12. März 2007

Baumärkte Warum hier „sozialistische Zustände“ herrschen

Lohnnebenkosten, Planungsvorschriften, komparativer Vorteil, Preiselastitizät und „Metrifizierung“

Das habe ich nun davon: Da schiebe ich noch schnell einen kleinen, nebensächlichen Satz in meinen Text hinein, doch gerade der erzeugt ein größeres Echo als der Hauptinhalt. Es geht um den Satz in meinem letzten ef-online-Artikel „Umweltschutz: Warum der kalte Markt besser ist als glühende Politik“, wo ich in Klammern folgendes schrieb: „Warum in jenen Läden [Baumärkten] praktisch der Sozialismus herrscht, ist eine andere Geschichte, die ich bei anderer Gelegenheit vielleicht mal erzählen werde.“

Erstmal zwei Klarstellungen. Genauer hätte ich schreiben sollen: „Zustände wie im Sozialismus herrschen“. Und: ich meinte eigentlich nur die Baumärkte in England, die ich seit gut sechs Jahren besser kenne als die deutschen.

Allgemein betrachtet sind Baumärkte in erster Linie natürlich ein Produkt des Marktes. Ihre Existenz verdanken sie vor allem jener großen gesellschaftsverändernden Erfindung unserer Zeit, dem Automobil. Will jemand ein Zimmer umgestalten, braucht er nur noch mit dem Auto zum nächsten Baumarkt zu fahren, alles zu kaufen was er braucht, ins Auto laden und wieder nach Hause fahren. Früher musste er sich Farbe, Bretter, Schrauben und so weiter womöglich in verschiedenen Läden zusammenkaufen, die, weil sie in der Regel kleiner waren, deshalb höhere Fixkosten pro Verkaufseinheit hatten und somit höhere Stückpreise als die Baumärkte heute. Insofern sind Baumärkte ganz sicher ein Segen. Allerdings existieren auch heute noch kleinere Läden für den Heimwerker, die sich jedoch meist spezialisieren, um die höheren Preise zu kompensieren.

Die großen Märkte sind aber auch zum Teil die Folge eines interventionistischen Staates. Da in den vergangenen Jahrzehnten die Lohnnebenkosten und die Kosten der für Handwerker einzuhaltenden Vorschriften gestiegen sind, leistet sich der Normalsterbliche nur noch in Extremfällen einen Handwerker – offiziell. Auch schwarz sind die Meister der Zünfte nicht ganz billig, hinzu kommt dann noch das Risiko der nichteinklagbaren Fehlleistung (ganz abgesehen vom „Erwischtwerden“). Da wird man lieber zum Heimwerker und bastelt sich die Bude so gut es geht selbst zusammen. Die Folge: boomende Baumärkte.

In dem Maße, wie die Wahlfreiheit des Verbrauchers eingeschränkt wird, zum Beispiel mit den eben erwähnten staatlichen Eingriffen, wird die Nachfrageseite „inelastischer“; und in solchen Fällen haben die Anbieter einen größeren preislichen Spielraum nach oben. Das kann sich auf monetäre oder nichtmonetäre Art und Weise manifestieren. Der Anbieter kann Preise heraufsetzen, oder die Qualität der Produkte oder des Services senken. Das kann er natürlich nur in dem Maße, wie die Konkurrenz das auch mitmacht. Je geringer die Anzahl der Konkurrenten, desto größer die Versuchung einer (inoffiziellen) Absprache in dieser Hinsicht.

Womit ich auf England komme, denn hier gibt es auffällig weniger verschiedene Baumärkte als in Deutschland, obwohl es gleichzeitig weniger (und weniger gute) Handwerker gibt. Das allein schon bedeutet, dass die Angebotsseite eine günstigere Position hat in Bezug auf den Verbraucher. Sie kann sich mehr „Unverschämtheiten“ leisten, allein weil es weniger Konkurrenz gibt. Mindestens zwei ortsspezifische Gründe gibt es hierfür. Erstens lassen sich Menschen in den Bereichen ausbilden, in denen sie sich ein möglichst bequemes Auskommen versprechen. Der „komparative Vorteil“ Englands liegt eindeutig im Finanzbereich, daher streben die meisten Menschen in den Finanzsektor und ähnlichen, eher administrativen und serviceorientierten Bereichen. Auch innerhalb der Baumärkte findet man daher kaum angestellte Fachkräfte, sondern eher Studenten, die sich nebenbei was verdienen. Erst seit der EU-Osterweiterung hat sich das Problem des Handwerkermangels ein wenig entspannt. Jedoch ist der Einsatz von Handwerkern aus Polen, Ungarn und so weiter aufgrund der noch vorhandenen Sprachbarriere eingeschränkt.

Damit lässt sich der Handwerkermangel erklären. Wie ist es aber mit der mangelnden Konkurrenz? Dieser zweite Grund ist ebenfalls spezifisch für England, nämlich die relativ geringe Zahl an (verschiedenen) Baumärkten. Ursachen hierfür sind zum einen die sehr restriktiven Planungsvorschriften, die Wohnhauspreise fast in den Himmel steigen lassen, aber auch die Errichtung jeglicher neuer, auch kommerzieller, Bauten finanziell erheblich erschweren. Hinzu kommt die seit dem letzten Jahrzehnt Zug um Zug gesetzlich vorgeschriebene „metrification“ (Umstellung aller im Handel üblichen Maße auf Meter, Gramm, Liter und so weiter). Es ist durchaus möglich, dass die vorhandenen großen Einzelhandelsanbieter, darunter auch die Baumärkte, eine Forcierung dieser Gesetzgebung vorangetrieben haben. Ob das stimmt oder nicht, ist unerheblich, aber die Baumarktriesen Homebase und B&Q, wie auch die Lebensmittelkonzerne wie Tesco und Sainsbury konnten sich die Kosten der Umstellung locker leisten, für viele kleine Einzelhändler war dies der Kosten-Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Mit jeder wegfallenden Konkurrenz engt sich der ökonomische Bewegungsraum für den Verbraucher ein. Zwar gibt es auch in England inzwischen Online-Läden für Heimwerker, aber wer sich handwerklich nicht besonders gut auskennt, wird die Produkte erstmal in Augenschein nehmen und in der Hand halten wollen, und nicht nur als kleines Pixelbildchen wahrnehmen. Die Folge ist: hohe Preise in den Baumärkten, dafür niedrige Produktqualität, hin und wieder ist auch mal statt des gesuchten Produkts nur eine Lücke im Regal. Und wenn man sich handwerklich beraten lassen will, gerät man, wenn man Glück hat, an einen Mathematikstudenten.

Wie gesagt, Zustände wie im Sozialismus.

Internet:

Preiselastizität der Nachfrage

Komparativer Kostenvorteil

Untersuchung des Think Tanks „Policy Exchange“ über restriktive Planungsvorschriften in England:

Die „Metrischen Märtyrer“


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