David Schah

Jahrgang 1964, Redaktion eigentümlich frei

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Nazis und 68er: Minen auf der Autobahn

von David Schah

Versuch einer unaufgeregten Eva-Hermaneutik

Im Gegensatz zu vielen Kommentatoren und Interpreten und Kerner-Gästen hatte ich, während ich mir die Sendung nachträglich anschaute, keinerlei Probleme damit, auf Anhieb zu verstehen, was Eva Herman meinte, auch wenn ihre rhetorische Stegreif-Performance hier und da zu wünschen übrig ließ. Aber es ist schließlich auch nicht jedem vergönnt, vor laufender Kamera stets nur Druckreifes und für jedermann glasklar Verständliches von sich geben zu können. Es verblüfft mich sogar, dass so viele Zeitgenossen Eva Herman nicht verstanden haben. Es muss daran liegen, dass sie in der Presse, aber auch in der Kerner-Sendung, etwa von dem Historiker Wippermann, fast nie wörtlich zitiert wurde, sondern dass ihre Aussagen meistens gemäß der eigenen Interpretation umformuliert wurden.

Meine interpretierende Umformulierung ihrer bei Kerner und vorher getätigten Aussagen sähe so aus:

“Die traditionellen Familienwerte (z.B. “für ein Kind ist es in den ersten Lebensjahren besser, von der Mutter erzogen zu werden als in der Krippe”) sind gar nicht so schlecht, sind aber von den Nazis instrumentalisiert und pervertiert worden und daher in Misskredit geraten. Die 68er haben dann das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, und seither gelten diese alten Werte als “rechts” oder “faschistisch”. Daraus, dass ich, Eva Herman, mich auf diese Werte besinne, wird mir nun ein Nazi-Strick gedreht, und zwar von einer Presse, die ähnlich einhellig verzerrt und verdreht, wie anno dazumal die gleichgeschaltete Nazipresse. Und wenn mir nun der Vorwurf gemacht wird, dass ich das von den Nazis erfundene Wort “gleichgeschaltet” verwende und somit eine Nazi-Gesinnung zeigen würde, dann ist das ähnlich absurd, als wenn man jemanden des Nazitums zeihen würde, der eine Autobahn benutzt oder das Wort “Autobahn” verwendet, denn schließlich ist auch dieses Wort zur Nazizeit entstanden. Außerdem gibt es, wenn man mal googelt, zig Belege dafür, dass das Wort “gleichgeschaltet” von zahlreichen Presseorganen verwendet wird, ohne dass diese direkt unter Nazi-Verdacht geraten. Man betritt offenbar ein Minenfeld, wenn man etwas über die deutsche Geschichte sagt, wobei die Minen von politisch korrekten 68er-beeinflussten Meinungsmachern gelegt werden, die überall gerne die Nazilunte riechen, sobald man nur Wörter ausspricht oder Themen behandelt, die auch nur über Umwege mit den Nazis in Verbindung gebracht werden.”

So und nicht anders habe ich Eva Herman verstanden. Der Historiker Wippermann hat meines Erachtens völlig an Eva Hermans Aussagen vorbeigeredet und ihr dabei wiederholt Dinge unterstellt (”Verwechslung von Nazitum mit Konservatismus”), die sie nie geäußert oder gemeint hat.

Und nachdem Schreinemakers das mit den Autobahnen völlig in den falschen Hals bekommen hatte (sie glaubte wahrscheinlich oder gab vor zu glauben, Herman würde den Autobahnbau der Nazis lobend hervorheben), hat dies offenbar auch Senta Berger und den Komiker angesteckt, und die kollektive Empörung bewog Kerner dann, Herman zu verabschieden.

Ob die Kerner-Show von vorneherein als Herman-Demontage geplant war, weiß ich nicht. Kann auch sein, dass eine Kombination aus Missverständnissen, Denkschablonen, kollektivem PC-Drang und Gesprächseigendynamik das gleiche Ergebnis hervorgebracht hat. Am meisten verwundert mich dabei eigentlich der Historiker Wippermann. Ihm würde ich noch am ehesten unterstellen, dass er bewusst darauf verzichten wollte, Herman zu verstehen.

Natürlich ist Herman nicht liberal oder libertär, aber darum geht es doch nicht. Es geht darum, und das ist psychologisch gesehen das Interessante an der Sache, wie jemandem entweder aus bösem Willen, Ignoranz oder durch eine Kette von sich dynamisch hochschaukelnden Missverständnissen etwas unterstellt wird, was er (für mich ganz offensichtlich) nicht gesagt oder gemeint hat und deswegen, gelinde gesagt, äußerst unhöflich behandelt wird.

11. Oktober 2007

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