01. April 2008

Exkurs Die Neue-Mädchen-Ordnung

Ein neuer Lifestyle taucht an unerwarteten Orten auf – mit unbeabsichtigten Folgen

Als vor ein paar Monaten mein Flieger der Lot Airlines von New York kommend auf dem Warschauer Chopin-Flughafen gelandet war, bemerkte ich eine Passagierin mittleren Alters, die auf eine jüngere Frau zueilte und sie umarmte – offensichtlich ihre wartende Tochter. Wie viele andere Flugzeug-Passagiere auch war die ältere Dame eintönig gekleidet und hatte die gedrungene Gestalt von jemand, der zu viele Kartoffeln gegessen und zu viel körperliche Arbeit verrichtet hatte. Ihre Tochter in Polen dagegen war groß und adrett gekleidet mit spitzhackigen Pumps, enganliegenden Jeans sowie einer zu kurzen Jacke, die eine gebräunte Taille (Yoga? Pilates? Oder nur eine Kohlenhydrat-Diät?) enthüllte, und trug eine große nietenbestickte Lederhandtasche, in der ein silbernes Handy steckte.

Ja, Carrie Bradshaw [Anm. d. Ü.: die Hauptdarstellerin von „Sex and the City“] lebt noch und wohnt in Warschau. Und nicht nur in Warschau. Konzipiert und entwickelt in den USA, kann Carrie New York zwar immer noch als ihre geistige Heimat betrachten. Doch heute kann man sie ebenso in anderen Städten Europas, Asiens und Nordamerikas finden. Suchen Sie die trendigen Schuhläden in Schanghai, Berlin, Singapur, Seoul und Dublin auf, und Sie werden massenhaft ledige junge Frauen (sogenannte SYFs, „single young females“) zwischen 20 und 39 finden, die ihre Zeit damit verbringen, an ihren Bauchmuskeln und an ihren Karrieren zu feilen, an Cocktails zu nippen, in Clubs zu tanzen und (gähn!) über Beziehungen zu reden. „Sex and the City” ist global geworden. Die SYF-Welt ist nun überschaubar.

Ist dies nur das jüngste Beispiel eines amerikanischen Kulturimperialismus? Oder ist es der Triumph des weltweiten Feminismus? Weder noch. Die Globalisierung der SYFs widerspiegelt eine Reihe verblüffender demographischer und wirtschaftlicher Veränderungen, die einen gro- ßen Teil der Welt – mit wichtigen Ausnahmen wie Afrika und fast dem gesamten Nahen Osten – in eine Neue-Mädchen-Ordnung verwandelt. James Brown erinnerte uns stets daran, dass es sich um „a man’s world“ handle. Doch wenn dieser Trend sich fortsetzt, trifft das bald nicht mehr zu.

Drei demographische Faktoren liegen der Neue-Mädchen-Ordnung zugrunde. Erstens heiraten Frauen – vor allem, aber nicht nur in den entwickelten Ländern – sehr viel später und bekommen auch ihre Kinder wesentlich später als jemals zuvor. Gemäß dem „World Fertility Report“ der UN (Welt-Fruchtbarkeitsreport) hat sich der weltweite Mittelwert für das Heiratsalter bei Frauen seit den 1970er Jahren bis heute um zwei Jahre erhöht, von 21,2 auf 23,2 Jahre. In den entwickelten Ländern war der Anstieg noch viel steiler, nämlich von 22,0 auf 26,1 Jahre.

Für Demographen sind diese Veränderungen sehr aufschlussreich, doch wer die Tragweite dieses Wandels noch nicht erkennt, sollte sich folgende Zahlen anschauen: 1960 waren 70 Prozent aller amerikanischen Frauen verheiratet und hatten Kinder; im Jahre 2000 waren es nur noch 25 Prozent. 1970 waren nur 7,4 Prozent aller amerikanischen 30- bis 34-jährigen unverheiratet, heute sind es 22 Prozent. Dieser Wandel erfolgte binnen einer Generation, doch in Asien und Osteuropa vollzog sich dieselbe Veränderung noch viel abrupter. Im heutigen Ungarn zum Beispiel sind 30 Prozent der Frauen Anfang 30 ledig, im Vergleich zu 6 Prozent der gleichaltrigen Frauen der Generation ihrer Mütter. In Südkorea sind 40 Prozent der 30-jährigen ledig, verglichen mit 14 Prozent vor gerade 20 Jahren.

Skeptiker, die darin nichts Neues sehen, weisen zutreffenderweise darauf hin, dass es früher schon einmal für Frauen normal war, mit 27 oder 28 zu heiraten, zumindest in den USA und in Teilen Nordeuropas. Eine kulturelle Anomalie lag demnach vielmehr in den 50er und 60er Jahren vor, als das Durchschnittsheiratsalter für Frauen auf 20 fiel – möglicherweise aufgrund eines Rückzugs in die Familie nach den Zeiten der Wirtschaftskrise und des Krieges. Doch die heutigen 27-jährigen ledigen Frauen sind nun ein globales Phänomen – und selbst im Westen unterscheiden sie sich auf grundlegende Weise von ihren spätheiratenden Urgroßmüttern, was uns zum zweiten Teil dieser demographischen Geschichte führt. Die heutigen aufstrebenden Mittelklasse-Frauen schicken sich an, für einen großen Teil ihres Erwachsenenlebens Teil des bezahlten Arbeitsmarktes zu werden; sie streben eine Karriere an, nicht wie ihre Vorfahren lediglich einen Job. Und das bedeutet, dass sie eine Menge Ausbildung benötigen.

