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Fernreisen: Kraft durch Klimaschutz

von Kris Niemietz

Urlaub daheim im Reich

Das war ja nur eine Frage der Zeit. Politiker und Berufsmenschheitsretter haben ein neues Bauernopfer für den ökohysterischen Zeitgeist gefunden: Flugreisen. Den Auftakt für ein Stück, dem wahrscheinlich noch zahlreiche Akte folgen werden, bietet mal wieder eine Kanonade dümmlicher Belehrungen. „Auf Flugreisen zu verzichten ist ein guter privater Beitrag zum Klimaschutz. Urlaub in Deutschland oder im benachbarten Ausland ist auch sehr schön“, klärt uns Ulrich Kelber, Vizefraktionschef der SPD im Bundestag, freundlicherweise auf. Auch der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) geizt nicht mit guten Ratschlägen. „Wir brauchen eine Veränderung im Lebensstil. Dazu gehört, dass wir wieder Qualität aus der Nähe schätzen lernen. Also lieber mal am Main entlang radeln, als eine Fernreise mit dem Flugzeug machen.“ Und Renate Künast, die ja schon als Verbraucherbevormundungsministerin für mehr Heimattümelei beim Lebensmittelkauf geworben hatte, findet, wir sollten uns einmal „überlegen, dass es auch in Deutschland schöne Urlaubsregionen gibt.“ Greenpeacechefin Brigitte Behrens spricht aus, was die werten Herrschaften damit eigentlich meinen, sich aber so im Moment noch nicht zu sagen trauen: „Billigflüge zu Dumpingpreisen gehören verboten“. Nur Geduld, Frau Behrens, kommt alles noch.

Der Blätterwald freut sich über so viele „mutige Vorschläge“ und produziert passende Blödelparolen im Schweinsgalopp: Sylt statt Seychellen! Bayern statt Bahamas! Inzell statt Indien! Neuschwanstein statt New York! (Wo zum Teufel ist eigentlich Inzell?) Die Süddeutsche rät: „Der aktuelle Reisetipp: Bleiben sie zuhause!“. Darunter das Bild einer Familie, in dicke Winterjacken gehüllt an einer trüben Strandlandschaft, der Begleittext lautet: „Auch die Ostsee hat ihre Reize“. Die Reisewerbungen auf der gleichen Seite, die glasklares Wasser und sonnige Strände zeigen, wirken irgendwie verlockender, aber vermutlich ist das bösartige Täuschung.

Demnächst gibt’s also nur noch Urlaub in Michelland. Das sind dann in etwa so aus: Vom Fenster des rauchfreien Cafés aus lässt man den Blick versonnen über eine Ansammlung sich drehender Windräder am Stadtrand schweifen. Auf der Straße halten die Energiesparautos, um eine Gruppe Kindergartenkinder im Pflichtjahr passieren zu lassen. Einige von ihnen sind auch schon im Ganztagsschulalter. Noch ein Pils? Geht jetzt nicht, einer der Kellner macht gerade zwei Monate Vaterschaftsurlaub, um ans volle Elterngeld ranzukommen, und die Kollegin ist nach Einführung des Mindestlohns gefeuert worden. Dafür macht der Peter ab morgen Vertretung, der hat bisher Computerspiele verkauft, musste aber nach dem Killerspielverbot zumachen. Macht dann 3,20, inklusive 19 Prozent Mehrwertsteuer. Beim Heimradeln am Main entlang freut man sich über die gender-gerechten Hinweisschilder.

Schade nur, dass bei dem ganzen Eiertanz zum Wohle „künftiger Generationen“ so viel Heuchelei im Spiel ist. Würde eine Partei versprechen, zum Wohle künftiger Generationen die staatliche Neuverschuldung zu beenden und die Gesamtverschuldung abzubauen, und zwar um den Preis eines momentanen Verzichtes, dann hätte sie nicht den Hauch einer Chance auf einen Wahlsieg. Anders als die „Klimakatastrophe“ bedeutet die Staatsverschuldung aber keinen diffusen Verlust irgendwann einmal, sondern einen konkret bezifferbaren Verlust in sehr naher Zukunft, und auch schon im Hier und Jetzt. Dafür interessiert sich kein Mensch, und schon gar kein Politiker. Die gleichen Leute aber, die sich nicht im Mindesten daran stören, dass der Staat ihre Zukunft verschleudert, sind plötzlich nicht nur bereit, auf allerlei Komfort, Mobilität und letztlich Freiheit zu verzichten, sondern jubeln auch noch vor Begeisterung über jeden Schritt in diese Richtung. Der Unterschied ist klar: Der langweilige Buchhaltertyp, der da spießig seine Zahlen zu Einnahmen und Ausgaben vorträgt, und darauf hinweist, dass das alles nicht „solide“ sei – er hat keine Chance gegen den visionären Weltenerretter, der, weitsichtig, gut und edel, das große Ganze im Blick hat, die Menschheit insgesamt, auch das Soziale und so. Da möchte doch jeder irgendwie ein bisschen dazu gehören. Nichts leichter als das: Einfach nur laut „Hurra!“ schreien, sobald irgend ein Sonntagsredenpolitiker das Wort „Verbot“ brabbelt, und schon bist auch Du dabei.

Dabei gehört es zu den großartigsten Entwicklungen der letzen Jahre, dass Flugreisen und internationale Mobilität von einem Privileg reicher Leute zu einem Massengut geworden sind. Mit der Vergrößerung des Angebots ging auch eine Diversifizierung einher, kamen Reisemöglichkeiten auf, die sich ganz speziellen zeitlichen und anderen Bedürfnissen anpassen. Mein Großvater hatte nur ein einziges Mal in seinem Leben die Landesgrenzen überquert, allerdings nicht mit Badehose und Strandmatte, sondern mit Gewehr und Uniform. Heute dagegen ist es selbstverständlich, dass auch Geringverdiener fremde Länder kennen lernen können. Und sei es, wenn sie wenig Zeit haben, nur zu einem der jetzt ins Fadenkreuz von Greenpeace geratenen Wochenendtrips. Das ist ein echter kultureller Fortschritt. Die neuen Möglichkeiten nutzt jeder auf seine Weise. Jeder zweite Student absolviert heute ein Auslandssemester oder auch mehrere, oft in Gegenden, zu denen eine Zugreise kaum zumutbar wäre. Der Eine macht Bildungsreisen, der Andere Shopping- oder Saufurlaub – na und?

Es ist ein katastrophaler Fehler, das alles jetzt für ein Hirngespinst aufs Spiel setzen zu wollen. Sicher, noch klingt alles harmlos. Umweltminister Gabriel spricht davon, Fluggesellschaften in den Emissionshandel mit einzubeziehen, die Grünen fordern Steuern auf Flugbenzin, Verkehrsminister Tiefensee will die Flughafensteuern an den Treibstoffverbrauch koppeln. Aber Steuern und Verbote kommen fast nie mit einem Big Bang, sondern langsam, schleichend und auf viele Instrumente verteilt. Und wofür das alles? Kein Mensch kann wirklich sagen, welche Auswirkung ein bestimmtes Volumen an Emissionseinsparungen, noch dazu auf ein einziges Land beschränkt, auf die globale Durchschnittstemperatur des Jahres 2100 oder 2200 haben wird. Und wenn es jemand könnte, dann hätte er trotzdem keinen blassen Schimmer, welche konkreten Auswirkungen das hätte. Dieser Weg bringt also handfeste Belastungen, und nur sehr diffuse Vorzüge. Näher liegender scheint es doch, den Klimawandel einfach zu akzeptieren und sich daran anzupassen. Dann müsste in von Hochwasser oder Stürmen gefährdeten Gebieten eben in Schutzmaßnahmen investiert werden, also in Staudämme, in Uferbefestigungen, in solidere Bausubstanz. Natürlich ist auch das alles nicht kostenlos zu haben, auch das erfordert stellenweise Verzicht. Und gerade, weil die Anpassung an sich verändernde Rahmenbedingungen ökonomische Ressourcen beansprucht, darf die Generierung dieser Ressourcen nicht durch wachstumshemmende Maßnahmen verhindert werden. Stattdessen müssen die Fesseln, die dem wirtschaftlichen und technischen Fortschritt hier und anderswo angelegt wurden, gesprengt werden, und dazu gehört auch und gerade die gutmenschelnde Umweltpolitik. Na gut, hinterlassen wir den „künftigen Generationen“ (um diesen Allerweltsbegriff auch einmal verwendet zu haben) eben einen Planeten, auf dem die Durchschnittstemperatur in Gottes Namen etwas höher ist – dafür aber auch den volkswirtschaftlichen Kapitalstock, mittels dessen sie auf die Folgeerscheinungen reagieren können.

Für Entwicklungsländer sieht die Situation nicht anders aus. Ist ein malariagefährdetes, armes Land nicht besser dran, wenn es soviel Wachstum zulässt, dass Insektenbekämpfung  mühelos finanziert werden kann? Ist es nicht sinnvoller, wenn ein Gebiet am Rande der Wüste aus hohem Wirtschaftswachstum die effiziente Aufbereitung von Trinkwasser finanziert? Brauchen nicht gerade diese Länder dafür einen florierenden Welthandel, starke Absatzmärkte in Europa und Nordamerika, und gegebenenfalls Touristen, die mit Flugzeugen ankommen?

Das Problem ist nur: Um all das geht es nicht. Was hierzulande gerade stattfindet, ist ein Kulturkampf. Der umweltbewusste deutsche Bildungsbürger jettet nicht zum Saufurlaub nach Malle, er rast auch nicht auf der Autobahn und frönt keinem Massenkonsum, genauso wenig, wie er Zigaretten raucht oder seine Kinder Killerspiele spielen lässt. All das machen nur Leute wie der volltätowierte Kampfhundbesitzer Kalle Kaluppke und seine Freundin Mandy aus Marzahn, und über die kann der linksgrüne Proll-Intellektuelle natürlich nur pikiert die Nase rümpfen. Und damit das auch wirklich jeder mitbekommt, weidet er sich an seiner gespielten Empörung, wenn er in der „SZ“ über die Lebensgewohnheiten dieser niederen Spezies liest, und murmelt betroffen: „Das sollte man verbieten“. Die Runde nickt zustimmend.

Internet:
http://unsichtbarehand.blogspot.com/2007/03/aktuelles.html#links
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,469742,00.html
http://www.sueddeutsche.de/reise/artikel/401/104297/
http://www.sueddeutsche.de/reise/artikel/407/104303/

06. März 2007

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