01. April 2008

Hintergrund Die Ökonomie der Liquidität

Über die Ursachen der heraufziehenden Banken- und Wirtschaftskrise

Die Finanzmarktkrise hält die Welt seit Monaten in Atem. Malariaartige Fieberschübe suchen die Börsen heim und schicken die Aktienkurse auf eine rasante Berg- und Talfahrt. Der Schwall an Hiobsbotschaften über weitere Wertberichtigungen von den führenden Großbanken scheint ebenfalls nicht abzureißen. Die zunehmende Ungewissheit über die finanzielle Situation der Finanzinstitute hat zudem das gegenseitige Vertrauen der Banken erschüttert und die Kreditgewährung deutlich verlangsamt. Um den als bedrohlich empfundenen Engpass an Liquidität zu überbrücken, sehen sich die Zentralbanken seit Mitte August 2007 förmlich gezwungen, dem Bankensystem immer höhere Dosen an Liquidität zur Verfügung zu stellen. Die Angst vor einer ausgeprägten Liquiditätskrise und einer sogenannten Kreditklemme geht um. Diese soll mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindert werden, da ansonsten eine ausgeprägte Rezession drohe. So oder so ähnlich argumentieren fast einhellig Zentralbanker, Ökonomen und Wirtschaftspolitiker. Um ein besseres Verständnis von den aktuellen Dynamiken auf den Finanzmärkten zu erlangen, wenden wir uns zunächst dem zugrundeliegenden ökonomischen Phänomen zu: der „Warteschlange“.

Ein tatsächlich freier Markt zeichnet sich durch die Abwesenheit von jedweder Form von administrativen Eingriffen wie Preisfestsetzungen oder Mengenbeschränkungen aus. Binnen relativ kurzer Zeit wird sich in den Verhandlungen zwischen Anbietern und Nachfragern jener Preis herauskristallisieren, zu dem sich der Markt räumt. Im Falle der Markträumung können all jene Verkäufer, die zum Marktpreis verkaufen wollen, das Gut verkaufen und jene, denen der angebotene Preis zu gering ist, veräußern das betreffende Gut eben nicht. Schlicht deswegen, weil die von den Käufern angebotene Kompensation als zu gering erachtet wird. Eine strukturelle Lücke zwischen Angebot und Nachfrage wird sich daher niemals auftun. Gänzlich anders ist jedoch die Situation, wenn die Preise vom Staat unterhalb des Marktpreises administrativ festgesetzt werden. In diesem Fall entwickelt sich eine dauerhafte Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Eine Warteschlange entsteht. Weil die Preise nicht steigen dürfen, befinden sich auf diesem spezifischen Markt auf Dauer mehr Nachfrager als Anbieter. Denn jene zusätzlichen Nachfrager, die sich ohne gesetzlichen Eingriff das Produkt zum Marktpreis nicht hätten leisten wollen, fragen es, vom künstlich gesenkten Preis angelockt, nun ebenfalls nach. Auf der Angebotsseite verschwinden hingegen die Anbieter vom Markt, weil sie zum vorgeschriebenen Höchstpreis nicht mehr profitabel produzieren können. Klassische Beispiele für Warteschlangen sind der Stau auf der Autobahn, Wartezeiten auf Operationen sowie für staatlich geförderte Wohnungen und, um zum Thema zurückzukehren, der sogenannte „Liquiditätsmangel“ beziehungsweise die Kreditklemme.