In der neuen globalen Wirtschaft gehen die guten Arbeitsplätze an Leute mit Abschlüssen, und überall in der Welt schreibt sich ein zuvor nie dagewesener Anteil von jungen Leuten, vor allem Frauen, an Hochschulen und Universitäten ein. Zwischen 1960 und 2000 hat sich der Anteil der 20-, 25- und 30-jährigen Hochschüler in den USA mehr als verdoppelt. Und auch in ganz Europa haben sich die Einschreibungen an Einrichtungen der höheren Bildung verdoppelt. Der Prozentsatz der Hochschüler des zarten Geschlechts wird dabei immer größer. Die Mehrheit der Hochschulstudenten sind weiblich in den USA, in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Norwegen und Australien, um nur einige der vielen Länder zu nennen. Und die Prozentlücke zwischen den Geschlechtern wird auch in traditionelleren Ländern wie China, Japan und Südkorea immer kleiner. In einer ganzen Reihe von europäischen Ländern wie Dänemark, Finnland und Frankreich befinden sich mehr als die Hälfte aller Frauen zwischen 20 und 24 in der höheren Ausbildung. Auch die Zahl der Länder, in denen Frauen die Mehrheit der Studenten mit Abschluss bilden, wächst rapide.

Dass gebildete Frauen ledig bleiben, überrascht nicht. Frauen mit Hochschulgraden tendierten schon immer dazu, spät zu heiraten, wenn überhaupt. Doch was die Demographen aufmerken lässt, ist allein die weltweite Anzahl von Frauen, die ihre Hochzeit aufschieben, während sie Hochschulabschlüsse und beruflich Karriere machen. In Großbritannien ist fast ein Drittel der 30-jährigen Frauen mit Hochschulbildung unverheiratet; einige Demographen sagen voraus, dass 30 Prozent der Frauen mit Universitätsabschluss für immer kinderlos bleiben werden. In Spanien – vor nicht allzu langer Zeit ein kulturell gesehen katholisches Land, in dem die Familie ein Mädchen streng behütete, bevor sie es mit etwa 21 einem Ehemann aushändigte – machen Frauen nun 54 Prozent der Hochschüler aus, im Vergleich zu 26 Prozent im Jahre 1970, und das Gebärdurchschnittsalter ist auf fast 30 gestiegen – offenbar weltweit der höchste Wert.

Zu der Neuentwicklung bezüglich der SYFs kommt eine dritte demographische Veränderung hinzu: die Verstädterung. Amerikanische und nordeuropäische Frauen im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert hatten zwar im Schnitt mit 26 geheiratet, doch hatten sie auch einen langen Arbeitstag in der Käserei oder in der Baumwollspinnerei, sie hingen also zum Beispiel nicht im Nachtclub „Studio 54“ herum, um nach dem richtigen Mann oder Lebensabschnittsgefährten Ausschau zu halten. Damals lebten Frauen, die erst spät heirateten, normalerweise bei ihren Eltern. Sie blieben auch Teil der Familienwirtschaft und arbeiteten in den Läden oder Höfen ihrer Eltern oder versorgten wenigstens die Hauskatze. Ein großer Teil der heutigen Junggesellinnen dagegen zieht von ihrem Dorf oder ihrer Stadt nach Boston oder Berlin oder Seoul, weil dort die Jobs, die Männer und die Kneipen sind. Und was sie durch Arbeit verdienen, geben sie für sich selbst aus.

Mitte der 90er Jahre gab es unter der Stadtbevölkerung in diversen Ländern wie Kanada, Frankreich, Ungarn, Irland, Portugal und Russland schon einen Frauenüberschuss, während Männer noch eher in ihrem Heimatdorf blieben. Wenn sie es sich leisten können, leben diese Frauen alleine oder mit Mitbewohnern zusammen. Die Niederlande beispielsweise sind voll von Wohnheimen, von denen einige für junge Studenten und Arbeiter reserviert sind, darunter jede Menge Frauen. In den USA ist der Anteil unverheirateter Twens, die bei ihren Eltern leben, in den letzten 100 Jahren konstant zurückgegangen, trotz sehr hoher Mieten und Wohnungspreise. Selbst in Ländern, wo die SYFs es sich nicht leisten können aus ihrem Elternhaus zu ziehen, erhöht die Anonymität und Vielseitigkeit des Stadtlebens tendenziell ihre Unabhängigkeit. Die Belgier, so Professor Jeffrey Jensen Arnett von der University of Maryland, haben den Begriff „Hotelfamilien“ geprägt, um dieses Arrangement zu beschreiben.

