30. April 2007

BBC Spannende Marktwirtschaftspraxis im Fernsehen

Unternehmer buhlen vor Publikum um die Gunst von Investoren – und umgekehrt

Obwohl die BBC ein Zwangsgebührensender wie ARD und ZDF ist, bietet sie dennoch einige Sendungen an, die zu sehen sich auch für einen Marktradikalen lohnen. Ganz vorne dabei ist „Dragons’ Den“ („Drachenhöhle“). In jeder Folge dieser Sendung werben eine Anzahl hoffnungsvoller Erfinder, Existenzgründer und Unternehmer mit neuen Ideen um die Gunst – und das Geld – von fünf Investoren, den „Dragons“.

Dies ist also kein „Spiel-Wettkampf“; hier sehen wir statt dessen Wettbewerb „in echt“, als ernste aber letztlich friedliche Auseinandersetzung, wie sie sich im realen Leben der Marktwirtschaft abspielt: Viele Menschen haben Ideen, aber wenig Geld. Andere Menschen haben viel Geld, aber sonst auch nur so viele Ideen, wie einer allein eben haben kann. Der Markt erlaubt das Zusammentreffen dieser beiden Gruppen, ein Verknüpfen der unterschiedlichen Interessen, und das Ergebnis ist (oft) ein Wohlstandszuwachs für einige, aber auch eine gestiegene Lebensqualität für praktisch alle.

Die „Drachen“ in dieser Sendung zeichnen sich durch eine durchweg rigoros-kritische, skeptische, nüchtern-vernünftige „no-nonsense“ Einstellung aus. Diese Grundeinstellung war sicherlich für das Erreichen ihrer gegenwärtigen Position sehr hilfreich. Sie lassen sich nicht über’s Ohr hauen, lassen sich nicht durch blumige Worte blenden und finden ziemlich schnell die Schwachstellen in den vorgetragenen Ideen. Ein schlecht vorbereiteter, allzu schwammig vortragender Kandidat bekommt daher rasch die Feuersbrunst der „Drachen“ zu spüren. (Wenn sich auch Politiker mit ihren Plänen einem solchen Gremium – öffentlich – stellen müssten, stiege der ohnehin hohe Unterhaltungswert der Sendung ins unermessliche.)

Aber auch wenn ein Kandidat das Interesse eines oder mehrerer Investoren geweckt hat, ist der Kampf noch nicht vorbei, denn jetzt muss er um die Konditionen ringen. Kommt ein Innovator mit der Vorstellung, £ 200.000 für einen fünfprozentigen Anteil seines Unternehmens erhalten zu können, darf er froh sein, wenn er diesen Betrag für eine Abgabe von dreißig Prozent bekommt.

In manchen Fällen kann es jedoch sogar dazu kommen, dass die „Drachen“ sich gegenseitig Konkurrenz machen und sich mit Angeboten an einen Kandidaten zu überbieten versuchen. Entweder sie bieten mehr Geld als ihr Investor-Kollege, oder sie unterbieten den prozentualen Anteil am Unternehmen, den sie für ihre Investition haben wollen. Aber auch dann bleibt alles im rationalen Rahmen. Die Investoren überlassen lieber einem Konkurrenten das Spielfeld, als ihn mit einem Angebot zu unterbieten, der für sie nicht mehr gewinnbringend oder ihnen persönlich zu risikoreich erscheint. „Nichts ist spannender als Wirtschaft“ – so wirbt ein bekanntes deutsches Wirtschaftsmagazin. „Dragon’s Den“ beweist, dass der Spruch nicht übertrieben ist.

Spannend kann es auch werden, wenn diese Fabelwesen ihr Feuer allzu vorschnell speien. Letzte Woche wurde ein Fall bekannt, bei dem ein Marketingmanager, der bei den „Dragons“ vor zwei Jahren innerhalb von fünf Minuten unten durch war, jetzt unabhängig von ihnen mit seiner Idee einen großen Erfolg erzielt hat. Die Idee war ein Tischstabilisator, „Stable Table“ genannt. Das Produkt ist ein Stapel kleiner länglicher Plastikscheiben, die an einem Ende zusammengestanzt sind. Diesen Stapel kann man bei Bedarf auf die richtige Höhe einstellen und dann unter das zu kurze Tischbein schieben.

Die „Dragons“ ließen sich in diesem Fall von Äußerlichkeiten und ihrer eigenen Arroganz ablenken und entwickelten im Hinblick auf das Produkt wenig Phantasie. Andrew Gordon, so hieß der Kandidat, hatte sich sehr leger gekleidet, was ihm ein Drache ankreidete. Ein anderer meinte, wenn das Problem in einer Kneipe auftrete, nehme man Bierdeckel, „dafür sind sie schließlich erfunden worden“. Ein dritter behauptete, wackelige Tische kämen in Kneipen kaum vor, schränkte aber ein, vielleicht verkehre er ja nicht in den selben Kneipen wie der Kandidat. Aufträge bekam Gordon dann später tatsächlich kaum von Kneipen, wie er selbst zunächst erwartet hatte, sondern von Universitäten und Schulen – für bei Prüfungen wackelnde Tische.

Wer glaubt, eine gute Geschäftsidee zu haben, oder wer sich schlicht für die Praxis der Marktwirtschaft interessiert, sollte sich diese Sendung (beziehungsweise ihre Website) nicht entgehen lassen. Hier lernt man erstens, was man alles bedenken muss, wenn man eine gute Geschäftsidee zu haben meint; zweitens lernt man was über Verhandlungspsychologie; und drittens – implizit – die zum Erlangen von Wohlstand unverzichtbare Grundeinstellung. „Last but not least“: Man lernt, dass sich Leidenschaft für die Idee, Beharrlichkeit und Ausdauer irgendwann auszahlt.
Internet:

Über die Sendung „Dragons’ Den“

Über den Erfolg Andrew Gordons


Das Erfolgsprodukt „Stable Table“


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