Um welchen Teilmarkt handelt es sich, wenn wir uns der Liquiditätsproblematik zuwenden? Genaugenommen befinden wir uns am Markt für Ersparnisse, dem sogenannten Kapitalmarkt. Die Anbieter auf diesem Markt sind die Sparer, also all diejenigen, die den einen oder anderen Euro auf das Sparbuch legen oder in Aktien investieren wollen. Die Unternehmer bilden die Nachfrageseite. Sie suchen Kapital, um ihre Investitionsprojekte zu finanzieren. Und den Preis auf dem Kapitalmarkt nennt man gemeinhin „Zins“. Er ist die Kompensation dafür, dass der Sparer eine Zeit lang auf Konsum verzichtet und stattdessen spart. Somit bestimmt die Sparneigung der Bevölkerung die Höhe des Zinses und den zukünftigen materiellen Wohlstand einer Gesellschaft. Je höher die Sparneigung, desto niedriger ist der Zins und desto höher ist der zukünftige Wohlstand. Je niedriger die Sparneigung, desto höher ist der Zins und desto niedriger ist das zukünftige Konsumniveau. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage wirkt selbstverständlich auch auf dem Kapitalmarkt. Je höher das Angebot an Ersparnissen, desto niedriger ist deren Preis, der Geldzins.

Die Preisfixierung auf dem Kapitalmarkt läuft etwas anders ab als auf allen anderen Märkten, weswegen wir auf dem Kapitalmarkt nach erfolgter Preisfixierung zunächst keine Warteschlange beobachten können. Die Festsetzung des Zinses durch die Zentralbank erfolgt nämlich auf indirekte Weise, indem die Zentralbank und die Geschäftsbanken das Kreditangebot künstlich ausweiten. Wohlgemerkt — diese Unterscheidung ist von großer Bedeutung – es werden bei dieser künstlichen Ausweitung des Kreditangebotes keine zusätzlichen realen Ersparnisse geschaffen, sondern nur Scheinersparnisse. Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises bezeichnete die ungedeckten Scheinersparnisse als „Zirkulationskredit“, während er für die gedeckten Ersparnisse den Begriff „Sachmittelkredit“ verwendete. Der Sachmittelkredit basiert auf realen Ersparnissen oder anders ausgedrückt auf nicht-konsumierter Produktion und schafft nachhaltigen Wohlstand. Die von der Zentralbank und dem auf Bruchteilreservehaltung operierenden Geschäftsbankensystem („fractional-reserve-banking“) ausgegebenen Scheinersparnisse werden hingegen aus dem Nichts geschaffen. Ihnen liegt keine Erhöhung der Sparneigung zugrunde, obwohl die Geldzinsen vorerst sinken.

Die Signalwirkung der künstlichen Absenkung des Zinses auf die Anbieter und Nachfrager von Ersparnissen ist identisch mit den Folgen jeder Fixierung eines Höchstpreises. Die Anzahl der Nachfrager nimmt zu, weil sich die Unternehmer zu günstigeren Konditionen verschulden können. Den Anbietern, das heißt den Sparern, signalisiert der künstlich abgesenkte Zins hingegen, dass sich die Ersparnisbildung im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr auszahlt. Ein permanenter Nachfrageüberhang entsteht, der sich jedoch durch die Schaffung von Scheinwerten, die die zu erwartende Angebotslücke – zumindest für einen gewissen Zeitraum – auffüllen, nicht in einer Warteschlange bemerkbar macht. Irgendwann jedoch realisieren die Unternehmer, dass sie mit den erhaltenen Scheinwerten ihre Unternehmungen nicht fertigstellen können, die sie nur in dem Glauben beginnen konnten, dass die Scheinwerte eigentlich realen Werten, das heißt gedeckten Ersparnissen, entsprächen. Als unmittelbare Folge der aufgedeckten Differenz zwischen den auf Scheinersparnissen beruhenden Zirkulationskrediten und den auf realen Ersparnissen beruhenden Sachmittelkrediten beginnen die Unternehmer die Zinsen in die Höhe zu treiben, um an das knapper gewordene Gut „reale Ersparnisse“ heranzukommen. Und zwar treiben jene Unternehmer den Zins in die Höhe, deren Unternehmungen selbst zu dem höheren Zins noch profitabel wären. Dieser Zinsanstieg führt dazu, dass jene Unternehmer, die zum künstlich abgesenkten Zinssatz gerade noch profitabel wirtschaften könnten, aus dem Markt gedrängt werden und in Konkurs gehen. Diese Bereinigung ist unumgänglich, weil die Ausgabe von ungedeckten Zirkulationskrediten diese Unternehmer überhaupt erst dazu verleitet hatte, die an und für sich unrentablen Unternehmungen zu starten. Der Anstieg der Zinsen und die damit einhergehende Rezession als Phase der wirtschaftlichen Abkühlung heilt damit bloß jene Verzerrungen, die die Ausgabe von ungedecktem Zirkulationskredit erst verursacht hatte, weil sich die Unternehmer auf breiter Front haben täuschen lassen.

