05. November 2007

Mahler, Friedman und der Hotelführer Drei faschistoide Fäuste für ein Halleluja

Freiheit ist die der Andersdenkenden, nur nicht in Deutschland

Es gibt Leute, die sagen, wir leben doch in einem freien Land. Und regen sich auf, wenn ein notleidendes Leute-Magazin zur Auflagensteigerung einen abgedrehten Nazi interviewt. Denn „das geht entschieden zu weit“. Und es gibt andere, die wissen, dass wir nicht in einem besonders freien Land leben, die aber den aufgesetzten „Antifaschismus“ als Schutzschild der Classe Politique nicht erkennen mögen. Auch sie beschweren sich lautstark über ein solches Interview, denn „sowas geht nun auch nicht“.

Und dann gibt es einen preisgekrönten Journalisten, der auf das komische Interview erst breitenwirksam hinweist. Es ist also mal wieder soweit: Das Tabu hinter dem Tabu im Fall Eva Herman wurde schon wieder berührt. Man leidet wieder, weil irgendwo ein Typ der – diesmal echten – Marke „Ich bin stolz auf Hitlers Autobahnen zu fahren“ offen seine Meinung sagen durfte.

Er konnte dies allerdings nur, weil er von Michel Friedman höchstselbst interviewt wurde. „Hätte die Redaktion von ‚Vanity Fair’ vorgehabt, den Chef-Nazi von einem prominenten Arier interviewen zu lassen, gäbe es weder ein Interview noch einen Skandal“, erkennt der Liberale Henryk M. Broder sehr treffend. Es musste also Pornolocke Friedman das Gespräch mit Hotte Mahler führen, damit die Auflage steigen kann. Wer stand mehr unter Koks? Schwer zu sagen. Jedenfalls gibt es am Ende einen eindeutigen Gewinner. Ringrichter Broder urteilt weise: „Der Sieger nach Punkten heißt Horst Mahler.“

Schon alleine deshalb, weil Hotte der Nazi ein echter Kerl ist, der für seine Spinnereien aufrecht in den Knast geht. Und weil sein Gegenüber Hottes Zerrbild vom feigen und linkigen Journalisten nur zu gern ausfüllt: Er, der anderen berauscht im Nuttenharem genauso wenig Schaden zugefügt hat wie Hotte mit seiner abgedrehten Privatideologie, hatte sich im Gegensatz zu diesem vor der Öffentlichkeit für sein vermeintliches Vergehen kriechend entschuldigt. Lustig genug. Und nun interviewt dieser Schleimer vor dem Volk den harten Hotte für ein Eitelkeiten-Magazin, um ihn unmittelbar danach anzuzeigen und möglichst für dessen von ihm entlockter Meinung wieder hinter Gittern zu bringen. Lustigkeitsrekord. Übertroffen nur von der oben aufgesetzten Pointe, wenn Pornolocke im nämlichen Interview zum Hotte sagt: „Ich würde nie Gewalt anwenden. Das ist der Unterschied zwischen uns.“ Schenkelklopfen.

Es gibt noch eine kleine sehr interessante Stelle in dem ansonsten überlangen und eher langweiligen Interview, in dem Friedman seinen Gegenüber wie immer keinen einzigen Gedanken ohne Unterbrechung zuende führen lässt. Pornolocke erklärt darin dem Hotte großherzig: „Sie können demonstrieren. Solange Sie friedlich demonstrieren und die Demo genehmigt ist, kriegen Sie keine Strafe.“ Hottes Antwort: „Aber wenn sich ein Regierungsrat in diese Reihe stellt, und er wird fotografiert, dann ist er nicht mehr Regierungsrat. Jemand, der schon Hartz IV hat, nichts mehr zu verlieren hat, der kann sich da auch hinstellen. Und das tut er dann auch.“ Ist dies etwa die simple Erklärung für die Sozialstruktur der Neonazis?

Dieser Gedanke führt uns zu einem anderen Bonmot: Der Geschäftsführer einer möglicherweise notleidenden Hotelkette wollte auch mal günstig Werbung mit Nazis machen. Er lud nicht einen Möchtegernführer und einen über jeden Zweifel erhabenen Journalisten zum Runden Tisch, sondern zwei NPD-Landtagsabgeordnete aus seinem Hotel aus – über die Presse natürlich. Sein offener Brief, den Broders Journalistenfreund Hannes Stein weniger urteilssicher als „großartig“ feiert, klingt ganz kleinkariert und etwas gekürzt so: „Wir erhielten heute Ihre Reservierung und sind einigermaßen erstaunt, dass Sie ausgerechnet ein amerikanisches Hotelunternehmen mit ausländisch klingendem Namen bevorzugen. Da Sie in unserem Hause nicht willkommen sind und ich es auch meinen Mitarbeitern nicht zumuten kann, Sie zu begrüßen und zu bedienen, haben wir gebeten, die Buchung zu stornieren. Sollte dies aus vertraglichen Gründen nicht möglich sein, darf ich Sie darauf hinweisen, dass ich sämtliche in unserem Hause durch Sie getätigten Umsätze unmittelbar als Spende an die Dresdner Synagoge weiterleiten werde. Eine Kopie dieses Schreibens leiten wir an die Presse weiter. In der Hoffung, dass uns Ihr Besuch erspart bleibt verbleiben wir“.

