Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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Schulzwang: Ein sensationelles Interview

von Robert Grözinger

Der Staatsmonolith zeigt erste Risse

Derzeit wird, von den Mainstream-Medien nur am Rande bemerkt, in Deutschland ein fundamentaler, ja vielleicht sogar epochaler Kampf ausgetragen. Jedenfalls wird die potentielle Tragweite des Ausgangs dieses Kampes von den meisten Medien nicht erkannt oder sie wird ignoriert. Einige wenige mutige und engagierte Eltern haben sich entschlossen, jeder für sich und aus unterschiedlichsten Gründen, ihre Kinder vor einem der übelsten Auswüchse des deutschen Staates, dem absoluten Schulzwang und seinen Folgen, in Schutz zu nehmen. In jedem dieser Fälle flippen Vertreter des deutschen Staates total aus, wenn sie mit einer Verweigerung auf diesem Gebiet konfrontiert werden. Da werden Eltern und Schüler bedroht, drangsaliert, mit Strafbefehlen eingedeckt, eingesperrt, in einem Fall ein 15-jähriges Mädchen aus der Familie entführt (anders kann man das nicht bezeichnen) und ganze Familien außer Landes getrieben, nur weil sie ihre natürliche Souveränität über Inhalt und Form der Erziehung ihrer Kinder geltend machen.

Die Tragweite dieses Kampfes ist immens: Siegt der Staat, wird er sich ermutigt fühlen, auch in anderen Bereichen die Freiheit weiter einzuschränken und den Zwang im Schul- und Erziehungsbereich noch weiter zu verschärfen. Nicht ausgeschlossen, dass auch andere Staaten dann beginnen werden, bisherige Schulfreiheiten einzuschränken. (Bisher halten die schlechten deutschen PISA-Ergebnisse die Politiker davon ab, in der Schulpolitik mit „deutschem Wesen die Welt genesen“ zu lassen.) Siegen dagegen die Eltern, wird sich der Staat allmählich, aber unwiderruflich, aus der Schule zurückziehen und sich auf die Rückzugsposition Unterrichtspflicht begeben müssen. Damit würde der Staat einen nicht unerheblichen Teil seiner Macht über die Köpfe und das Denken seiner Bürger verlieren. Es steht also viel auf dem Spiel. Auch wenn der Staat hinsichtlich seiner Schulpolitik derzeit in einer viel mächtigeren Position als die Verweigerer zu sein scheint (den betroffenen Eltern und Schülern wird dies sicherlich so erscheinen), ist die Lage objektiv betrachtet eine etwas andere. Während nämlich der Staat jede einzelne Auseinandersetzung gewinnen muss, um seine Position auch nur zu halten, wirft jeder (Etappen-)Sieg einer einzigen Elternpartei den Staat als ganzes zurück.

In dieser Situation kann man das Interview, dass die „Welt“ am 23. März 2007 mit Volker Ladenthin geführt hat, durchaus als Sensation bezeichnen. Ladenthin sagt dort unter anderem:

„Ich finde, es ist viel bequemer, die Kinder zu Hause zu haben. Dann ist man mit ihnen in einer Lebenswelt, man weiß, was sie interessiert. Kinder wegzuschicken ist immer Arbeit: Man muss sie auf die Schule vorbereiten, und wenn sie zurückkommen, muss man dann ja trotzdem noch mit ihnen arbeiten.“

Dieses Interview hat insofern erhebliches Gewicht (und wird in manchen Amtsstuben sicher für entsprechende Unruhe gesorgt haben), dass Ladenthin nicht irgendwer ist. Der Professor für historische und systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn ist seit 2003 Vorsitzender der Sektion Pädagogik der angesehenen Görres-Gesellschaft. Er hat jetzt ein Buch zum Thema Homeschooling herausgegeben und kündigt weitere Untersuchungen auf diesem Feld an.

Es tut der Bedeutung dieses Interviews keinen Abbruch, wenn Ladenthin weiterhin noch einige schulpolitische Positionen vertritt, die für Libertäre nicht akzeptabel sind; zum Beispiel, wenn er eine Art Eltern-TÜV für Homeschooler fordert. Der wesentliche Punkt ist nämlich, dass ein bedeutender Vertreter der Staatspädagogik die Unhaltbarkeit des deutschen Schulzwangs eingesehen hat und dies auch ziemlich offen sagt. Der Staatsmonolith zeigt erste Risse. Vielleicht wird es ja noch Jahrzehnte dauern, bis sich in Deutschland auch faktisch mehr Freiheit im Schulwesen ausbreitet. Andererseits: so ähnlich haben Beobachter auch über den Ostblock gesprochen, ca. 1988.

Internet:

Welt-Interview mit Prof. Volker Ladenthin

Volker Ladenthins Website

Netzwerk Bildungsfreiheit

26. März 2007

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