10. April 2007

Schulfreiheit Mehr Wohlstand und Lebensglück für alle

Lehren aus der Geschichte des Judentums

Ein Argument der Gegner echter Schulfreiheit ist, dass Kinder von Eltern, denen Bildung nicht viel wert ist, keine „adäquate“ Bildung erhalten, und deshalb im Leben Nachteile erleiden werden. Mein Gegenargument ist erstens die Frage: Was ist „adäquat“, wer entscheidet das? Und zweitens die rhetorische Frage: Wäre das wirklich so schlimm? Genau wie bei jeder anderen subjektiven Wertentscheidung sollten wir es uns nicht anmaßen, anderen und ihren Kindern unsere eigenen Bildungswertmaßstäbe überzustülpen und sie so zu Handlungen zwingen, die sie ohne unsere „gut gemeinten“ Zwänge nicht unternommen hätten. Nicht nur die schwachen Schüler leiden dann an einem System, das ihnen außer Zeitverschwendung nicht viel bringt, sondern auch die starken Schüler, die durch die erzwungene Anwesenheit schwacher Schüler aufgehalten werden (bei freiwilliger Anwesenheit wird es anders sein). Ganz abgesehen von der Verwässerung der Leistungsanforderungen und vom destruktiven bis aggressiven Verhalten, den so eine Zwangsgemeinschaft generiert. Das Ergebnis ist, dass sowohl die schwachen, als auch die starken Schüler im späteren Leben weniger Leisten können oder wollen, als ihnen sonst möglich gewesen wäre. Das wiederum heißt weniger< Lebensglück für jeden Einzelnen und weniger Wohlstand für alle.

In einem hochinteressanten Artikel von Charles Murray in der Zeitschrift „Commentary“ über die Frage, weshalb die Angehörigen des jüdischen Volkes einen messbar höheren durchschnittlichen Intelligenzquotienten haben als die Angehörigen anderer Völker, wird eine bildungspolitische Verordnung im ersten Jahrhundert n. Chr. beleuchtet, die als mögliche Ursache für dieses Phänomen gilt. Um das Jahr 0 seien ca. 80 bis 90 Prozent aller Juden in der Landwirtschaft tätig gewesen, am Ende des ersten Jahrtausends n. Chr. nur noch etwa 10 bis 20 Prozent. Der große Rest war in Berufen tätig, in denen höhere Intelligenz zum Erfolg führt, nämlich in Handels- und Finanzberufen. Kein anderes Volk habe im gleichen Zeitraum eine ähnliche Veränderung erlebt. Nicht die Vertreibung aus den landwirtschaftlich und handwerklich geprägten Berufen habe hier eine Rolle gespielt (die gab es auch, allerdings später), sondern ein Ereignis im Jahr 64 n.Chr.: „Der in Palästina lebende Weise Joshua ben Gamla verordnete verpflichtenden Schulunterricht für alle männlichen Kinder ab einem Alter von ungefähr sechs Jahren ... innerhalb ungefähr eines Jahrhunderts hatte sich bei den Juden, einzig unter den Völkern der Welt, unter den Männern eine allgemeine Alphabetisierung und die Fähigkeit zum Rechnen etabliert.“ Und jetzt kommt der Punkt, auf den es mir ankommt: Diese Verordnung habe zu einer Abwanderung jener Menschen aus dem Judentum geführt, die mit dieser Form von Bildung nichts anzufangen wussten. Diese Behauptung Murrays wird durch Untersuchungen gestützt, die zwischen dem ersten und dem sechsten Jahrundert eine Senkung der Zahl der Juden von 4,5 auf 1,5 Millionen oder weniger festgestellt haben. Dieser Verlust sei nicht allein durch Verfolgungen und direkte Konvertierungen in jenem Zeitraum zu erklären.

Ungefähr zur Zeit des erwähnten Weisen machte das Judentum eine epochale Wandlung durch, von einer um Riten zentrierten Religion zu einer, die Gebet und Studium der Schrift ins Zentrum stellte. Mit anderen Worten, um ein „guter“ Jude zu sein, musste ein Mann intelligent genug sein, um komplexe Texte nicht nur lesen, sondern auch verstehen und laut vorlesen zu können. Was aber geschah mit jenen, die diesen neuen Anforderungen nicht gerecht wurden? Murray vermutet, dass sie nicht aus der Glaubensgemeinschaft vertrieben wurden, sondern dass sie aus ihr abwanderten – nicht physisch-geographisch (geographisch waren die Juden sehr bald nach der Verordnung ohnehin keine Einheit mehr) sondern geistig-inhaltlich. Als Angehörige der jüdischen Glaubensgemeinschaft blieben in der Tendenz nur die hinreichend Intelligenten zurück. Dieser Vorgang sei einer der wesentlichsten Gründe für die noch heute überdurchschnittlich hohe Intelligenz unter Angehörigen des jüdischen Volkes.

(Erste Nebenbemerkung: Als weitere Gründe vermutet Murray die Babylonische Gefangenschaft im sechsten vorchristlichen Jahrhundert, während derer die gesamte Oberschicht der Juden etwa 50 Jahre lang in Babylon unter sich lebte, und die nach ihrer Rückkehr die Reste der verbliebenen Unterschicht um sich sammelte; sowie eine offenbar schon zu Moses’ Zeiten vorhandene überdurchschnittliche verbale Intelligenz im ganzen Volk, die eine Entstehung und Beibehaltung eines riesigen, meist mündlich weitergegebenen Gesetzeskomplexes ermöglichte.)

Um zum Ausgangsthema zurückzukehren: Angehörige des jüdischen Volkes haben sich weit überproportional an der Entwicklung kultureller und wissenschaftlicher Errungenschaften sowie an der Herstellung des modernen, kapitalistischen „Wohlstands für alle“ beteiligt. Nimmt man Murray als Grundlage, so konnte das nur aufgrund einer früh einsetzenden, bildungstechnischen „Arbeitsteilung“ oder „Sezession“ (eines getrennten, intelligenzspezifischen Unterrichts) geschehen, in der diejenigen mit hoher verbaler Intelligenz mehr oder weniger unter sich blieben. Genauso, wie dieser Vorgang bis heute nachwirkt und nicht unwesentlich den Fortschritt der Menschheit insgesamt fördert, könnte Schulfreiheit, die Freiheit, sich die passende Form der Beschulung auszuwählen (oder es ganz sein zu lassen), auch heute weit mehr „Fortschritt“, einschließlich Lebensglück aller Einzelnen bewirken.

(Zweite Nebenbemerkung: Auch das Gedankengebäude, auf das die heutigen Libertären bauen, ist zu einem ganz erheblichen Teil von Juden mitgeschaffen worden, man denke nur an David Ricardo, Ludwig von Mises, Ayn Rand und Murray Rothbard.)

Das heißt natürlich nicht, dass ich für eine erzwungene Trennung verschiedener Intelligenz-Schichten oder gar Religionszugehörigkeiten oder „Rassen“, an Schulen oder sonstwo, eintrete. Laut Murray fand ja auch keine erzwungene Trennung von denjenigen Juden statt, die den neuen schulischen Anforderungen nicht gerecht wurden, aber – und das ist im Hinblick auf die heutige deutsche Schulpolitik wichtig – auch keine erzwungene Eingliederung. Daraus folgt, dass freiwillige Trennung nicht nur möglich sein muss, sondern auch beiden Seiten Vorteile bringt, zumindest langfristig. Auch jenen, die sich, aus Neid oder warum auch immer, der Trennung anfangs widersetzen.

Schussbemerkung: Dass Juden für ihre Leistungen immer wieder den schlimmsten Undank der Welt zu spüren bekamen, ist kein Argument für mehr, sondern für weniger Zwangskollektivierung, nicht nur in der Schule, sondern überall.

Internet:
Charles Murray Artikel in Commentary


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