Kombiniert man diese Trends – ein späteres Heiratsalter, eine Ausweitung der Hochschulbildung und des Anteils am Arbeitsmarkt, Verstädterung – und fügt eine globale Medienwelt und etwas verfügbares Einkommen hinzu, dann ergibt sich ein neuer internationaler Lebensstil. Einer seiner konstituierenden Merkmale sind lange Büroarbeitszeiten, oft in quasi-kreativen Bereichen wie Medien, Mode, Kommunikation und Design. Das sind Bereiche, in denen die weltweite Zahl der Karrierejobs in den letzten Jahrzehnten nahezu explodiert ist. Der neue Lebensstil erschließt auch völlig neue Freizeit- und Konsumbereiche, die man oft innerhalb einer Gruppe enger Freundinnen genießt: Trendige Cafés und Bars, die süße Kaffeekreationen und Cocktails servieren, schicke Boutiquen, Einkaufszentren und Warenhäuser, die Kosmetika, Handtaschen, Schuhe und mehr als 100 Dollar teure hüftbetonte Jeans vertreiben, Fitness-Studios zum Bräunen und Männergucken, Skizentren und Strandhotels. Und überall die verzweifelte Jagd nach einem Freund und, obwohl das eine verzwicktere Sache ist, nach einem Ehemann.

Der SYF-Lebensstil tauchte zum ersten Mal in den USA während der 70er Jahre auf, als junge Frauen sich in die höhere Bildung begaben, sich nach einer sinnvollen Arbeit umschauten und die Heirat hinauszögerten. Denken Sie an das SYF-Urgestein Mary Richards, das von Mary Tyler Moore gespielte Karrieregirl der Vor-Jordache-Jeans-Ära, das von den Männern, mit denen sie sich verabredet hatte, noch am gleichen Abend an ihrer Wohnungstür abgesetzt wurde. Mitte der Neunziger waren solche Manieren schon völlig passé. Aus Mary war die beruflich und sexuell selbstsichere Carrie Bradshaw geworden, und Städte wie New York hatten sich in jene Vergnügungspaläste verwandelt, wie sie in der überaus populären TV-Serie „Sex and the City“ vorgespielt werden. Ungefähr zur gleichen Zeit begannen auch Frauen in Asien und im postkommunistischen Europa die SYF-Rolle zu übernehmen. Da überrascht es nicht, dass sie auch Spaß daran hatten, sich selbst oder zumindest den Hollywood-Versionen von sich selbst im Fernsehen zuzusehen. „Friends“, „Ally McBeal“ und „Sex and the City (SATC)“ wurden globale Lieblingssendungen. In repressiven Ländern wie Singapur und China, welche SATC verboten haben, bringen Frauen schwarz gebrannte DVDs dieser Serie in Umlauf.

Ende der 90er Jahre war der SYF-Lebensstil bereits völlig globalisiert. Man könnte sich die SYF in der Tat wie eine Art soziologischer Starbucks vorstellen: Egal wie exotisch der Ort – es gibt sie überall, und sie sehen aus und benehmen sich genauso wie der amerikanische Prototyp. Sie kaufen in Kioto Schuhe ein, Geldbörsen in Schanghai, Jeans in Prag und Lippenstifte in Singapur. Sie saugen Latte in Dublin, trinken Cocktails in Chicago und lesen Lifestyle- Magazine in Krakau, sie gehen zu Weinproben in Boston, zu Speed-Datings in Amsterdam, zu Yoga-Kursen in Paris und fahren zu Skihütten in die Berge vor Tokio. „Im angesagten Da Capo Café auf dem emsigen Kolonaki-Platz in der Athener Innenstadt schwelgen griechische berufstätige Frauen zwischen 30 und Anfang 40 über ihren Eis-Cappuccinos.“ So begann ein Artikel in „Newsweek International“ letztes Jahr. „Ihr Lieblingsgesprächsthema sind natürlich Beziehungen: Das Zögern der Männer, Verpflichtungen auf sich zu nehmen, die Unabhängigkeit der Frauen und wann man Kinder haben soll.“ Die 37-jährige Eirini Perpovlov, eine Verwaltungsgehilfin bei Associated Press, „liebt ihre Arbeit und bezieht ihren sozialen Halt von ihrer Clique, einer engen Gruppe gleichgesinnter Freundinnen.“

Das klingt so ähnlich wie der Beitrag über Vicky in der diesjährigen Juli-Ausgabe von „Time“, „eine resolute 29jährige Versicherungsfachfrau, die nichts mehr mag als Partys. Sie und ihre Freundinnen treffen sich so regelmäßig zum Abendessen und in Kneipen, dass sie, wie sie sagt, gar nicht mehr zuhause speist. Wie die Bilder auf ihrem Blog zeigen, schmeißen sie sogar regelmäßig Themenpartys, um Feiertage wie Halloween und Weihnachten zu begehen, und letztes Jahr waren sie auf Urlaub in Ägypten.“ Im Restaurant, wo der Reporter sie interviewte, quatschen Vickys Freundinnen über Snowboarden, iPods, Kreditkartenzinsen und über eine beliebte Ferienanlage vor Thailands Küste. Vicky, deren Motto „arbeite hart, spiele härter“ lautet, ist nicht aus New York oder London, nicht einmal aus Athen. Sie vertritt die Pekinger SYFs in China, einem Land, das – zumindest für eine privilegierte Minderheit – den Sprung von der Reisschale zur Sushi-Bar in weniger als einer Generation geschafft hat.

