02. Juli 2007

Wirtschaftsgeschichte Das Europäische Wunder

Wohlstand als Folge von Geographie und institutionalisierter Neidhemmung

Warum fand die industrielle Revolution ausgerechnet in Europa statt, und in der Erweiterung Europas, insbesondere in den Vereinigten Staaten, nicht aber in anderen Hochkulturen, etwa in China, Indien oder im Islam? Warum fing die Menschheit dort und nicht anderswo an, sich aus der "malthusianischen Falle" von immer wieder auftretenden verheerenden Hungersnöten und Seuchen zu befreien? Diesen Fragen geht der Historiker Ralph Raico in einem längeren Artikel auf mises.org nach.

Zunächst verwirft Raico die marxistische Theorie des mehr oder weniger spontanen wissenschaftlichen Fortschritts, die mit einer "primitiven Akkumulation" von Kapital kombiniert war. Er zitiert den Historiker J.L. Anderson: "Der wissenschaftliche und technische Stillstand, der den beachtenswerten Errungenschaften der Song-Dynastie folgte, oder das Aufblühen im frühen Islam zeigen, dass wissenschaftliche Forschung und Technologie nicht notwendigerweise in sich jene Dynamik besitzen, die in der Erfahrung Europas sichtbar wird." Inzwischen, so Raico, macht eine ganze Reihe moderner Historiker einen ganz anderen Faktor für die industrielle Revolution verantwortlich, nämlich eine jahrhundertelange Phase der relativen Abwesenheit politischen Zwangs. Demnach ist die industrielle Revolution nicht spontan aus dem Nichts entstanden, sondern war die Folge einer Institution, die Sparsamkeit und Fleiß (englisch: "industry") begünstigte: die Herrschaft des Rechts (rule of law), die dem Individualismus und dem Schutz des Privateigentums förderlich war.

Für die Entstehung des rule of law, für die lange Phase „relativer Abwesenheit politischen Zwangs“, war die Geographie Europas sicherlich nicht unwichtig. Eine große Vielfalt natürlicher Grenzen war eine Voraussetzung für das langfristige Bestehen eines Flickenteppichs kleiner und kleinster Königreiche, Fürstentümer und so weiter. Somit fand in Europa über sehr lange Zeit ein heftiger Wettbewerb um die Besten und Leistungsfähigsten statt, was die Herrscher zur Einführung niedriger und regelmäßiger Steuersätze veranlasste; er führte außerdem zu einer gerechten Gerichtsbarkeit sowie zu einer (repräsentativen) Mitbestimmung der Besteuerten über die Verwendung der Mittel. Das wiederum förderte ein starkes und den Regierungen gegenüber selbstbewusstes Bürgertum.

Ein anderer geographischer Faktor, den Raico jedoch nicht erwähnt, ist die relative Unzugänglichkeit Europas von außen. Nicht zuletzt deswegen wurde die europäische Kultur nach dem Zerfall des römischen Reiches nur drei Mal von ernstzunehmenden Eroberungsversuchen bedroht: im 8. Jahrhundert von muslimischen Arabern, die über Spanien bis nach Frankreich vordrangen, bis sie bei Tours besiegt wurden; im 13. Jahrhundert von den Mongolen, deren Vordringen nur vom plötzlichen Tod ihres damaligen Groß-Khans im Jahr 1241 zum Erliegen kam (nicht jedoch ohne Russland daraufhin zwei Jahrhunderte lang von der Entwicklung Europas abzuschneiden, was nicht ohne Auswirkung blieb, siehe unten); im 16. und 17. Jahrhundert schließlich vom Osmanischen Reich, dessen Truppen zweimal die Stadt Wien erfolglos belagerten, bevor sie langsam vom Balkan verdrängt werden konnten.

Gänzlich unüberwindbar für Freiheitsfeinde ist die innere Geographie Europas jedoch leider nicht, wie das römische Kaiserreich und jetzt die Europäische Union beweisen (mal abgesehen von den kurzen Zwischenspielen der Tyrannen Napoleon, Hitler und Stalin). Raico nennt aber noch einen weiteren Faktor, und der ist von der Geographie unabhängig: die generelle Einstellung der Menschen – insbesondere im Hinblick auf Neid. Helmut Schoeck habe in seinem Werk über den Neid festgestellt, daß die westliche Kultur den Neid irgendwie in beachtenswertem Maße gehemmt hat – und er führt diese Tatsache auf den christlichen Glauben zurück. Das Christentum, so zitiert Raico Schoeck, habe dem Menschen erstmals übernatürliche Wesen geboten, von denen er wusste, daß sie ihn weder beneiden noch verspotten konnten. Im Hinblick auf die Vorbereitung des Menschen auf innovative Handlungen und ihre Befähigung dazu sei dies wohl eine der wichtigsten, wenn auch unbeabsichtigten Errungenschaften dieser Religion gewesen.

Christentum allein war aber nicht ausreichend, um das beobachtete Wohlstandswachstum auszulösen. Die Geschichte Spaniens und Russlands sind dafür die deutlichsten Gegenbeispiele. In Spanien sei jedoch das Eigentum weniger geschützt gewesen als in anderen westeuropäischen Ländern, und in Russland, wo es lange Zeit überhaupt kein rule of law gab, war die Kirche nicht, wie im Westen, unabhängig von den weltlichen Herrschern.

Technologie und Wissenschaft, so schlußfolgert Raico, entstanden aus einer zusammenhängenden Reihe politischer, rechtlicher, philosophischer, religiöser und moralischer Elemente in dem, was der orthodoxe Marxismus traditionell als den "Überbau" der Gesellschaft verächtlich machte.

Abschließend noch ein Versuch meinerseits, die oben diskutierten verschiedenen Ursache–Wirkungsketten zusammenzufassen:

1. Innere Geographie (viele natürliche Grenzen) – lange relative Abwesenheit politischen Zwangs – scharfer Wettbewerb um die Besten und Leistungsfähigsten – Erstarkung des Bürgertums – Rule of Law – Schutz des Eigentums – Sparsamkeit und Fleiß – Kapitalakkumulation – allgemeiner Wohlstand.

2. Äußere Geographie – wenige Eroberungsversuche von außen (alle erfolglos) – lange relative Abwesenheit politischen Zwangs – s.o. – allgemeiner Wohlstand.

3. Christentum – Neidhemmung – Schutz des Eigentums – s.o. – allgemeiner Wohlstand.

4. Christentum – Zerschlagung des Machtmonopols – lange relative Abwesenheit politischen Zwangs – s.o. – allgemeiner Wohlstand.

Daraus kann man schließen, dass in einer Zeit, in der Militär- und Informationstechnologie die Geographie als Schutzfaktor weitgehend ausgeschaltet haben, nur noch eine institutionalisierte Neidhemmung das Privateigentum schützen kann. (Und selbst wenn sich futuristische Vorstellungen wie größere „geographische“ Distanz ermöglichende Weltraumkolonien oder eine dem Staat paroli bietende private Aufrüstung verwirklichen ließen, brauchten die davon profitierenden Gesellschaften eine institutionalisierte Neidhemmung, um innere Freiheit zu gewährleisten.) Leider kann man ausschließen, dass dies heute noch von christlichen Kirchen geleistet werden kann, die vom Staat gekauft und korrumpiert worden sind, oder deren Mitglieder zuvor in staatlichen Schulen den Neid eingeimpft bekommen haben.

Internet:

Ralph Raico: „The European Miracle“


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