Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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Computerviren: Staatliche Zappelei behindert marktgerechte Lösungen

von Robert Grözinger

Der Staat will den Anschein erwecken, er könne etwas gegen Hacker- und Virenprogramme tun

„Politik ignoriert Bedenken von Wirtschaft und Forschung“ steht in einer Zwischenüberschrift eines Artikels von „Spiegel Online“. Das ist natürlich nichts großartig neues. Der aktuelle Anlass für diese Feststellung: Schon das Herstellen von Computerviren und Hackerprogramme soll strafbar werden.



Das Bundesjustizministeriums begründete dieses Gesetz in einer Pressemitteilung so: Es gehe um Hacker-Tools, die „bereits nach Art und Weise ihres Aufbaus darauf angelegt sind, illegalen Zwecken zu dienen“.



Dann stellt sich jedoch die Frage, weshalb, mit genau dieser Begründung, die Herstellung von Handfeuerwaffen nicht längst verboten worden ist. Vielleicht, weil im ersteren Fall immerhin Daten gefährdet sind, im letzeren lediglich Menschenleben? Nein, so abgebrüht zynisch sind selbst unsere Politiker nicht.



Völlig ohne Grundlage dürfte diese Polemik jeoch nicht sein. Betrachten wir das ganze doch mal ökonomisch, und zwar von der Hersteller- und der Nutzerseite. Waffen kann man nicht beliebig vermehren, wohingegen es ohne nennenswerten Aufwand theoretisch mindestens so viele Kopien eines Virenprogramms geben kann, wie es Datenverarbeitungsgeräte gibt. Waffenhersteller sind also schon aufgrund der Knappheit der Rohstoffe in der Produktion eingeschränkt. Zur Herstellung braucht man außerdem einen gewissen Raum, eine Fabrik. Verstecken lässt sich die Produktion also nur mit großen Schwierigkeiten. Aufgrund dieser ökonomisch-logistischen Knappheit lässt sich mit der Waffenproduktion prima Geld verdienen, also auch Steuergelder für den Fiskus. Anders die Viren- und Hackerprogramme. Für ihre Herstellung braucht man nur einen Computer sowie ein Gehirn zwischen den Ohren. Für ihre Verteilung braucht man einen Telefonanschluss. Viren lassen sich also sehr gut auch in Hinterzimmern produzieren und von dort aus verteilen. Geld, das dabei eventuell verdient wird, sieht der Fiskus meist nicht. Es gibt zwar auch die offiziellen Virenhersteller, die von Firmen angestellt werden, um ihre eigenen Systeme zu testen und somit zu schützen. Diese verdienen natürlich Geld und werden in der Regel auch eine entsprechende Lohnsteuer zahlen. Verglichen mit dem Geld, den der Staat aufgrund der Waffenproduktion einnimmt, ist das aber vernachlässigbar.



Wie sieht es mit der Nutzerseite aus? Der Staat, der die Nutzung des Waffengebrauchs weitgehend für sich monopolisiert hat, sieht natürlich keine Veranlassung, die Herstelleung der Schusswaffen einzuschränken oder gar zu kriminalisieren. Er würde sich dabei – pardon – selbst ins Knie schießen. Da die Nutzung von Programmen ebensowenig monopolisierbar ist wie ihre Herstellung, der Staat also netto eher Schaden als Nutzen von ihnen hat, greift er auf sein höchstes Monopol zurück, der Recht-Setzung und –Sprechung. Der Staat glaubt, damit ein Problem angemessen begegnen zu können, das er sonst nicht in den Griff bekäme.



Doch es bleiben noch einige Frage offen, angefangen mit der, ob der Staat das Problem damit wirklich „in den Griff“ bekommt. In Deutschland wird die Herstellung gefährlicher Programme künftig verboten sein. Hier wird man also künftig auch keine Programme dieser Art offiziell entwickeln dürfen, um die eigenen Systeme zu testen. Werden die Systeme dadurch sicherer? Natürlich nicht, denn Computerviren schrecken vor Staatsgrenzen ebensowenig zurück wie ihre biologischen Namensvettern. Es entsteht also eine künstliche Knappheit an Test- und Schutzprogrammen. Wo vorher Firmen ihre eigenen Angestellten hatten, werden sie in Zukunft Schutzprogramme kaufen müssen, die in vielen Fällen nicht ganz den speziellen Anforderungen der jeweiligen Firmen entsprechen werden. Also, wie immer, wenn der Staat seine Finger im Spiel hat: Kosten steigen, Qualität sinkt, aber das Problem selbst bleibt bestehen. Was die Staatsfreunde natürlich gleich zur Forderung veranlasst, dass hier eine europäische oder gar gleich eine globale (natürlich staatliche) Lösung her muss.



Bringt man diese Kritik hervor, lautet das Gegenargument: Irgendetwas muss doch gegen Computerviren getan werden. Natürlich. Aber es muss ja nicht der Staat sein. (Es DARF nicht der Staat sein, wenn er dabei mehr Schaden anrichtet als Nutzen.) Es kann der Markt sein. Was hat der Markt bisher geleistet? Nun, neben den marktüblichen Schutzprogrammen, die ständig aktualisiert werden, gibt es seit kurzem mit „WSLabi“ ein unabhängiges Auktionshaus, bei dem Programmierer Schwachstellen, die sie in Programmen gefunden haben, legal versteigern können, statt sie an irgendwelche Dunkelmänner zu verkaufen.



Ein anderer marktgerechter Lösungsansatz ist die Versicherung. Einen Tag nach der obigen Meldung brachte „Spiegel Online“ einen Bericht über die Münchener Rück, die seit einigen Wochen auch gegen Computerviren-Angriffe versichert. „Ähnlich wie bei Policen gegen Sturm oder Erdbeben ersetzt der Versicherer dabei den entgangenen Gewinn“, heißt es in der Meldung. „Ein Computervirus befällt oft viele Firmen gleichzeitig“, wird ein Mitarbeiter der Münchener Rück zitiert, „Wir sind es von Naturkatastrophen her gewohnt, mit solchen Klumpenrisiken umzugehen.“ Die Versicherung hat sicherlich ein Interesse daran, dass ihre Kunden sich weitgehend selber schützen. Sie könnte sogar selber Virenforschung direkt finanzieren. Damit werden Viren (und ihre böswilligen Hersteller) auf eine Stufe mit Naturkatastrophen gestellt: Eine Naturgewalt, die man nicht restlos bekämpfen kann, vor der man sich aber vorbeugend schützen kann und mit deren Schadensverursachung man rechnen muss.



Im Grunde beobachten wir hier einen elementaren Kampf um Zuständigkeit, um Macht. Der Staat kann es nicht leiden, wenn Menschen Dinge tun, über die er keine Macht hat. Also ordnet er etwas an, was den Anschein erweckt, er habe diese Macht. In einer Zeit, wo die Schusswaffe das letzte Wort war, klappte das ganz gut im Sinne des Staates. Im digitalen Zeitalter jedoch verlieren Schusswaffen ihr Drohpotential (Atombomben auch, wenn auch nicht in dem Maße wie Schusswaffen und auch aus anderen Gründen). Und damit der Staat an Macht. Schade nur, dass er sich nicht mit Würde zurückziehen kann. Statt dessen richtet seine Zappelei nur Schaden an.



Internet:


„Spiegel Online“-Artikel „Gesetz kriminalisiert Programmierer“


„Spiegel Online“-Artikel „Münchener Rück plant Policen für bewölkten Himmel“


BBC-Bericht über „WSLabi“: „Online Auction for Security Bugs“

09. Juli 2007

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