08. Januar 2007

Lew Rockwell Libertärer Mutmacher zum Jahreswechsel

Über die Macht der Ideen

Durch die Reihen der Libertären geistert – mal wieder – das Gefühl der Verzweiflung. Das jedenfalls meint der Leiter des amerikanischen Mises-Institutes, Lew Rockwell, beobachtet zu haben. Während der Staat an allen Fronten expandiert, sieht er viele Libertäre sich fragen, ob ihre Bemühungen überhaupt einen spürbaren Unterschied zeitigen. Verschwenden wir eigentlich unsere Zeit nur? Rockwell wendet sich gegen diese Einstellung und ruft energisch dazu auf, sich nicht dem Gefühl der Verzweiflung hinzugeben: „Verzweiflung ist ein Laster, das den menschlichen Geist zermürbt und vernichtet. Hoffnung dagegen ist schöpferisch und aufbauend.”

Um den Libertären Hoffnung zu machen, bedient er sich einer weisen Aussage des französischen liberalen Ökonomen Frédéric Bastiat (1801 – 1850). Der nämlich hatte darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, nicht nur das Sichtbare zu bedenken, sondern auch das, was man nicht sieht. Was, fragt Rockwell, wäre das Schicksal der Freiheit gewesen, wenn sich in den vergangenen 100 Jahren niemand um sie gekümmert hätte? Wir sollten daher den „unsichtbaren Nutzen“ des Freiheitsaktivismus betrachten.

„Vor weniger als einem Jahrhundert hatte der Staat in den USA seine Glanzzeit“, erinnert uns Rockwell. „Der Sozialismus war, mehr noch als heute, die intellektuelle Mode. Die Einkommenssteuer wurde als Antwort auf fiskalische Probleme betrachtet. Inflation und Zentralbanken würden unsere Geldprobleme lösen. Kartellgesetze und -prozesse würden die perfekte industrielle Organisation hervorbringen. Weltkriege würden dem Despotismus ein Ende bereiten, so jedenfalls glaubte eine Generation.“

Dieses und anderes (etwa Alkoholprohibition) hätte, wenn der Trend ungebrochen gewesen wäre, zum Totalitarismus geführt. Aber dies geschah nicht, und zwar weil die Menschen Einspruch erhoben: „Eine Antikriegsbewegung versetzte den Kriegsbemühungen eine große Delle und führte danach zu einem Aufdröseln des Staates. Öffentliche Empörung über die Einkommenssteuer führte zu ihrer Deckelung. Inflation wurde von Intellektuellen in Grenzen gehalten, die vor den Wirkungen des Zentralbankwesens warnten. So auch mit Kartellgesetzhandlungen, die aufgrund libertärer Ideologie behindert wurden. Auch die freie Rede wurde aufgrund von Aktionen geschützt.“

„Hätten die Fürsprecher der Freiheit niemals das Wort ergriffen, niemals Bücher geschrieben, niemals in den Klassenräumen unterrichtet, niemals Leitartikel geschrieben und ihre Ansichten niemals einem öffentlichen oder privaten Forum präsentiert, würde es um die Sache der Freiheit besser oder ebenso stehen? Keinesfalls. In all ihren Formen hat die libertäre Ideologie die Welt wortwörtlich vor dem Staat gerettet, der sich immer und überall ausdehnen will und niemals zurückweicht. Wenn er sich nicht ausdehnt und wenn er (selten genug) zurückweicht, dann ist das der öffentlichen Ideologie zuzuschreiben.“

Libertäre sollten nicht eine Sekunde lang glauben, mahnt Rockwell, dass dies ohne Belang ist. „Meistens ist die Wirkung schwer zu messen und manchmal sogar schwer zu erkennen. Libertäre Ideen sind wie Steine, die ins Wasser fallen, und Wellen in so viele Richtungen erzeugen, dass keiner mit Sicherheit sagen kann, woher sie kommen. Aber es gibt Zeiten, wo das Mises-Institut einen Volltreffer landet, und wir wissen von persönlichen Zeugenaussagen, dass wir Bürokraten und Politiker zu Wutausbrüchen gereizt haben über das, was wir sagen und tun. Wenn Sie glauben, dass sich diese Leute nichts aus öffentlicher Meinung machen, denken Sie nochmal nach. Sie fürchten sich vor dem Eindruck, den die Öffentlichkeit von ihrer Arbeit hat. Sie können aufgrund öffentlicher Opposition völlig demoralisiert werden.“

Ich kann dies aus eigener Anschauung aus England bestätigen, wo es schon seit Jahrzehnten eine aktive libertäre Gemeinde gibt. Im Jahr 2000 etwa gab es plötzlich Massenproteste von Brummifahrern gegen hohe Mineralölpreise. Sie verlangten die Senkung der Mineralölsteuer, sie blockierten mit ihren Fahrzeugen Raffinerien und Autobahnen. Nach einigen Tagen sah es in den Lebensmittelläden aus wie in denen der Sowjetunion um 1983. Prompt lenkte die Regierung ein und schaffte den jährlichen Anstiegsautomatismus, den noch die Konservativen in den 90er Jahren für diese Steuer eingeführt hatten, ab. Als etwas später ein Besitzer einer entlegenen Farm eine mehrjährige Gefängnisstrafe erhielt, nachdem er mit einer unregistrierten Waffe einen Einbrecher erschossen hatte (nach dem ungefähr 30. Einbruch, bei denen er immer wieder vergeblich die Polizei gerufen hatte), gab es einen solchen Aufschrei der Empörung, dass der Staat sich genötigt sah bekanntzugeben, dass er von nun an die Passage über „angemessene Gewalt“ („reasonable force“) im Notwehrgesetz „flexibler interpretieren“ würde. Seitdem hat es keine derartige Verurteilung mehr gegeben.

Solche ermutigenden Einzelbeispiele sucht man im Deutschland der vergangenen Jahre allerdings (noch!) vergebens, wenn man vom grandiosen Scheitern der DDR aufgrund der friedlichen Proteste und der Fluchtwelle von 1989 absieht. Gleichzeitig sollte jedem Libertären aber gerade anhand der Geschichte der DDR (und der vorhergehenden braunen Diktatur) klar sein, was passiert, wenn man dem Staat keinen ausreichenden intellektuellen Widerstand entgegensetzt. Wenn der Staat überhandnimmt, kann sich ein neuer Totalitarismus auf Jahrzehnte konsolidieren, bis er irgendwann an der eigenen Last – aufgrund der von ihm zerstörten Wirtschaft oder eines von ihm ausgelösten (Bürger-) Kriegs – zugrundegeht.

Soweit ist es in Deutschland und Europa noch nicht, aber der Weg dorthin wird schon beschritten. Dagegen intellektuellen Widerstand aufzubringen ist wichtiger als je zuvor, denn nach den gescheiterten brutalen Zwangssystemen des 20. Jahrhundert versucht „der Staat“ nun, uns die Freiheiten auf Schleichwegen, begleitet vom einlullenden Sirenengesang der „Sicherheit“, zu stehlen. Mehr als je zuvor findet der Kampf um Freiheit auf dem Schlachtfeld der Ideen statt. Mut könnten europäische Libertäre vielleicht, kurz einmal beim Bastiatschen „Nichtsehen“ verweilend, in der Überlegung schöpfen, wie es auf dem alten Kontinent aussähe, wenn Ludwig Erhard mit seinen energischen marktwirtschaftlichen Befreiungsschlägen kein rasantes Wirtschaftswachstum in den 50er und 60er Jahren in Westdeutschland ermöglicht hätte. Dass die Freiburger Schule der Ordoliberalen, denen er angehörte, von den weit radikaleren Ideen Ludwig von Mises’ und der Österreichischen Schule der Ökonomie nicht unbeeinflusst war, ist möglicherweise der Hauptgrund für den Erfolg ihrer Ideen in der Praxis.

Zurück zu Rockwell: „Es reicht nicht aus, festzustellen, dass die Welt sich noch unseren Vorstellungen anzupassen hat. Wir müssen auch beachten, auf welche Weise die Welt sich nicht dem Bild des Staates angepasst hat. Ideen sind wichtig. Wichtiger als wir es wissen. Warum wir nicht gewonnen haben? Weil wir nicht genug tun und unsere Reihen nicht groß genug sind.“ Das heißt aber nicht, dass wir verloren haben. Es stimmt zwar, wie Rockwell auch zugibt, dass größere Anstrengungen vonnöten sind. Vor allem aber „müssen wir Geduld haben, genau wie die Prohibitionisten und Sozialisten die Geduld hatten, ihr Programm bis zur Vollendung durchzusetzen. Sie haben ihre Chance gehabt. Unsere Chance wird kommen, vorausgesetzt, wir schenken dem Rat der Verzweiflung keine Beachtung.“

Internet:
http://www.mises.org/story/2433
http://www.bastiat.de/bastiat/was_man_sieht_und.html


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