Da sie keine Kinder oder Eltern zu unterhalten haben und keine ernsthaften finanziellen Herausforderungen, von denen die alternden Großeltern erzählen, zu meistern haben, haben die SYFs die Zeitschrift „The Economist“ dazu inspiriert, von der „Bridget-Jones-Gesellschaft“ zu sprechen, die nach dem Buch und der entsprechenden Filmheldin benannt wurde, dem wahrscheinlich berühmtesten aller SYFs. Die Bridget-Jones-Mädchen, so die Zeitschrift, geben ihr verfügbares Einkommen für alles aus, was „irgendwie modisch, frivol und lustig“ ist und von einer Schar neuer Firmen hergestellt wird, die junge Frauen versorgen. Im Jahre 2000 sagte Marian Salzman – damals Präsidentin der Londoner Intelligence Factory, einer Unterfirma von Young@Rubicam –, dass in den 90ern „die alleinstehenden Frauen den stärksten Konsumentenblock bildeten, so wie dies die Yuppies in den 80ern waren.“

SYFs treiben das Wachstum von Bekleidungsläden mit modischer Karrierekleidung voran, wie etwa der Kette „Ann Taylor“, die nun mehr als 800 Läden in den USA besitzt, sowie der internationalen Kette „Zara“ mit mehr als 1.000 Läden in 54 Ländern. Sie geben ihr Gehalt auch bei Sephora aus, Europas größtem Einzelhändler für Parfüms und Kosmetika mit Sitz in Paris, der jüngere Frauen in 14 Ländern bedient, darunter auch ehedem so spröde Gegenden wie Polen und Tschechien. Die Kette plant, bald in China Fuß zu fassen. Laut „Forbes“ wuchs der chinesische Markt für Kosmetika 2006 um 17 Prozent und erwartet ein Wachstum zwischen 15 und 20 Prozent in den kommenden Jahren. Zara hat dort bereits drei Läden.

Die Kaufkraft der SYFs entfaltet ihre Wirkung auch in der Unterhaltungsindustrie. Mitte der 90er erklomm die „chick lit“ („Tussi-Literatur“), eine zeitgenössische urbane Posse mit SYF-Heldinnen, die Bestsellerlisten in England und den USA. Nun hat sich „chick lit“ überall in der Welt ausgebreitet. Die Bücher der irischen Schriftstellerin Marian Keyes, einer der ersten und erfolgreichsten Tussi-Literatinnen, erscheinen in 29 Sprachen. „Der Teufel trägt Prada“ war ein internationaler Hit sowohl als Buch (von Lauren Weisberger) als auch als Film (mit Meryl Streep). Inzwischen versucht die Fernsehindustrie den Hunger der SYFs nach Single-Heldinnen zu befriedigen, indem sie Serien nach dem Vorbild von „Sex and the City“ kopiert, wie etwa „Ein Typ zum Heiraten“ in Südkorea und „Das Balzac- Alter“ in Russland.

Bridget-Jones-Frauen krempeln auch die Reiseindustrie um, vor allem in Asien. Nach einem Bericht von Master Card buchen Frauen vier von zehn Reisen in der Asien- Pazifik-Region, während dies Mitte der 70er noch eine von zehn waren. Während amerikanische Frauen an Natur, Abenteuer oder Kultur denken, wenn sie ihre Reiseziele aussuchen, trachten asiatische Frauen laut Master Card nach Shopping, Ferienanlagen und vor allem Kurbädern. Weibliche Reisende haben demnach zu der „Verbäderung der asiatischen Hotelindustrie“ geführt. Dieser Wirtschaftszweig wächst mit einer spektakulären Rate von 200 Prozent jährlich.

Die reifende Bridget-Jones-Wirtschaft erfasst nun die ganz teuren Dinge. 2003 führte die Diamond Trading Company den „Ring für die rechte Hand“ ein, einen Diamanten für Frauen ohne Heiratsabsichten, aber mit Lust auf den großen Stein. („Ihre linke Hand ist Ihr Herz, Ihre rechte Hand ist Ihre Stimme“, erklärt eine Werbeanzeige.) In einigen SYF-Hauptstädten drängen Frauen in den Immobilienmarkt. Kanadische Single-Frauen kaufen doppelt so häufig Häuser wie Single-Männer. Die Nationale Maklervereinigung der USA berichtet, dass dort letztes Jahr Single-Frauen 22 Prozent des Immobilienmarkts ausmachten, verglichen mit kläglichen 9 Prozent Single-Männern. Das Durchschnittsalter der weiblichen Erstkäufer beträgt 32. Die Immobilienfirma Coldwell Banker macht diesen jungen Käuferinnen schöne Augen mit dem neuen Motto „Ihr perfekter Partner seit 1906“, während Lowe’s, der Baumarktriese, Extrakurse für diese Zielgruppe veranstaltet. SYFs fragen auch fahrbare Untersätze nach, und die Hersteller kreieren Autos und Zubehör nach deren Vorstellungen. In Japan hat Nissan den Pino eingeführt, der mit Sternen verzierte Sitze und einen CD-Player aufweist, der wie ein Lippenpaar gestaltet ist. Er wird in zwei Farben ausgeliefert: Milchtee- Beige und Pink.

