27. April 2007

Grundversorgung Brot für das Volk

Wie der Staat dem Markt das Gelingen versagt

In der DDR galt von Anfang an ein Monopol auf die Herstellung von Graubrot. Die staatlichen Bäckereien produzierten fleißig, was sie für die Grundversorgung der Bürger hielten: Graubrot, Schwarzbrot und ein paar nahrhafte Schrippen (im Westen auch „Brötchen“, „Semmel“ oder auch „Weck“ genannt). Die DDR-Bürger standen Schlange vor den Staatsbäckereien und konsumierten, was das Zeug hielt, denn es gab ja nichts anderes. Mitte der 80er Jahre beschloss das SED-Politbüro eine Liberalisierung des Brotmarkts und vergab Bäckereilizenzen auch an private Bäckereien. Diese stellten zwar auch Graubrot, Schwarzbrot und Schrippen her, konnten aber gegen das subventionierte Angebot der staatlichen Bäckereien kaum konkurrieren. Daher erfanden sie ein paar leckere Neuigkeiten: Rosinenteilchen, Nussecken und Amerikaner.

Das Angebot der Privatbäckereien kam bei den Bürgern so gut an, dass Rosinenteilchen, Nussecken und Amerikaner bald zum kulinarischen Kulturgut der DDR gehörten. Da das, was die Mehrheit der Bürger gut findet, laut Partei zur Grundversorgung gehört, war es der DDR-Führung bald ein Anliegen, auch Rosinenteilchen, Nussecken und Amerikaner unter ihre Fittiche zu nehmen, und sie wies die volkseigenen Staatsbäckereien an, diese Köstlichkeiten ebenfalls herzustellen. Finanzieren tat sich diese Sortimenterweiterung von selbst, denn das meiste, was die Bürger legal produzierten und leisteten, gehörte sowieso allen. Der Staat musste die Arbeitsfrüchte seiner Bürger nur weise lenken und umverteilen. Zusätzlich erhob die Partei noch eine Sonderabgabe für Grau- und Schwarzbrot, die von jedem Bürger zu erbringen war, der Zähne hatte, also theoretisch Brot und Schrippen essen konnte. Auch bezahnte Bürger, die nie Staatsbrot, sondern nur private Teilchen oder gar kein Gebäck aßen, mussten diese Abgabe zahlen.

Die staatlichen Teilchen schmeckten zwar nicht ganz so gut wie die privaten, doch die Bürger kauten lieber die quasi kostenlosen Staatsteilchen, die sie ja praktsich schon längst bezahlt hatten, und die Privatbäckereien mussten sich nach neuen Einnahmequellen umschauen und erfanden weitere Köstlichkeiten wie Grillage-Torte, Masoch-Schnitten und Glauchauer Muzen. Jetzt versuchte der Große Bruder, Gorbatschows Sowjetunion, zu intervenieren und bat die DDR-Führung, doch auf die Produktion von Glauchauer Muzen zu verzichten, damit die Privaten ein wenig konkurrenzfähig blieben und nicht bankrott gingen. Doch die Partei argumentierte, dass die Privaten die Grundversorgung nicht so effektiv herstellen könnten wie die staatlichen Bäckereien, denn die Privaten würden es ja nicht einmal schaffen, Graubrot, Schwarzbrot und Strippen in ausreichendem Maße herzustellen, und somit sei bewiesen, dass der Privatmarkt bei der Sicherung der Grundversorgung versagt habe. Außerdem müsse man aus volkspädagogischen Erwägungen heraus sicherstellen, dass die Bürger sich auch mit gesundem Brot ernährten und nicht nur von Rosinenschnecken und Grillage-Torte.

Gorbatschow konnte sich nicht ganz durchsetzen, und die Partei rieb sich die Hände. Sie plante nun auch eine Erweiterung der Sonderabgabe für diejenigen Bürger, die zwar zahnlos waren, aber sich mithilfe neuer Techniken Brot intravenös zuführen konnten. Von der DDR lernen heißt eben siegen lernen.

Böse Zungen behaupten nun, diese Geschichte sei frei erfunden, und so dummdreist sei die DDR gar nicht gewesen. Das ist möglicherweise richtig, denn sonst hätte sie sich eine Scheibe von ihrem ideologischen Gegner BRD abgeschnitten und genau die gleiche Geschichte lieber im Fernsehbereich durchgezogen.

Link zum Thema (Spiegel online vom 27.04.07): ARD und ZDF: Kampfansage auf allen Kanälen


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