Interessant ist auch die Antwort von einem der Landtagsabgeordneten, ebenfalls in einem offenen Brief an die Presse geleitet, aber natürlich nirgends zitiert, geschweige denn als „großartig“ abgefeiert: „Betrachten Sie dieses Schreiben als Absage. Ich bezweifele, ob der Versuch, sich auf Kosten einer derzeit in der Minderheit befindlichen Personengruppe profilieren zu wollen, wirklich Ausdruck von Zivilcourage ist. Im Gegenteil: Es ist billig. Im übrigen berührt es schon merkwürdig, wenn eine Meinung Zivilcourage genannt wird, die heute die Regierung, weite Teile der Opposition, die Kirchen, die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände und die Medien vertreten. Ich bin davon überzeugt, dass sich mutige Menschen Ihres Schlages in früheren Zeiten wohl einer der ersten staatlichen Boykottmaßnahmen gegen Minderheiten angeschlossen hätten. Insofern kann ich nur hoffen, dass Sie nicht in Ihrem Buhlen um political correctness und veröffentlichte Meinung eines Tages – wenn die Wählergunst eine andere politische Realität hervorgerufen haben wird – auch Sozialdemokraten, Ausländer oder gar Mitglieder der jüdischen Minderheit das Bett vor die Tür setzen; quasi in vorauseilendem Gehorsam. Schon Ernst Jünger hat einmal treffend festgestellt, dass der Typus des Verfolgers durch die Systeme geht und sich dabei wie ein Ei dem anderen gleicht. In diesem Sinne grüßt Sie mit einem Lächeln über ihre Zivilcourage.“

Wer ist hier der Punktsieger? Bedenklich ist jedenfalls nicht, dass ein Unternehmer einem Kunden sein Produkt verweigert, weil er diesen und seine Ansichten nicht mag. Vielmehr ist dieses Handeln ein Ausdruck persönlicher Freiheit, die durch Antidiskriminierungsgesetze (die heute für so ziemlich jeden gelten, außer echte oder vermeintliche Nazis) und also die Politik ständig bedroht oder gar eingeschränkt werden. Bedenklich wird der persönliche Boykott erst, wenn umgekehrt die Hysterie inzwischen so weit voranschreitet, dass sich Unternehmer, die etwa einen NPDler wie andere Kunden auch bedienen möchten, rechtfertigen müssen. Denn inzwischen hat der Hotel- und Gaststättenverband Brandenburgs alle Hoteliers aufgerufen, NPD-Mitgliedern grundsätzlich den Zutritt zu verweigern. Das erinnert nun doch zu stark an finstere Zeiten, und wurde deshalb kaum irgendwo publiziert. Bedenklich ist auch, wenn eine Kioskbesitzerin, die eine „rechte“ Zeitung neben dem „Neuen Deutschland“ im Programm führt, begründete Angst vor „anti“-faschistischen Anschlägen haben muss. Und wenn sie von den „mutigen“ Herrn der Presse niemand unterstützt, wenn die neuen SA-Banden als hässliche Fußtruppen der Political Correctness tatsächlich über sie herfallen. Dann – und diese Situation ist in Deutschland erreicht – riecht es tatsächlich längst wieder bedrohlich nach Faschismus. Dann wird es am Ende auch nicht bei der Verfolgung von spinnerten Nazis bleiben, dann kann und wird es irgendwann auch andere Andersdenkende treffen. Etwa: Sperrt die Neoliberalen ein! Schlagt die Klimaleugner! Kein Hotelzimmer mehr für Republikflüchtige! Zu weit hergeholt? Wirklich? Ist Eva Herman ein Nazi?

Stellen wir uns einmal vor, ein bekannter Journalist des russischen Fernsehens interviewt einen (nebenbei: völlig irren) Oppositionellen, um ihn danach für seine im Interview geäußerte Meinung anzuzeigen, damit er eingesperrt wird. Stellen wir uns auch vor, dass die russischen Staatsgesetze sogar hergeben, dass der Oppositionelle für seine abweichende Meinung monate- oder jahrelang ins Gefängnis gehen muss. Stellen wir uns weiter vor, dass eine weitgehend gleichgeschaltete russische Presse von diesem eigentlichen Skandal keine Notiz nimmt, sondern vielmehr den Interviewer dafür kritisiert, dass er sich mit dem Oppositionellen unterhalten hat. Stellen wir uns diese Situation ferner in einem Russland vor, in dem sich Hoteliers rechtfertigen müssen, wenn sie die Freunde des Oppositionellen wie jeden anderen Kunden beherbergen. Ein Russland, in dem der Oppositionelle allenfalls noch Freunde unter denen findet, die nichts mehr zu verlieren haben. Andere verlieren mindestens ihren Job, wenn sie meinungsauffällig werden. In einem Russland, in dem sich Kioskbesitzer, welche Zeitungen der Freunde des Oppositionellen vertreiben, vor Anschlägen von Schlägerbanden und Brandstiftern fürchten müssen. In einem Russland, in dem die herrschende Politik und ihre Medien diese faschistoiden Zustände nicht bekämpfen, sondern als „Zivilcourage“ fördern und feiern.

Wie würde die deutsche Presse über ein solches Russland, das es nicht gibt, schreiben?


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Kaspar Rosenbaum

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