Japan liefert ein eindrucksvolles Beispiel für den plötzlichen Aufstieg der Neue-Mädchen-Ordnung außerhalb der USA und Westeuropa. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit, während der Boom-Jahre Japans in den 80ern, war das dominierende Bild der japanischen Frau das einer Hausfrau beziehungsweise „sengyoshufu“, die ihre kleinen Kinder verhätschelte, die älteren Kinder für die Weltwirtschaft fit machte und zuhause auf ihren Mann nach dessen 16-Stunden-Bürotag wartete. Es gibt sie natürlich noch, aber seit etwa einem Jahrzehnt trifft sie auf ihre Opponentin: die japanische SYF. Zwischen 1994 und 2004 stieg die Zahl japanischer unverheirateter Frauen zwischen 25 und 29 Jahren von 40 Prozent auf 54 Prozent an. Noch bemerkenswerter war der Anteil der 30- bis 34-jährigen unverheirateten Frauen, der von 14 auf 27 Prozent emporschnellte. Wegen des teuren Tokioter Immobilienmarkts haben sich viele dieser jungen Single-Frauen bei ihren Eltern eingerichtet, was einen führenden Soziologen dazu brachte, diese als „Parasiten-Singles“ zu bezeichnen. Diese verächtliche Bezeichnung verbreitete sich schnell, doch die jungen Frauen störte das nicht. Laut „USA Today“ ließen viele sogar Visitenkarten mit dieser neuen Bezeichnung für sich drucken.

Die Neue-Mädchen-Ordnung mag eine durchschlagende Veränderung einer sehr traditionellen Gesellschaft darstellen, doch die japanischen Frauen scheinen ihr Single-Dasein durchaus zu genießen. Ältere Singles, die es sich leisten können, kaufen sogar schon ihre eigenen Wohnungen. Eine von ihnen, die 37-jährige Junko Sakai, schrieb eine Bestseller- Anklageschrift mit dem Titel „Das Heulen der Loser-Hunde“, wobei sie den Begriff „makeinu“, der früher für gattenlose 30-jährige verwendet wurde, umdeutete. „Die Gesellschaft mag uns Hündinnen nennen“, schreibt sie, „aber wir sind glücklich und unabhängig.“ Die heutigen japanischen SYFs sind Weltklasse-Shopper, und obwohl sie immer noch – vor allem wenn sie nicht für westliche Firmen arbeiten – Diskriminierung am Arbeitsplatz erdulden und begrenzte Karrieremöglichkeiten vorweisen, schaffen sie es dennoch irgendwie, genug Yen zu verdienen, um das Geschäft der vielen Louis-Vuitton-, Burberry- und Issey-Miayke-Läden brummen zu lassen. Vor nicht allzu langer Zeit wurden alleinreisende Frauen in japanischen Hotels nicht aufgenommen, vor allem da man Angst hatte, dass es sich um alte Jungfern handle, die vorhätten, sich vom Balkon zu stürzen, um ihrem furchtbar einsamen Leben ein Ende zu bereiten. Heute checken diese „Loserinnen“ fröhlich in japanischen Berghotels ein, aber auch in australischen Badeorten, vietnamesischen Hotels und Hawaiianischen Strandanlagen.

Außerdem scheinen sich die japanischen Single-Frauen nicht wie ihre anderen weltweiten SYF-Genossinnen darum zu sorgen, den richtigen Mann zu finden. Eine Mehrheit der japanischen Single-Frauen zwischen 25 und 54 behauptet, dass sie ebenso glücklich sei, wenn sie nie heiraten würde. Peggy Orenstein bemerkte 2001 im „New York Times Magazine“, dass japanische Frauen sich über die amerikanische Hochzeits-Sentimentalität wunderten. Yoko Harruka, eine TV-Persönlichkeit und Verfasserin eines Buches namens „Ich werde nicht heiraten“ – das sie schrieb, nachdem sie feststellen musste, dass ihr damaliger Verlobter von ihr erwartete, dass sie ihre Karriere aufgeben und ihm Tee servieren sollte – erzählt, dass ihre männlichen Landsleute Heiratsanträge mit folgenden Worten einleiten: „Ich möchte, dass du ein Leben lang Miso-Suppe für mich kochst.“ Japanische SYFs beklagen, dass die Männer keinerlei Gefühle zeigen und von den Frauen erwarten, dass sie untertänig das Essen kochen, während sie selbst auf ihrem Hintern sitzen und Zeitung lesen. Verwundert es da, dass die Frauen Burberry bevorzugen?

Die Schockwellen der Neue-Mädchen-Ordnung überziehen auch das postkommunistische Europa. Unter kommunistischer Herrschaft heirateten und gebaren die Frauen in der Regel früh. In den späten Achtzigern lag das Erstgeburtsalter in Ostdeutschland beispielsweise bei 24,7 Jahren, weitaus geringer als in Westdeutschland mit 28,3 Jahren. Laut Tomas Sobotka vom Wiener „Institut für Demographie“ gab es für junge Leute eine Menge guter Gründe dafür, früh zu heiraten. Die Ehe war der einzige Weg, um von den Eltern unabhängig zu werden, da verheiratete Paare im Gegensatz zu Singles eine Wohnung bekommen durften. Darüberhinaus war der Zugang zu Verhütungsmitteln begrenzt, da der Staat diese nicht zu erschwinglichen Preisen herstellen konnte oder wollte. Die Hochzeiten erfolgten oft infolge ungewollter Schwangerschaften.

