17. August 2007

Antifa-Konsens Für einen liberalen Geschichtsrevisionismus

Die Gründe für die Misere sind auch im falscher Historisierung zu finden

Sehr viele originelle politische Kommentatoren gibt es in Deutschland nicht. Weder rechts noch links. Einer von ihnen ist Thorsten Hinz alias Doris Neujahr, der heute in einer Titelgeschichte der „Jungen Freiheit“ auf zweierlei hinweist: Erstens gibt es eine Medienkampagne des Mainstreams gegen die Linkspartei. Dazu gehört auch der seltsame inszenierte „Skandal“ um ein längst bekanntes und dazu eher belangloses Stasi-Dokument über den doch nur offensichtlichen Schießbefehl an der realsozialistischen Gefängniszonenaußengrenze. Zweitens wird diese Kampagne den neuerlichen Weg in den Sozialismus nicht stoppen können.

Über die Gründe für die Medienkampagne gegen Lafontaine und seine Genossen, die plötzlich von der „Welt“ bis zur „FAZ“, von der „Zeit“ bis „Cicero“ geführt wird, habe ich zuletzt in eigentümlich frei spekuliert. Es geht den publizistischen Flagschiffen offenbar nicht ums Grundsätzliche. Viel zu sehr sind sie selbst verstrickt in den geschichtsrealen Weg zurück.

Die Medienkampagne wird am Ende erfolglos bleiben. Denn der „Zeitgeist ist geschichtspolitisch unschlagbar“, wie Thorsten Hinz ausführt. Und dies deshalb, weil rot und braun nicht verglichen werden dürfen. Hinz formuliert es so: „Darüber, wie die DDR und das Dritte Reich in Relation zu setzen sind, ist längst eine politische Grundsatzentscheidung gefallen. Die DDR habe Akten-, das Dritte Reich Leichenberge hinterlassen – diese griffige Formulierung Gregor Gysis ist allgemein akzeptierter, bundesdeutscher Antifa-Konsens.“

Die historische Wahrheit jedoch, so Hinz, sei „vertrackter“. Man müsse nämlich die DDR „als Teil des sozialistischen Weltsystems und der kommunistischen Weltbewegung im 20. Jahrhundert betrachten. Die KPD, der Vorläufer der SED, war seit 1918 Teil davon. Sie hat den stalinistischen Terror in der Sowjetunion gebilligt, politisch und moralisch unterstützt und hätte ihn auf Deutschland übertragen, wenn sie nur die Gelegenheit dazu gehabt hätte.“ Hinz wagt sich noch weiter vor: „Es muss daran erinnert werden, dass das Dritte Reich seine echten Massenverbrechen erst nach Kriegsausbruch beging. Bis 1939 war die Zahl der politischen Häftlinge jedenfalls geringer als in der viel kleineren SBZ/DDR.“ Doch solche Vergleiche dürfe man eigentlich in Deutschland gar nicht anstellen.

Und deshalb, so Hinz, haben wir nun das Dilemma: „Heute geht die antifaschistische Betroffenheit mit den hybriden Erwartungen und asozialen Verhaltensweisen, die der Sozialstaat jahrzehntelang geweckt und gefördert hat, eine unheilvolle Synthese ein. Dieser moralische Sozialismus ist mehrheitsfähig bis in das Unionslager hinein.“ Eine „Links-Koalition der sozialen Gerechtigkeit“ müsse „dazu nur mit der allmählichen Systemveränderung werben: durch die flächendeckende Einführung der Gesamtschule, durch die Enteignung privater Krankenkassen, der Hausbesitzer und Sparer“ etwa.

Die Mehrheit der Bevölkerung hält, so Hinz, „die Entwicklung heute für normal. Als Grund für das Ausbluten des Sozialstaats kann sie sich nur den fehlenden Willen zur Gerechtigkeit vorstellen. Die Wut darüber fließt auf die Mühlen der Linkspartei, die verspricht, die Gerechtigkeit wiederherzustellen und den Sozialstaat im alten Umfang zu erhalten – was nur auf Kosten der Mittelschichten und der Zukunftsfähigkeit Deutschlands möglich ist.“

Thorsten Hinz hat Recht, die „geistigen Wurzeln der Fehlentwicklungen“ sind nicht zuletzt im falschen Geschichtsverständnis begründet. Wer den dritten Marsch in Richtung totalitären deutschen Sozialismus jetzt noch stoppen möchte, muss den politisch-historischen Konsens verlassen. Er muss die Fragen stellen, die nach wie vor tabuisiert sind. Fragen, die den Kern staatlicher Identität berühren. Die heutige Legitimation der Herrschaft der politischen Klasse heißt Antifaschismus. Und sie ist von vorne bis hinten falsch und verlogen.

Hitler wurde gewählt, weil er den Deutschen versprach, sie vor dem bolschewistischen Terrorregime, der „roten Gefahr“ einer stalinistischen KPD, zu beschützen. Als die braunen Sozialisten im Krieg das Morden begannen, hatten die roten Sozialisten ohne Krieg bereits Aber-Millionen gemordet. Am Ende streiten sich Stalin und Pol Pot darum, wer vor Hitler der größte Massenmörder der Geschichte ist. Es geht eben nicht um einen unvergleichbaren deutschen Sonderfall, sondern um einen erst im Vergleich einzuordnenden sozialistischen Normalfall.

Und was vielleicht noch wichtiger ist: Hitler war das gewählte Ergebnis von Demokratie. Er wusste eine übergroße Mehrheit hinter sich. Eine Mehrheit, die heute, mit einem Gespenst der steten „braunen Gefahr“ genarrt, geradewegs in eine neue sozialistische Diktatur marschiert. Die Freiheiten im Akkord aufgibt, weil ihr jahrzehntelang erfolgreich von Politik und Medien eingeredet wurde, dass antifaschistische gute Demokraten das so tun.

Ein breit angelegter liberaler Geschichtsrevisionismus müsste die Grundfeste unseres Staates infrage stellen. Er könnte dann heute vielleicht noch das schlimmste verhindern. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Doch wer hätte dazu den nötigen Mut?

Literatur:
Kaspar Rosenbaum: Oskar und sein Körnchen Wahrheit, in ef 74.
Thorsten Hinz: Der Antifa-Konsens, in Junge Freiheit 34/2007.


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Kaspar Rosenbaum

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