André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Religiosität und politische Einstellung: Ist alles nur biologisch vorbestimmt?

von André F. Lichtschlag

Neue Erkenntnisse der Hirnforschung decken sich mit Alltagserfahrungen

Der „Spiegel“ deutete in einer Titelgeschichte über neueste Erkenntnisse der Hirnforschung bereits im Juli an, dass bestimmte moralische Einstellungen biologisch vorbestimmt sind. Der Schluss lag nahe, dass damit auch politische Ansichten auf Aktivitäten bestimmter Hirnbereiche zurückzuführen sind. Dies bestätigte nun die „Welt“. Die Zeitung meldet: „Hirnforscher scannen politische Gesinnung“. Die politischen Einstellungen der Menschen seien „mit einem Hirnscanner klar voneinander zu unterscheiden, haben US-Forscher herausgefunden“, so die „Welt“.

Das Ergebnis dürfte sich mit der Lebenserfahrung vieler ef-Leser decken. Immer wieder bestätigen Leser, dass sie „eigentlich immer schon so gedacht“ hätten, dass sie nur überrascht waren, als sie irgendwann auf ausformulierte Ansichten oder gar auf eine ausformulierte Philosophie stießen, die ihre „Rechtsauffassung“ in Worte presste. „Rechtsauffassungen“ sind der Kern einer jeden politischen Grundeinstellung. So „ticken“ Liberale im Kern „anders“ als Sozialisten, sie denken freiheitlich von den Möglichkeiten her und und nicht auf Gleichheit der Ergebnisse zielend. Auch scheint Liberalen grundsätzlich der Neidinstinkt zu fehlen.

Immer wieder machen Liberale oder Libertäre die Erfahrung, dass bestimmte Menschen mit Argumenten nicht zu überzeugen sind. Robert Grözinger bestätigte dies vor einiger Zeit in ef-online mit einem Beitrag: „Libertäre: Warum sie eine kleine Minderheit sind“.

Auffällig ist nach Grözinger beispielsweise, dass Libertäre sehr oft extreme Rationalisten sind und sich beruflich weit überdurchschnittlich oft mit Informatik oder Mathematik beschäftigen.

Interessant ist darüberhinaus, dass die Kategorie „Politische Einstellung“ unabhängig von der Kategorie „Religiosität“ zu sein scheint. Die letzte Leserumfrage der Zeitschrift eigentümlich frei belegte, dass die meist mehr oder weniger libertären ef-Leser jeweils etwa zu einem Viertel Agnostiker, Katholiken, Evangelische und Atheisten sind. Es würde kaum verwundern, wenn die Ergebnisse einer Leserumfrage einer sozialistischen Zeitschrift etwa die gleiche Aufteilung verzeichnen würde. Auch unter Sozialisten gibt es Atheisten und Christen. Und ebenso wie viele Liberale und Libertäre begründen auch viele Sozialisten und Kommunisten ihre politische Einstellung gerade mit ihrer religiösen Sicht. Eben weil sie Atheisten sind, meinen sie Kommunisten oder Libertäre sein zu müssen. Oder gerade weil sie Christen sind, „können sie nur“ liberal oder sozialistisch sein.

Beides ist offensichtlich gerade nicht zwingend, da die Gegenseite häufig ebenso argumentiert. Die Erklärung dazu könnte die Hirnforschung liefern. Diese bestätigt schon länger, dass Religiosität im Gehirn ortbar und messbar sei. Nun werden auch die Hirnschaltstellen politischer Ansichten ausfindig gemacht. Ganz offensichtlich an verschiedenen Stellen. Religiosität und moralische Rechtsauffassung werden – entgegen dem Empfinden so vieler Gläubiger und Ungläubiger – unabhängig voneinander von verschiedenen Hirnteilen bestimmt.

Internet:

Robert Grözinger: Libertäre: Warum sie eine kleine Minderheit sind

„Welt“: Hirnforscher scannen politische Gesinnung

Literatur:
„Der Spiegel, Nr. 31/2007.

11. September 2007

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