Doch dann fiel der Eiserne Vorhang. Der freie Markt eröffnete schöne neue Job-Gelegenheiten und erhöhte den Wert der Hochschulbildung , während unter der kommunistischen Herrschaft Arbeitsplätze und Hochschulabschlüsse rationiert wurden. Plötzlich konnte eine junge Polin oder Ungarin sich vorstellen, Karriere zu machen und gleichzeitig etwas Spaß zu haben. In Städten wie Warschau und Budapest können junge Leute nun Vergnügungen nachgehen, die vorhergehenden Generationen von Singles völlig unbekannt waren. In einer Hinsicht waren die osteuropäischen und russischen SYFs besser auf die neue Ordnung vorbereitet als die Japanerinnen: Die starke Single-Frau, in Japan eine unsichtbare Figur, war lange Zeit ein hervorstechender Typ in der sozialistischen Landschaft Osteuropas und Russlands, was zweifellos zurückzuführen ist auf die mit Nachdruck betriebene, wenn auch nicht konsequent umgesetzte kommunistische Politik des Egalitarismus sowie auf die massiven männlichen Opfer im Zweiten Weltkrieg.

Es ist nicht so, dass die postkommunistischen SYFs glücklicher mit ihrem Männerangebot sind als ihre japanischen Genossinnen. Die Osteuropäerinnen beschweren sich über Männer, die von Witwenmüttern verwöhnt worden waren und nicht fähig sind, sich an die neue Wirtschaft anzupassen. Laut „The Economist“ leiden viele Städte Ostdeutschlands nun an Frauenmangel, da SYFs mit gutem Schulabschluss wegen einer Arbeit in den Westen gezogen sind und die schlechter ausgebildeten Männer zurücklassen. In einigen Städten beträgt das Frauen-Männer-Verhältnis 40 zu 100. In Polen machen Frauen die Mehrheit der Abgänger von Gymnasium und Hochschulen aus. Obwohl russische Frauen diese neue Ordnung noch nicht im gleichen Ausmaß erreicht haben, murren sie ebenso über die Männer. In der russischen Fernsehserie „Das Balzac-Alter“ [Anm. d. Ü.: Mit der russischen Phrase „Frau im Balzac-Alter“ werden Frauen über 30 bezeichnet], welche die Abenteuer von vier Single-Frauen über dreißig schildert, ruft Alla, eine aufstrebende Yuppie-Anwältin, einen Handwerker in ihre Wohnung. Die beiden stellen zu ihrem Entsetzen fest, dass sie früher einmal Klassenkameraden waren und damals miteinander etwas gehabt hatten, doch nun bewegen sie sich in völlig verschiedenen Sozial-Universen.

Es gibt viel an der Neue-Mädchen-Ordnung zu bewundern – nicht nur den vormals bedeckten Ausschnitt. Betrachten wir doch mal das Leben, das die meisten unserer Mütter, Großmütter und Urgroßmütter geführt hatten und vergleichen es mit dem der modischen Frau am Warschauer Flughafen und der partyfreudigen Pekinger Versicherungsfachfrau. Die Frauen damals wurden erwachsen, also normalerweise mit 18 oder früher, heirateten einen Typen aus ihrem Dorf oder, wenn sie besonders mutig waren, aus dem Dorf auf der anderen Seite des Flusses. Dann hatten sie Kinder – und hier endet die Geschichte auch schon, abgesehen von etwas Ziegenmelken, Reisanbau oder in der Stadt etwas Ladenhüten. Die Neue-Mädchen-Ordnung bedeutet Abschied von diesen Beschränkungen. Es bedeutet die Möglichkeit eines facettenreicheren Lebens und weiter gefasster Ziele. Es ist auch eine reichere Welt. SYFs bringen Ehrgeiz, Energie und Innovationen in die Wirtschaft, lokal und global, sie propagieren und genie- ßen gleichermaßen, was der Schriftsteller Brink Lindsey das „Zeitalter des Überflusses“ nennt. Die SYFs bedeuten in der Summe also einen dramatischen Fortschritt bei persönlicher Freiheit und Wohlstand.

