13. März 2007

Doppel-Filmkritik Politik ist schmutzig und unmoralisch

„Flags of our fathers“ und „Letters from Iwo Jima“

Mit seinen beiden neuesten Filmen „Flags of our fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ versucht Clint Eastwood das, was vor ihm schon Generationen von Regisseuren mit mehr oder weniger Erfolg angegangen sind: Das Grauen eines Krieges auch denen nachvollziehbar zu machen, die selber keinen Krieg erlebt haben. Und: Es gelingt ihm, vor allem mit dem ersten Teil des Filmpaars, „Flags of our Fathers“. Wo andere Kriegsfilme allzu leicht entweder in (patriotischem oder pazifistischem) Pathos ersaufen oder aber das Grauen auf Einzelschicksale reduzieren, bricht Eastwood, der sich wiederholt als Libertärer geoutet hat, das Kriegsgeschehen konsequent auf individuelle Schicksale herunter, ohne dabei jedoch den kollektiven Wahnsinn auszublenden.

Im Mittelpunkt des ersten Films, „Flags of our Fathers“, steht das Schicksal dreier US-Soldaten im Mittelpunkt, die an der mörderischen und völlig sinnlosen Schlacht um die japanische Insel Iwo Jima im Februar 1945 beteiligt sind. Durch den Zufall, dass ein Photo von ihnen, auf dem sie zusammen mit drei inzwischen umgekommenen Kameraden eine amerikanische Flagge auf einem Hügel hissen (eine eigentlich ganz beiläufige Aktion), in der Heimat weite Verbreitung findet und erfolgreich bei der Kriegspropaganda eingesetzt wird, werden diese drei plötzlich ungewollt zu „Helden“. Sie werden nach Amerika zurückgeschickt, um an der Propagandafront zu kämpfen. Denn der Staat braucht Kriegsanleihen, „sonst“, so ein Regierungsvertreter sinngemäß zu den unwilligen jungen „Helden“, „müssen wir wieder Geld drucken“.

Der Film zeigt die Schrecken des Krieges ungeschönt (die Altersfreigabe ab 12 verwundert sehr), in dem Individuen erst zu Herdentieren und schließlich zu Leichenmassen mutieren, verfolgt aber auch die höchst unterschiedlichen Schicksale seiner Protagonisten nach dem Krieg. In einer Rahmenhandlung erzählt der alt gewordene „Kriegsheld“ John „Doc“ Bradley seinem Sohn zum ersten Mal von Iwo Jima und davon, wie wenig er sich als Held gefühlt hat. Diese Rahmenhandlung hätte allerdings entweder etwas weiter ausgebaut oder weggelassen werden sollen, sie wirkt wie ein unnötiger geschwätziger Fremdkörper.

Während in „Flags of our Fathers“ die japanischen „Feinde“ gesichtslos bleiben, zeigt der zweite Film des Paars, „Letters from Iwo Jima“, dieselbe Schlacht aus Sicht einiger japanischer Soldaten, die ebenfalls sehr sorgfältig als sehr unterschiedliche Individuen mit ganz verschiedenen Interessen, Motiven, Ansichten und Schicksalen beschrieben werden. Dass Eastwood diese japanischen Individuen nicht Englisch (quasi synchronisiert) reden lassen konnte, sondern dass dieser Film nur in Japanisch (mit Untertiteln) gedreht werden konnte, leuchtet sofort ein. Die Konflikte zwischen traditionellen Hardlinern und weltoffenen Menschenfreunden unter den Befehlshabern werden überzeugend dargestellt, mehr noch die Nöte der „einfachen Soldaten“, die nur überleben wollen. Dieser zweite Film ist notwendig, um das Bild vom Krieg vollständig zu machen – auch die „Feinde“ sind Individuen.

Dennoch ist dieser zweite Film schwächer als der erste. Die oben erwähnte „Moral“ – unsere „Feinde“ sind im Grunde wie wir –, die gerade durch das Zusammenwirken der beiden Filme ohne große Worte deutlich wird, wird hier allzu pathetisch expliziert. Vor allem in einer Szene, in der ein japanischer Offizier seinen Leuten den bei einem sterbenden amerikanischen Soldaten gefundenen Brief seiner Eltern vorliest, wirkt dies dann doch etwas kitschig. Vor allem beschränkt sich dieser zweite Film auf die Darstellung der Schlacht auf Iwo Jima – die Politiker im Hintergrund tauchen nicht auf.

Dennoch sind beide Filme nicht nur für Eastwood-Fans sehenswert – und auch nicht nur für Leute, die bisher mit (Anti-) Kriegsfilmen etwas anfangen konnten. Beide Filme zusammen zeigen, was ein Diskutant in einem Online-Forum zu „Flags of our Fathers“ (keinem libertären Forum) so auf den Punkt brachte: „Politik ist schmutzig und unmoralisch!


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Ulrich Wille

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