23. Juli 2007

USA Ein Hort gewaltiger kreativer Lebensenergie

Es gibt Anlass zur Hoffnung, dass diese Energie, trotz aller gegenteiligen Bemühungen der US-Regierung, erhalten bleibt

Anfang der achtziger Jahre erhielt ein Mitschüler von mir, einer der besten seines Jahrgangs, ein Stipendium für einen einjährigen Aufenthalt in den USA. Nach seiner Rückkehr sagte er mir, er werde nach dem Abitur dorthin zurückkehren, und wahrscheinlich dort bleiben. Der Grund: „In Deutschland existiert man, in Amerika lebt man.“ Amerika hat viele Bewunderer auf der ganzen Welt, und ich zähle mich dazu.

Kürzlich entdeckte ich ein Video, das das Bewundernswerte an Amerika auf den Punkt bringt. Als das iPhone in den USA erstmals zum Verkauf stand, hat sich David Pogue, der Technologie-Redakteur der New York Times, etwas besonderes einfallen lassen. Zur Melodie von Frank Sinatras „My Way“ singt er ein selbstgeschriebenes Lied: „I want an iPhone“. Nicht nur das. In der Schlange jener Menschen, die geduldig darauf warten, das neue Gerät von Apple zu kaufen, findet er etwa ein halbes Dutzend Menschen, die spontan bereit sind, jeweils eine Zeile des Liedes vor laufender Kamera zu singen.

Kann man sich das in Deutschland vorstellen: Ein gestandener Redakteur einer angesehenen Tageszeitung lässt sich filmen, während er, zur Feier der Einführung eines neuen Produktes, ein selbstgeschriebenes Lied zu einer bekannten Melodie trällert? Oder dass Menschen, die für dieses Produkt schlangestehen, spontan singen statt maulen? Das ist der Unterschied zwischen „existieren“ und „leben“, den mein Mitschüler meinte.

Ein Land, in dem ein solches Ausmaß an kreativer Energie freigesetzt wird, die nicht nur sowas wie den iPhone ermöglicht, sondern auch ein mehr oder weniger spontanes, parodistisches Lied dazu, hat und ist ohne Zweifel was besonderes. Und hat die Bewunderung, die es weltweit erhält, in der Tat verdient. Und dennoch sinkt die Popularität Amerikas seit einigen Jahren bedenklich.

Es ist der Krieg „gegen den Terror“, den die USA weltweit zu führen versucht, der ihr harsche Kritik eingebracht hat, auch seitens vieler Menschen, die in der freiheitlichen amerikanischen Verfassung und Gesellschaft ein anzustrebendes Vorbild sehen. Dass Feinde der amerikanischen Idee die USA kritisieren, ist weder neu noch wirklich berichtenswert. Wenn aber auch glühende Verehrer Amerikas in die Kritik einstimmen, dann sollten auch Amerikaner zuhören. Der Zuwachs an Unterstützung, den der Präsidentschaftskandidat Ron Paul anzieht, ist ein handfestes, hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass Amerikaner angefangen haben, ihren freundlich gesinnten Kritikern zuzuhören. Auch wenn Paul ohne Chancen bleiben sollte: Es hat ein Umdenkungsprozess begonnen, der jede Unterstützung verdient.

Internet:

David Pogue singt „I want an iPhone“

David Pogue über die Entstehung und Durchführung seines Musikvideos

David Pogue erklärt die Funktionen des iPhone

Statistiken über die sinkende Popularität der USA


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