Doch wie bei jedem bedeutsamen sozialen Wandel auch, ist die Neue-Mädchen-Ordnung zugleich mit Kosten verbunden, in diesem Fall sogar mit sehr hohen. Die globalisierte SYF macht Schluss mit jahrhundertealten kulturellen Traditionen. Auch wenn diese recht einengend waren, so bestimmten sie doch die Art und Weise, wie Familien sich zusammensetzten und wie die jeweils nächste Generation aufgezogen wurde. So erscheint es nicht abwegig, die SYFs zum Teil für den weltweiten Geburtenrückgang verantwortlich zu machen. Um eine menschliche Population stabil zu halten, müssen Frauen im Schnitt 2,1 Kinder gebären. Doch unter der Neue-Mädchen-Ordnung schieben Frauen die Hochzeit und das Kinderkriegen hinaus, was an sich schon die Zahl der Kinder tendenziell reduziert, und manchmal – weil die Opportunitätskosten von Kindern für gebildete Frauen viel höher sind – verzichten sie ganz auf Nachwuchs. Außer Albanien gab es im Jahre 2000 kein europäisches Land, wo diese Nettoreproduktionsrate nicht unter 1,5 lag, und selbst in diesen Zahlen ist bereits die überproportional hohe Fertilitätsrate muslimischer Einwanderer enthalten. Merkwürdigerweise weisen die meisten katholischen Länder Europas, so auch Italien, Spanien und Polen, die niedrigsten Fruchtbarkeitsraten auf, nämlich unter 1,3. Im größten Teil Asiens sieht es ähnlich aus. In Japan beträgt die Rate etwa 1,3. Laut dem „World Factbook“ der CIA hat Hong Kong sogar mit 0,98 die Marke von einem Kind pro Frau nach unten durchbrochen.

Für viele Leute scheint der Niedergang der Fruchtbarkeitsrate ein weiterer Grund zu sein, die Neue-Mädchen- Ordnung zu feiern. Weniger Menschen bedeutet weniger CO2-Ausstoß und eine mögliche Schonung der Umwelt. Doch während wir darauf warten, dass deshalb die Temperaturen wieder etwas fallen, werden die Volkswirtschaften auf eine Weise zusammenbrechen, die uns sehr zu schaffen machen wird, und ironischerweise wird gerade das den Niedergang des SYF-Lebensstils bedeuten. Wie Philip Longman in seinem wichtigen Buch „The Empty Cradle“ („Die leere Wiege“) erklärt, bedeuten dramatische Rückgänge bei der Fertilität eine Überalterung und schließlich eine Schrumpfung von Populationen. Japan hat nun eine der ältesten Bevölkerungen der Welt – ein Drittel seiner Bevölkerung, so sagen Demographen voraus, wird innerhalb eines Jahrzehnts über 60 Jahre alt sein. Sicherlich löst ein Fertilitätsrückgang oft einen zwischenzeitlichen Wirtschaftsboom aus, da mehr Frauen in den Arbeitsmarkt drängen und so das Gesamteinkommen und den Gesamtkonsum steigern, wie dies in den 80er Jahren in Japan der Fall war. Mit der Zeit jedoch werden diese Frauen, wie auch ihre männlichen Altersgenossen, alt und brauchen Renten und mehr Gesundheitsfürsorge.

Doch wer soll das bezahlen? Mit weniger Kindern wird die Gesamtarbeitskraft fallen, und auch die Steuereinnahmen werden sinken. Europa hat heute 35 Rentner pro 100 Arbeitskräften, so Longman. Im Jahre 2050 werden diese 100 für 75 Rentner zu sorgen haben. In Spanien und Italien wird das Verhältnis Arbeitende zu Rentnern katastrophale eins zu eins ausmachen. Zu dieser ökonomischen Bedrohung kommt, dass Senioren mit wenigen oder gar keinen Kindern viel wahrscheinlicher den Staat um Unterstützung angehen werden als ältere Menschen mit mehr Kindern. Die finale Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet die ehrgeizige und hart arbeitende SYF eine Welt geschaffen haben wird, in der ihre Kinder, sollte sie welche haben, viel härter werden arbeiten müssen, um ihre Mutter im Rentenalter unterstützen zu können.

Eine alternde Bevölkerung sorgt für noch weitere Probleme. Zum einen ist es so, dass Innovationen und technische Durchbrüche in der Regel auf junge Leute zurückzuführen sind – denken Sie nur an die jungen Pioniere der Revolution in der Informationstechnologie. Weniger junge Arbeiter und höhere Steuerlasten jedoch sind kein gutes Rezept für Innovation und Wachstum. Auch führt ein Bevölkerungsrückgang zu schrumpfenden Märkten und damit auch zu weniger Investitionen und Bildung. Wo würden Sie denn Ihr Kosmetikgeschäft lieber ausweiten: in Irland, wo die Bevölkerung sich gerade noch selbst reproduziert, oder in Japan, wo sie implodiert?

Und schließlich hat die Neue-Mädchen-Ordnung zu einer beunruhigenden Ambivalenz zwischen einem Leben im Haushalt sowie den Männern, die dieses ermöglichen könnten, geführt. Viele Analysten behaupten, dass auch beim heutigen Geburtenalter die Frauen mehr Kinder bekommen würden, wenn ihre Staaten nur großzügigere Beihilfen für arbeitende Mütter leisten würden wie etwa in Schweden und Frankreich. Und tatsächlich ist die Fertilitätsrate in diesen beiden Ländern in jüngster Zeit etwas gestiegen und nähert sich wieder der Reproduktionsrate an. Doch in Ländern, die erst kürzlich der Neue-Mädchen-Ordnung beigetreten sind, beschweren sich die SYFs nicht so sehr über die Kluft zwischen Arbeit und Familienleben als vielmehr über die Kluft zwischen ihren eigenen Ambitionen und denen ihrer potenziellen Ehemänner, wie etwa jene Japanerinnen, die einer Zukunft als Miso-Suppenköchin skeptisch gegen- überstehen. Zusätzlich zur Entfremdung der SYFs vom Haushalt muss man auch einen anderen offenkundigen Faktor berücksichtigen, der normalerweise von den Demographen nicht beachtet wird: Die Neue-Mädchen-Ordnung bedeutet Spaß. Warum soll man heiraten, wenn man weiter Party machen kann?

