Lande dahinvegetierender Bauern und Knechte in die Fabriken in den Städten strömten, um hart zu arbeiten und ihre persönlichen Lebensbedingungen zu verbessern. Natürlich geschieht Wohlstandssteigerung nicht von heute auf morgen, und so kam es, dass erst durch die Konzentration der Fabrikarbeiter in den Städten die vorher auf dem Lande zerstreute Armut sichtbar wurde. Der „Manchesterkapitalismus“ wurde jedoch von vielen nicht als Wohlstandsmotor begriffen, sondern von Scharlatanen wie Marx und Engels zum Anlass genommen, als Mentoren der grausamsten Gesellschaftsexperimente der Menschheitsgeschichte mit Abermillionen von Toten zu dienen. Auch China musste erst ein jahrzehntelanges kommunistisches Armut-Für-Alle-Programm unter Mao mit wahrscheinlich über 70 Millionen Opfern durchmachen, bevor die Staatsmacht unter Deng Xiaoping die segensreichen Wirkungen unternehmerischer Freiheit erkannte.

Nein, Herr Steingart, der Wohlstand der Nationen ist kein fester Kuchen, der immer nur stets neu verteilt wird, und schon gar nicht sind Weltkriege, ob ökonomisch oder militärisch, in der Lage, Reichtum herbeizuzaubern oder zu bewahren. Wenn Wohlstand eine statische Größe wäre, wären wir auf der Entwicklungsstufe alter Jäger- und Sammlerkulturen stehengeblieben. Und der Wohlstand meines Nachbarn bedeutet mitnichten im Gegenzug meine eigene Armut. Ganz im Gegenteil: Je besser es meinen Mitmenschen geht, desto wertvoller sind sie als meine Tausch- und Handelspartner, desto mehr Chancen gibt es, meine Waren und Dienstleistungen an die Mann und an die Frau zu bringen. Dieses Prinzip gilt grenzübergreifend. Wenn wir Leistungsträgern dagegen mit Argwohn, Neid, Hass und Ausgrenzung begegnen, zerstören wir die Grundlage unseres eigenen Wohlstands.


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