28. September 2007

Privater Naturschutz Ein Exzentriker führt Zugvögel nach Süden

Mensch und Natur können in Freiheit zusammen gedeihen

Zufällig entdeckte ich vor wenigen Tagen in einem Ramschladen eine Videokassette mit dem Spielfilm „Fly Away Home“ (deutscher Titel: „Amy und die Wildgänse“). Genau das richtige für meine 11-jährige Tochter, dachte ich, und lag diesmal goldrichtig. Die Zielgruppe des Streifens ist eigentlich eine andere als die dieses Blogs. Der Grund, weshalb ich dennoch über ihn hier schreibe, ist die Freiheitsbotschaft, die diesen auf einer wahren Geschichte basierenden Film durchdringt.

Kurz die Handlung: Ein alleinerziehender Vater im kanadischen Ontario, ein exzentrischer Kunstschmied, Tüftler und Bastler (gespielt von Jeff Daniels), experimentiert mit Ultraleichtflugzeugen. Eines Tages entdeckt seine 13-jährige Tochter Amy (Anna Paquin) Wildgänseeier in einem verwaisten Nest und nimmt sie mit nach Hause. Als die Küken schlüpfen, ist Amy das erste Wesen, das sie sehen – und so folgen sie ihr von Stund an wie einer Mutter. „Nachfolgeprägung“ heißt dieses Phänomen, das Konrad Lorenz gründlich erforscht und beschrieben, wenn auch nicht entdeckt hat. Als es im Herbst Zeit für die Vögel ist, in den Süden zu fliegen, gelingt es Amy mit Hilfe ihres Vaters und seinen Ultraleichtflugzeugen, die Vögel in ein Winterquartier im US-Staat Virginia zu lotsen. Dazu eine Prise Familiendrama, zwei Teelöffel Ökodrama, stimmungsvolle Hintergrundmusik und atemberaubende Luftbilder – schon ist die gemütliche Sonntagsnachmittagsunterhaltung für die ganze Familie perfekt.

Fliegen – gibt es ein treffenderes Symbol für die Freiheit? Neben diesem vordergründigen Bild aber birgt der Film – und die ihr zugrundeliegende wahre Geschichte – eine weitere, gehaltvollere Freiheitsbotschaft. Doch der Reihe nach.

Die Industrialisierung hat viele in der freien Natur vorkommenden Arten, auch Vogelarten, verdrängt und zu Populationen am Rand der Selbsterhaltung schrumpfen lassen. Bei manchen Zugvogelpopulationen kann dies zum Verlust des „Wissens“ um die Migrationsroute führen. Jungvögel lernen die Route von ihren Eltern. Zurück finden sie dann alleine. Wenn aber die Eltern vor der Reise in den Süden sterben, verfliegen sich die Jungvögel und finden ihre Winterquartiere nicht. Oder sie fliegen erst gar nicht fort und verenden im Winter. Wenn die Population insgesamt groß ist, ist so ein Vorfall innerhalb einer Vogelfamilie traurig, aber nicht existenzgefährdend für die Art. Anders jedoch, wenn die Population stark geschrumpft ist.

Der wahre Tüftler, Bastler und Ultraleichtflug-Fanatiker hinter der Amy-Geschichte heißt William Lishman. Nachdem er, der schon als Kind davon geträumt hatte, wie ein Vogel fliegen zu können, einen preisgekrönten Film über den Flug der Wildgänse sah, suchte er den Filmemacher auf und lernte, dass dieser Gänse auf sich und sein Boot geprägt hatte. Da hatte Lishman einen verrückten Einfall: Er würde Gänse nicht nur auf sich, sondern auf eines seiner Ultraleichtflugzeuge, den „Easy Riser“, prägen, dann würden sie ihm auch im Flug folgen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen gelang ihm dies im Jahr 1989. Daraufhin hatte Lishman eine noch verrücktere Idee: Er würde mit „seinen“ Gänsen im Herbst nach Süden ziehen. Zusammen mit einem Freund gründete er „Operation Migration“, eine Non-Profit-Organisation, die der Aufgabe verpflichtet ist, gefährdeten Vogelarten, die das Wissen um ihre Zugroute verloren haben, auf den richtigen Weg zu bringen. Inzwischen bringt die Organisation neben Wildgänsen auch Exemplaren einer stark gefährdeten Vogelart, dem amerikanischen Schreikranich, den Weg nach Süden wieder bei.