Dies wirft eine interessante Frage auf: Warum sind SYFs in den USA, dem Ursprungsland der Neue-Mädchen-Ordnung –, immer noch sehr an Heirat interessiert? Im großen und ganzen, so Umfragen, wollen amerikanische Frauen heiraten und Kinder haben. Tatsächlich sind amerikanische Fertilitätsraten, obwohl sie bei Frauen mit Hochschulbildung unterhalb der Reproduktionsrate liegen, immer noch günstiger als in den meisten SYF-Ländern, auch als in Schweden und Frankreich. Die Antwort ist vielleicht, dass die Familie hier schon immer einen wesentlichen Bestandteil des Individualismus, der Diversität, Mobilität und schieren Leichtigkeit des amerikanischen Lebens ausmachte. Dabei war es hilfreich, dass die USA, so wie auch Nordwesteuropa, eine lange Tradition der „Kameradschaftsehe“ hatte, was heißt, dass die Ehe nicht auf strikten Regeln, sondern auf gemeinsamen Interessen und gegenseitiger Zuneigung basiert. Kameradschaftsehen erfolgten immer unter der Annahme der Gleichberechtigung der Frau. Doch Länder wie Japan haben die neue Ordnung ohne eine Tradition von Kameradschaftsehen übernommen, so dass bei der Annahme dieser Ordnung der entsprechende kulturelle Hintergrund fehlt. Eine Reihe von Analysten, darunter der Demograph Nicholas Eberstadt, haben auch angeführt, dass die Religiosität in Amerika die relativ robuste Fertilität erklärt, wobei der polnische Fertilitätsrückgang Zweifel an dieser Erklärung aufkommen lässt.

Es ist auch überhaupt nicht sicher, dass die Amerikaner diesbezüglich eine Ausnahme bleiben werden. Die neuesten Volkszählungsdaten zeigen innerhalb der letzten sechs Jahre einen „steilen Anstieg“ beim Prozentsatz der 20- bis 30-jährigen Amerikaner an, die noch nie verheiratet waren. Jedes Jahr erscheinen mehr Bücher, die das SYF-Leben preisen, mit reißerischen Titeln wie „Singular Existence“ („Singuläre Existenz“) und „Living Alone and Loving It“ („Allein leben und es lieben“). Und die Heiratsaussichten der SYFs werden zunehmend schlechter. Mit einem Leitartikel sorgte die „New York Times“ diesen Sommer für erheblichen Diskussionsstoff, wonach die Zahl junger vollzeitarbeitender Frauen in mehreren Städten die Zahl ihrer männlichen Altersgenossen übersteigt. Ein historisch gesehen nie dagewesener Trend wie dieser wird weitere Folgen für die Beziehung zwischen den Geschlechtern und für die Hochzeits- und Geburtenraten haben.

Bislang scheinen Frauen nicht allzu besorgt über die Schattenseiten der Neue-Mädchen-Ordnung zu sein. Im Gegenteil. Die Ordnung mit ihren Vergnügungen und Erwartungen schreitet wie eine fallende Dominokette voran. Die „Singapore Times“ berichtet, dass junge Frauen in Vietnam jetzt plötzlich ihre Heirat hintanstellen, weil sie „etwas Spaß haben“ wollen – und die Fertilitätsrate ist von 3,8 Kindern im Jahre 1998 auf 2,1 im Jahre 2006 gefallen.

Und dann haben wir Indien. „Die neue Generation von Junggesellinnen hat keine Eile mit dem Heiraten“, berichtet die „India Tribune“. „Sie sind ledig, unabhängig und glücklich“. Junge Städterinnen treiben die Verkaufszahlen von Markenprodukten nach oben: Die indische Tussi-Literatur überschwemmt wie auch „Cosmopolitan“ und „Vogue“ die indischen Läden in Delhi und Bombay. Es ist schon erstaunlich, dass in einigen Großstädten Indiens die Fertilitätsrate bereits unter die Reproduktionsrate gefallen ist, zum Teil dank der aufstrebenden modebewussten Frauen. Wenn ausgerechnet in Indien die Neue-Mädchen-Ordnung das Bevölkerungswachstum reduzieren kann, dann ist ihre Macht vielleicht gar nicht mehr zu stoppen. Zumindest verleiht das indische Experiment der Bedeutung der Phrase „Shoppen bis zum Umfallen“ eine neue Bedeutung.

Kay S. Hymowitz

Ist Mitherausgeberin des „City Journal“ und „William E. Simon Fellow“ des Thinktanks „Manhattan Institute“. Ihr jüngstes Buch, „Marriage and Caste in America“ („Hochzeit und Klasse in Amerika“), ist eine Sammlung ihrer Essays im „City Journal“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Autor

Kay S. Hymowitz

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige