12. Februar 2007

Feldforschung Geduld als Faktor der Ungleichheit

Studie bestätigt die Bedeutung der Zeitpräferenzrate für die Wohlstandsbildung

Das größte Greuel aller offenen und versteckten, bewussten und unbewussten Freiheitsfeinde ist die materielle „Ungleichheit“ unter den Menschen. Bekannt ist, dass es signifikante Einkommens- und Besitzunterschiede „erst“ seit Beginn der Landwirtschaft gibt – weil diese den Aufbau von Lagerbeständen ermöglicht. Und erst seit dem, so steht zu vermuten, ist der Neid – und die daraus resultierende, auf die Artgenossen gerichtete tödliche Aggressivität – ein ernstzunehmender Faktor zwischenmenschlicher Beziehungen gewesen. Die Bedeutung, den dieses Gefühl in der Menschheitsgeschichte einnimmt, wird durch die Platzierung der Geschichte von Kain („ein Ackerbauer“) und Abel („ein Schafhirt“ – also Nomade) gleich nach dem Sündenfall in der Bibel adäquat dargestellt (Genesis 4).

Lange Zeit waren die Folgen des Neides örtlich oder regional begrenzt. Spätestens aber seit der Französischen Revolution machen viele unserer Artgenossen ernst mit ihrer Absicht, die Welt ihren Vorstellungen anzupassen und alle Menschen „gleich“ zu machen. Ihre Mittel dazu reichen von der Guillotine bis zum Konzentrationslager, von der Einkommens- bis zur Erbschaftssteuer, vom Schulzwang bis zu CO2-Zertifikaten. Die Unnachgiebigkeit der böswilligen Energie, die diesen Maßnahmen zugrundeliegt, erklärt sich aus der Vorstellung, wie die wahrgenommenen Unterschiede zustandekommen. Intelligenz, Glück und Aggressivität werden üblicherweise als hauptsächliche Faktoren dafür verantwortlich gemacht.

Die Ungleichverteilung dieser Faktoren führt so manchen zur Ansicht, dass hier was zu korrigieren sei. Dass dadurch nichts gerechter, sondern lediglich der Faktor Aggressivität auf- und die anderen abgewertet wird, ist klar. (Und dass eine „Gleichverteilung“ von „Glück“ zur Vernichtung eben dieses – auch im übertragenen Sinne – führt, auch.) In diesem Artikel soll es jedoch nicht um die gerechte Verteilung von Erfolgsfaktoren gehen, sondern um den empirischen Nachweis eines weiteren Faktors, nämlich der Geduld.

Der „Economist“ berichtet in seiner neuesten Ausgabe von einer sozialwissenschaftlichen Feldforschung über den Zusammenhang von Geduld und Einkommensunterschieden. Victoria Reyes-Garcia, von der Autonomen Universität von Barcelona, hat das Verhalten von Mitgliedern der Tsimane’ eines Eingeborenenstammes im bolivischen Teil des Amazonas-Tropenwaldes untersucht. Die Tsimane’ leben sowohl vom Jagen und Sammeln, als auch von einer primitiven Landwirtschaft. Sie stellen also eine Art Gemeinschaft dar, wie sie ganz zu Beginn der Landkultivierung im „Fruchtbaren Halbmond“ des Nahen Ostens vorgeherrscht haben dürfte. Bei ihrem ersten Kontakt mit der modernen Zivilisation gab es in ihren Dörfern kaum Einkommensunterschiede.

Die Forscher gaben allen 151 Erwachsenen in zwei Dörfern die Wahl, eine kleine Menge Geld oder Lebensmittel sofort zu erhalten, oder eine größere Menge in einer Woche, oder aber eine noch größere Menge, wenn sie bereit wären, mehrere Monate darauf zu warten. Man braucht keine Schulbildung, um hier eine Entscheidung für die letzteren Alternativen zu treffen. Alles, was man braucht, ist Geduld.

Fünf Jahre später wurden die meisten Teilnehmer nochmals interviewt. Es stellte sich heraus, dass das Einkommen derjenigen, die zuvor am geduldigsten gewesen waren, höher gestiegen war als das der Ungeduldigeren. Der Effekt war klein – nur 1 Prozent – aber, so der „Economist“, im Verlauf eines Lebens kann sich so ein Unterschied zu einer erheblichen Ungleichverteilung aufsummieren. Erst recht, kann man im Hinblick auf die hiesige Erbschaftssteuerdebatte hinzufügen, wenn man mehrere Lebensalter betrachtet.

Interessant am Bericht ist auch die festgestellte Korrelation zwischen Bildungsgrad und Geduld. Seit den 1970er Jahren hatten Missionare den Tsiname’ eine Grundschulbildung angeboten. Die besten Schüler hatten die Möglichkeit erhalten, sich in einer nahegelegenen Stadt weiterzubilden. Je höher die Bildung war, desto höher war die Bereitschaft, auf eine höhere Belohnung länger zu warten. Daraus zu folgern, dass mehr zwangsfinanzierte Zwangsbildung eine höhere Zahl an engelsgeduldigen Menschen hervorzaubert, ist jedoch falsch, denn die Ursache-Wirkungskette ist umgekehrt. Wer bereit ist, sich zu bilden, verzichtet freiwillig auf ein (niedriges) Einkommen in der Gegenwart, um später ein höheres Einkommen zu erhalten. Wer diesen Zusammenhang erkennt, läßt sich oder seine Kinder (= familäre Arbeitskräfte) ausbilden. Und kassiert später den Lohn des früheren Verzichts.

Der Faktor Geduld ist nichts anderes als die niedrige Zeitpräferenzrate, die z.B. Hans-Hermann Hoppe in seinem Buch „Demokratie – Der Gott, der keiner ist“ als entscheidende Ursache für Sparsamkeit und des erhöhten Einkommens aprioristisch feststellt. Die Feldstudie bestätigt daher empirisch, was viele Ökonomen, insbesondere jene der Österreichischen Schule, seit langem nicht durch Beobachtung, sondern rein aufgrund Nachdenkens über die Natur des Menschen wissen. Hoppe erwähnt im selben Buch, dass die meisten Soziologen und Politikwissenschafter der Zeitpräferenz „erstaunlich wenig Aufmerksamkeit“ widmen (Seite 52, Fußnote 6). Vielleicht liegt das an der Aversion, die die meisten Sozialwissenschaftler der aprioristischen Methode gegenüber empfinden. Möglich, dass die Vorstellung, auf Empirie zu verzichten, bei ihnen Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Naturwissenschaften auslöst. Um so besser, dass jetzt eine empirische Untersuchung eine zentrale Erkenntnis der Österreichischen Schule der Ökonomie bestätigt.

Ob hier aber wirklich ein vierter Faktor der Ungleichheit gefunden wurde, darf bezweifelt werden. Geduld – im Zusammenhang mit dem Feldversuch – hat nämlich durchaus auch was mit Intelligenz zu tun, und mit Vertrauen. Und auch die Fähigkeit zum (begründeten) Vertrauen läßt sich auf Intelligenz zurückführen. Eher ist also eine Präzision möglich. Die Intelligenz, die langfristig und nachhaltig zu höhrem Einkommen führt, ist nicht die Form der „Bauernschläue“ und die des cleveren Tricksers, sondern die der vertrauensbildenden Maßnahmen und der Fähigkeit, unangenehmen Entscheidungen zu fällen und durchzuführen, mit einem Wort: Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Internet:

Artikel im „Economist“

Hans-Hermann Hoppe: „Demokratie – Der Gott, der keiner ist“


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