David Schah

Jahrgang 1964, Redaktion eigentümlich frei

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Ökonomie: Genuss als Grundlage allen Wirtschaftens

von David Schah

Alfred Reimanns Genusswirtschaftslehre

Glück, Zufriedenheit und Genuss fristen in den Wirtschaftswissenschaften zumeist ein trostloses Schattendasein, obwohl das Erstreben dieser positiven Gefühle bzw. das Vermeiden gegenteiliger Gefühle die Haupttriebkraft menschlichen Handelns, also auch des menschlichen Wirtschaftens sein dürfte. Arbeit, Leistung, Handel, Tausch, Geld und die damit ermöglichten Waren und Dienstleistungen sind im Grunde nur Instrumente für die Steigerung des persönlichen Wohlbefindens, also eines wie auch immer gearteten Genusses, oder auch für die Verhinderung von Unwohlsein, Unglück, Leid und Krankheit.

Dass Gefühle etwas sehr Individuelles und Subjektives sind, war womöglich die Ursache dafür, dass sie bislang kaum Eingang in ökonomische Betrachtungen gefunden haben, zumal die meisten Ökonomen in der Regel den Anspruch stellen, die wirtschaftliche Realität weitgehend objektiv und allgemeingültig zu beschreiben. Doch auch Wissenschaften, die sich mit Gefühlen beschäftigen, wie Psychologie, Soziologie, Philosophie und Anthropologie finden immer öfter auch Eingang in die Wirtschaftswissenschaften. Die Österreichische Schule etwa hat sich schon von Anfang an gegen die Vorstellung gewendet, man könne menschliches Wirtschaften in mathematische Formeln gießen, und trägt der Subjektivität menschlicher Individuen Rechnung. Mit der „Genusswirtschaft“ versucht Alfred Reimann, dem Bereich der subjektiven Genusserwartung nicht nur mehr Geltung zu verschaffen, sondern ihn als grundlegenden Faktor für das Verstehen jeglicher Wirtschaftstätigkeit zu etablieren.

Der Begriff „Genuss“ wird von Reimann stellvertetend für alle positiven Gefühle verwendet, die von Menschen im allgemeinen erstrebt werden, etwa Glück, Lust , Freude, Zufriedenheit, Heiterkeit oder Gelassenheit. Er unterscheidet dabei zwischen Handlungsgenuss und Erwartungsgenuss. Während der Handlungsgenuss die augenblickliche Befriedigung in der Gegenwart meint, bezieht sich der für das wirtschaftliche Handeln weitaus wichtigere Erwartungsgenuss auf die Befriedigung, mit der man in der Zukunft rechnet. Vorfreude, Hoffnung, Vermutungen, Investitionen und Spekulationen sind demnach viel wesentlicher für das Handeln des Menschen, der wohl als einziges Lebewesen dazu in der Lage ist, Vergnügen in der Gegenwart zugunsten von Wohlergehen in der Zukunft hintanzustellen, der also kraft seines Verstandes eine niedrige Gegenwartspräferenz aufweist.

Der Gesamtgenuss eines Individuums setzt sich aus Handlungs- und Erwartungsgenuss zusammen. Je länger die genussbringende Handlung andauert, desto mehr sinkt der Genuss. Dieses nach dem Ökonom Heinrich Gossen benannte Gossen’sche Gesetz bewirkt, dass der Nutzwert einer Konsumhandlung bzw. einer Ware, die nur in der Gegenwart konsumierbar ist, stetig abnimmt.

Leistung und Geld als Sparmittel können zwar den Handlungsgenuss befördern, erfolgen aber hauptsächlich im Hinblick auf den Erwartungsgenuss. Die Nützlichkeit einer Leistung oder Ware hängt damit von einer konkreten Genusserwartung ab. Diese wiederum wird von weiteren individuellen Faktoren beeinflusst wie Freiheit, dem Sinn, den man einer Handlung verleiht, sowie der Zeitdauer, in der sich der Genuss vollzieht. Dem Menschen als sozialen Wesen bereitet es beispielsweise mehr Genuss, wenn dieser nicht mit der Schädigung seiner Mitmenschen einhergeht. Ein „Freitausch“, also ein Handel von Gütern, die man durch eigene Leistung hergestellt oder erworben hat, ist somit befriedigender und sinnstiftender als ein „Zwangstausch“, also eine Aneignung von Leistungen anderer Menschen, etwa durch Diebstahl und unfreiwillige Umverteilung.

Der Wert einer Leistung oder eines Gegenstands ist hängt somit ganz vom einzelnen Individuum ab, da die Genusserwartungen der Menschen sehr unterschiedlich sind. Der Genusserwartungswert ist aufgrund seines individuellen Charakters und aufgrund der unzähligen ihn beeinflussenden Faktoren nicht allgemein messbar. Das Individuum kann allenfalls eine für sich selbst eine entsprechende Reihenfolge festlegen. Der aktuelle Genusserwartungswert der Leistung, die man gegen die eigene Leistung eintauscht, liegt stets höher als der aktuelle Genusserwartungswert für die eigene Leistung. Damit realisiert jeder Freitauscher einen individuellen, aktuellen Genusserwartungsgewinn.

Reimann konzipiert die Genusswirtschaft als ganzheitlichen Ansatz einer Wirtschaftstheorie, das auf dem Individuum mit seinen einzigartigen Gefühlen, Gedanken und Wahrnehmungen basiert. Über Anregungen und Hilfe bei der Weiterentwicklung der Genusswirtschaft ist er stets sehr dankbar.

Kontakt: alfred.reimann@ich.io

08. Februar 2008

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