29. Januar 2007

England Antidiskriminierungs-Kreuzzügler gegen katholische Adoptionsagenturen

Der Staat will Gott ersetzen

Wie die deutsche setzt auch die britische Regierung derzeit die EU-Richtlinien gegen Diskriminierungen aller Art am Arbeitsplatz und im öffentlichen Leben um. Niemand darf mehr aufgrund seiner Rasse, seiner Religion, seines Alters, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung benachteiligt werden. Diese Richtlinien und die auf ihrer Basis entworfenen Gesetze, kritisiert die englische Libertarian Alliance, sind ein schwerer Eingriff in das primäre Recht auf Leben und auf rechtmäßig erworbenes Eigentum. „Aus diesem primären Recht können alle Rechte der liberalen Tradition abgeleitet werden – die Freiheit der Rede, des Vertrages und der Koalition, zusammen mit dem Schutz gegen tyrannisches oder willkürliches Verhalten des Staates“, heißt es in ihrer Pressemitteilung dazu. „Daraus entsteht kein Recht, nicht gehasst, verachtet oder gemieden zu werden. Es rechtfertigt keine Gesetze gegen Diskriminierung aufgrund von Rasse, Geschlecht, Religion oder sexueller Orientierung, oder Gesetze gegen die Äußerung von, oder Anstiftung zum Hass gegen irgendeine Gruppe.“

Die meisten Menschen in Westeuropa, auch in England, haben lange über den Spleen der pc-Kohorten gelacht. Jetzt, wo sie in Brüssel, London, Berlin und anderswo an der Macht sind ernst machen, lacht keiner mehr – aber es wehrt sich auch kaum ein Betroffener mehr. Einzige Ausnahme in England: die katholische Kirche. Ihr Streitpunkt: ihre Adoptionsagenturen. Die Kirche will nicht, dass ihre Agenturen gezwungen werden, zur Adoption anstehende Kinder an homosexuelle Paare zu vermitteln, da dies gegen den Glaubensinhalt ihrer Mitarbeiter verstößt. Falls das Gesetz dennoch wie geplant in Kraft treten sollte, sähe sich die Kirche gezwungen, ihre Agenturen zu schließen.

Da die katholischen Agenturen in England nur etwa 4 % der Adoptionen vermitteln, könnte man meinen, der Verlust sei verschmerzbar. Doch eingeschlossen in dieser kleinen Ziffer sind ein Drittel aller schwer vermittelbaren und älteren Kinder. Hier macht sich die jahrhundertelange Erfahrung der Kirche in Adoptionsangelegenheiten sehr bezahlt. Deshalb hat schon ein regierungsnaher Politiker von einem „Erpressungsversuch“ seitens der römischen Kirche gesprochen. Objektiv betrachtet ist das aber nicht der Fall, denn die Katholiken haben als Kompromißlösung angeboten, homosexuelle Paare nicht einfach abzuweisen, sondern an andere Agenturen zu verweisen, die ihnen gerne behilflich sind. Das aber ist für die Prinzipienreiter von der pc-Front unakzeptabel. Entweder ist Diskriminierung erlaubt oder verboten, tönte eine Ministerin, ein Dazwischen gibt es nicht. Was sich hingegen abzeichnet ist, auf Vorschlag einiger Minister, ein fauler Kompromiß in Form eines zeitlichen Übergangs (womit der eigentliche Konflikt nur verschoben wäre). Leiden werden darunter vor allem die, die ohnehin im Leben schon viel gelitten haben: die schwervermittelbaren Kinder.

Daran zeigt sich, dass es den Kämpfern gegen Diskriminierung nicht um die gerechte Behandlung angeblich benachteiligter Menschengruppen geht, sondern um einen Kulturkampf. Mit dem Antidiskriminierungsgesetz wird der alte sozialistische Gleichheitswahn auf anderer Ebene fortgesetzt. Murray Rothbard hat in seinem Essay „Egalitarianism as a Revolt Against Nature“ schon 1973 festgestellt, dass all jene, die gegen Diskriminierungen zu Felde ziehen, in Wahrheit gegen die natürlichen Unterschiede der Menschen kämpfen, also gegen die Natur selbst und die Beschaffenheit des Universums.

Natürliche Unterschiede unter den Menschen sind die Grundlage der segensreichen und wohlstandsbildenden Institution der Arbeitsteilung. Diese kann aber nur funktionieren, wenn Menschen diskriminieren dürfen, nämlich zwischen denen, von deren Eignung für eine Aufgabe sie überzeugt sind, und allen anderen. Diese Entscheidung kann nur auf der Grundlage persönlicher Überzeugungen fallen, die aus Erfahrungswerten wachsen, aber auch aus Werten, deren Grundlage jenseits der Erfahrbarkeit liegen, auch Glaube genannt. Wer aber meint, nur die Gottesfürchtigen hätten einen Glauben, der irrt.

„Im Herzen der egalitären Linken“, schreibt Rothbard im erwähnten Essay, „befindet sich der pathologische Glaube, dass die Realität keine Struktur hat; dass die ganze Welt eine tabula rasa ist, die zu jedem Augenblick, allein aufgrund der Ausübung menschlichen Willens, in jegliche erwünschte Richtung verändert werden kann – kurz, dass durch den einfachen Wunsch oder die einfache Laune der Menschen die Realität sofort verwandelt werden kann.“ Dieser Kulturkampf ist also in Wirklichkeit ein Glaubenskonflikt.

Einige Menschen äußerten den wohlmeinenden Ratschlag, die Kirche sollte es einfach darauf ankommen lassen und das Gesetz brechen. Diese Möglichkeit ist jedoch nicht mehr gegeben. Seit 1948 untersteht die Adoption gänzlich dem Staat, die Agenturen (die vom Staat Lizenzen erhalten) sind lediglich die ausführenden Organe, die zudem vom Staat, über die Kommunen, finanziert werden (es gibt zwar auch Spenden, die reichen aber bei den heutigen, kostentreibenden Auflagen für Adoptionen längst nicht mehr aus). Und genau hier ist die Krux der Angelegenheit, wenn ich das mal so sagen darf. Dass unklare Eigentumsverhältnisse über kurz oder lang Konflikte erzeugen, ist jedem Liberalen bekannt. Hier geht es aber auch um unklare Autoritätsverhältnisse: Wem erlaube ich, über mein Gewissen zu bestimmen – dem Staat, oder einer anderen Autorität? Diese Frage, das kann man der katholischen Kirche Englands durchaus vorwerfen, hat sie hinsichtlich der Adoptionen implizit schon 1948 beantwortet. (Was Reue und Umkehr nicht ausschließt.)

Ein Hoffnungsschimmer bleibt, denn ein Sieg des Staates in dieser Schlacht könnte durchaus ein Pyrrhussieg sein. Der britische Sinn für „fair play“ (an den die katholische Kirche in ihrem Brief an die Minister appelliert) ist in der Bevölkerung noch lebendig – wenn auch nicht unter den Kohorten obszön überbezahlter steuerfinanzierter Weltverbesserer. Eine moralische Niederlage, und damit ein Autoritätsverlust, ist ihnen sicher, sollten sich diese Rüpel durchsetzen. Wenn nicht, erleiden sie einen Gesichtsverlust. Auch nicht schlecht.

Internet:

Brief des katholischen Kardinals Cormac Murphy-O’Connor an die Minister

Pressemitteilung der Libertarian Alliance

Egalitarianism as a Revolt Against Nature, von Murray N. Rothbard


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