24. März 2008

Paradigmenwechsel Zirkulär statt linear

Was uns zwei Kurzfilme von Disney über das gewandelte Weltbild sagen

Walt Disneys Film „Fantasia“ war in mehrfacher Hinsicht ein bahnbrechendes Werk. Die Kombination etablierter, klassischer Musikstücke mit innovativen, animierten Bildern war an sich schon eine originelle Idee. Mutig waren auch die aus den Animationen fabrizierten eigenwilligen Interpretationen der Musik. Das und die verwendeten technischen Innovationen in Optik und Akustik sicherten der 1940 entstandenen Arbeit einen verdienten, wenn auch erst spät anerkannten, Platz in der Ruhmeshalle hervorragender Filme.

Mit der letzten Sequenz, einem Kurzfilm von Wilfred Jackson mit der Musik von Modest Mussorgskis „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ in Verbindung mit Franz Schuberts „Ave Maria“, wollte Disney offenbar über „letzte Fragen“, über Leben und Tod sinnieren. Nicht zufällig setzt das Nachfolgewerk, das im Jahr 1999 herausgegebene, gleichermaßen innovative „Fantasia 2000“, ebenfalls einen spirituellen Schlusspunkt, basierend auf Igor Strawinskis „Feuervogel“. Der Vergleich dieser beiden Filmkapitel ist aufschlussreich, denn aus ihm lassen sich Hinweise darauf herauslesen, wie grundlegend sich die allgemeine Rezeption der „letzten Fragen“ in der westlichen Kultur in den vergangenen 60 Jahren gewandelt hat. Kein vollständiges Bild natürlich, aber der Weltkonzern Disney hat eine gute Antenne für die Geschmäcker des zahlenden Publikums. Außerdem leben auch Disneys Künstler nicht im luftleeren Raum. Sie kommen kaum umhin, allgemeingültige Paradigmen ihrer Zeit zu reflektieren, wenn nicht gar zu zelebrieren.

Im 1940er Segment sehen wir einen gigantischen Dämon, der in der Walpurgisnacht eine große Menge toter Seelen herbeikommandiert und sie veranlasst, zu seinem Vergnügen wilde Tänze aufzuführen, bis er sie, ihrer überdrüssig, ins Lavafeuer des mit ihm verwachsenen Berges schleudert. Erst eine im Morgengrauen läutende Kirchenglocke signalisiert das Ende des grausamen Spuks. Die toten Seelen kehren in ihre Gräber zurück, während sich der Dämon unwillig zur Ruhe begibt. Die letzten Takte des Mussorgski-Stücks verschmelzen währenddessen kunstvoll mit den Anfangsklängen von Schuberts Ave Maria. Begleitet werden sie von einer pilgerähnlichen Lichtprozession, deren Teilnehmer über eine kathedralenfensterähnliche Brücke und durch einen Wald ziehen, an Bäumen vorbei, die ebenfalls an Kirchenarchitektur erinnern, bis sie schließlich eine vom Morgenlicht durchflutete Gartenlandschaft erreichen.

In der 1999er Sequenz stapft ein Hirsch durch einen verschneiten Winterwald, erweckt in einer Wassergrotte mit seinem Atem einen Elementargeist zum Leben, der (beziehungsweise offenbar die) die Landschaft vom Schnee befreit und mit Gräsern, Blättern, Blüten und Blumen schmückt. Nur am Hang eines Berges, aus dessen Gipfel eine dünne, aber unheilvolle Rauchfahne aufsteigt, versagen die Künste der Elfe. Ein plötzlicher Vulkanausbruch entfesselt einen ganz anderen als bei Strawinski vorgesehenen „Feuervogel“, der alles Leben in der Umgebung vernichtet. Doch die Tränen der Elfe über diese Naturkatastrophe bewässern die erkaltete Lava, neue Pflanzen sprießen, das Leben kehrt zurück, der Kreis schließt sich.

Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Szenen ist dieser: Während 1940 ein lineares Weltbild die Grundlage des Storyboards ist, das von der Dunkelheit ins Licht, von der profanen Verderbtheit zum Heiligen führt, ist das Paradigma 60 Jahre später eindeutig zirkulär. Tiefgreifender kann die Änderung nicht sein, denn es gibt nur diese zwei grundsätzlichen Weltbilder. Der zweite Unterschied ist im Faktor Mensch zu erkennen. Die toten Seelen und die Pilger sind Karikaturen des Humanen. Sechs Jahrzehnte später sehen wir eine Welt, in welcher der Mensch überhaupt keine Rolle (mehr?) spielt. Die menschenähnliche Hülle der Elfe dient lediglich dazu, beim Publikum Akzeptanz zu finden; als solche aber repräsentiert sie ebenso wie der Lavavogel eine nichtmenschliche Kraft.

Der Zeitgeist fordert seinen Tribut: 1940 gibt es den Menschen zwar noch, aber keine Individualität mehr. Gnadenlos manipuliert der Dämon die zappelden Kreaturen („Saturday Night Fever“ kannten Jackson und Disney zwar noch nicht, aber vielleicht dachten sie an die „wilden 20er“, die Vorboten des heutigen Körperkultes waren) und die Prozession könnte, bei anderer musikalischer Untermalung, fast ein Fackelzug sein. Die Sonnenstrahlen am Ende schließlich erinnern doch ein wenig an Albert Speers Lichtdom.

Was aber sagt uns Disney Corporations Interpretation des „Feuervogel“ über den vorherrschenden Zeitgeist zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Das zirkuläre Weltbild, wo nur noch elementare Kräfte einen ewigen Kampf gegeneinander ausfechten (in diesem Fall Luft und Wasser gegen Feuer und Erde), wo dieser Kampf aus „ganzheitlicher Sicht“ „notwendig“ ist, um den „Kreislauf der Natur“ in Gang zu halten, bedeutet das Ende jedes menschlichen, rationalen Fortschritts. Die menschenlose Welt unberührter Natur ist eine Ergebenheitsadresse an die Philosophie der Tiefenökologie, die jedem Lebewesen einen vom Menschen unabhängigen, „intrinsischen“ Wert beimisst und die, radikal zu Ende gedacht, im Verschwinden des Menschen etwas Erstrebenswertes sieht.

So ist dieser wunderschön computergenerierte, unter der Regie von Paul und Gaëtan Brizzi entstandene Kurzfilm im Grunde die Verbildlichung der schrecklichen Vision einer Welt, in der den Ökologisten das gelungen ist, was ihre Genossen im Geiste, die Kommunisten und Nationalsozialisten, trotz aller diesbezüglicher Bemühungen nicht geschafft haben: Die Ausrottung der Menschheit. Es besteht jedoch noch Hoffnung, dass diese Vision nicht Wirklichkeit wird: Für einen Augenblick, bei 1:03 Minuten, wird jene, das versunkene lineare Weltbild verkörpernde, „Waldkirche“ von 1940 zitiert. Und ein Wesen immerhin bevölkert diese Welt noch, mit dem eine Ahnung des Urvaters der Philosophie des Rationalen, Aristoteles, repräsentiert wird. Jener röhrende Hirsch mit ökologischem Gütesiegel ist eine Art „erster Beweger“, der den Kreislauf in Gang hält. Man wünscht sich dieser Welt einen guten Zauberer (vielleicht mit dem Namen Frédéric Ludwig Ayn Rothbard), der den verwunschenen Hirsch wieder in einen Menschen zurückverwandelt, der den Blick wieder „linear“ auf die Sterne richtet und der sein Potential wieder voll ausschöpfen kann.

Internet:

„Fantasia“-Schlussfilm, Teil 1: „Nacht auf dem kahlen Berge“, Musik von Modest Mussorgski

„Fantasia“-Schlussfilm, Teil 2: „Ave Maria“, Musik von Franz Schubert

„Fantasia 2000“-Schlussfilm: „Der Feuervogel“, Musik von Igor Strawinski

Eric Englund: Terrorism, War, Death, and Destruction - The Secondary Consequences of Environmentalism


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