Der Freiheitsbezug hierbei ist folgender: Auf Lishmans subjektiver Werteskala ist das Überleben gefährdeter Vogelarten ziemlich weit oben. Aber statt dafür zu kämpfen, dass der Staat hier was unternehmen soll, setzt er sein eigenes Geld ein und riskiert seinen eigenen Hals – wortwörtlich. Die Verwirklichung seiner Idee entzieht niemandem Eigentum oder Freiheit. Welche staatliche Umweltschutzorganisation, oder welche Organisation, die sich „non-governmental“ nennt, weil man es sonst nicht merken würde, ist auf einen solch genialen, konstruktiven Einfall pro Natur gekommen und hat ihn auch durchgezogen? Klar: Greenpeace, WWF und Co sind Spezialisten im destruktiven Umgang mit dem Eigentum ihrer Mitmenschen zugunsten der Natur; aber konstruktive Einfälle, welche der Natur nutzen und dem Mensch nicht schaden, ist nicht ihr Fall.

Dieser Aspekt ist in der Film-Fiktion für den aufmerksamen Betrachter erkennbar. Ein staatlich besoldeter Umweltschützer besteht darauf, dass die Flügel von Amys Gänsen gestutzt werden müssen. Damit würden sie in der Gegend bleiben und eine dort geplante Erschließung für Wohnungsbau wäre dann aus Artenschutzgründen verhindert. Amy und ihr Vater aber retten die Gänse in einer waghalsigen Aktion aus ihren staatlichen Käfigen und schwirren mit ihnen nach Süden ab. (Der Arbeitstitel des Films war übrigens „Flying Wild“.) Obwohl dieser Teil der Geschichte erfunden wurde, hat er einen Hintergrund, der so unrealistisch nicht ist. Es soll schon vorgekommen sein, dass militante Umweltschützer seltene Tier- und Pflanzenarten gezielt auf Grundstücken ausgesetzt haben, für die der Eigentümer eine Bebauungsgenehmigung oder anderweitige Nutzung beantragt hat.

So ist es bedauerlich, dass im Film am anderen Ende der Migrationsroute genau dieses geschieht: Die Gänse werden gezielt in ein Feuchtgebiet geführt, um eine kurz bevorstehende Bebauung im letzten Moment zu verhindern. So wird die wichtigste Botschaft des Films, dass Mensch und Natur in Freiheit zusammen gedeihen können, leider etwas verwässert. Zum Glück bleibt dieses kitschige Schlusskapitel ein Nebenaspekt des Films.

Und noch ein Nebenaspekt sei erwähnt: Die Flieger und ihre Gänse machen im 1996 gedrehten Film, nach Überquerung des Lake Ontario, eine unangemeldete Zwischenlandung auf einem Flughafen der US Air Force. Weder werden sie mit einem gezielten Schuss eines Kampfjets pulverisiert, noch nach der Landung für mehrere Jahre eingekerkert. Auch wird dem Vater nicht das Sorgerecht für seine Tochter entzogen. Statt dessen bekommen die beiden Flieger nur eine kurze Standpauke zu hören und werden beim folgenden Abflug auch noch salutiert. Eine Szene, die in der Welt nach dem 11. September 2001 noch unrealistischer ist als zuvor.

Realistisch und glaubhaft hingegen ist die überlieferte Aussage der Nachrichtensprecherin Barbara Walters, die zum Bericht ihres Senders ABC über Lishmans ersten erfolgreichen Vogelzug im Jahr 1993 kommentierte: „Das ist die schönste Story, die wir in unserer zwanzigjährigen Geschichte gebracht haben.“

Internet:

„Amy und die Wildgänse“ – DVD

William Lishmans Website

Operation Migration


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