Als erster Vorbote der unabwendbaren Rezession setzt eine aufziehende Liquiditätskrise, die den tatsächlichen Charakter des ungedeckten Zirkulationskredits aufdeckt, die Anpassung der Zinsen an das tatsächliche höhere Zinsniveau in Gang. Neben kapitalintensiven Produktionszweigen wie dem Immobiliensektor, die besonders von den künstlich abgesenkten Zinsen profitierten, trifft die heraufziehende Liquiditätskrise die Banken überdurchschnittlich stark. Denn diese produzieren mittlerweile einen Großteil der ungedeckten Scheinersparnisse und vergeben reihenweise ungedeckte Zirkulationskredite für Projekte, die sich zum tatsächlichen, höheren Zinssatz niemals rechnen würden. Die höhere Ausfallrate an Kreditrückzahlungen bringt die Banken ins Wanken und bestraft sie für ihr fehlerhaftes Geschäftsgebaren in der Vergangenheit.

Die Produktion von Scheinersparnissen hat nach dem endgültigen Zusammenbruch des Goldstandards in den frühen 1970ern in allen Teilen der Welt eine historisch einmalige Dynamik erhalten. Eine neue Dimension erhielt sie in den USA nach dem Platzen der „Dotcom“-Blase im Frühjahr 2001, als der damalige Vorsitzende der amerikanischen Zentralbank FED, Alan Greenspan, die Zinsen erneut stark senkte, um eine tiefgreifende Rezession zu verhindern. Die unausweichliche Rezession hat er damit aber nur aufgeschoben und nicht aufgehoben. Nach sieben weiteren Jahren der Inflationierung, die durch die explodierende Staatsverschuldung zusätzlich Auftrieb erhalten hat, droht das inflationistische Kartenhaus nunmehr endgültig einzustürzen. Und vieles deutet darauf hin, dass die Politik diesund jenseits des Atlantiks wiederum versuchen wird, den Teufel – die künstliche Zinssenkung – mit dem Beelzebub – einer abermaligen Zinssenkung – auszutreiben. Die der Krise zugrundeliegende Angebotslücke kann jedoch nur durch einen Anstieg des Zinses behoben werden, niemals durch eine weitere Herabsenkung desselben. Wenn also viele Politiker und andere Verantwortliche in Führungspositionen nun von den Zentralbanken die „Bereitstellung von zusätzlicher Liquidität“ fordern, um eine „Kreditklemme“ zu verhindern, dann tragen sie mit diesen Forderungen zu einer weiteren Verschärfung der Situation bei. Letztlich sollen noch mehr ungedeckte Scheinwerte geschaffen und die Menschen noch länger in die Irre geführt werden. Die Angebotslücke am Markt für reale Ersparnisse vertieft und verstetigt sich und macht die unabwendbare Anpassung an die Präferenzen der Menschen nur um so schlimmer. Es mag unangenehm klingen. Aber die staatlich verordnete Produktion von ungedeckter „Liquidität“, von ungedeckten Scheinwerten, beschleunigt unter keinen Umständen das nachhaltige Wirtschaftswachstum. Dieses resultiert immer aus einer höheren Sparneigung der Gesellschaft.

Internet

www.wertewirtschaft.org


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Autor

Gregor Hochreiter

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige