28. April 2008

Debatte Warum Glaube doch Berge versetzen kann

Zumindest eine Religion ist der Freiheit förderlich

Gary Merrett und Kai Jäger haben einiges daran auszusetzen, dass manche Freiheitsfreunde eine Verbindung zwischen Freiheit auf der einen Seite und Religiosität im allgemeinen beziehungsweise Christentum im besonderen sehen. (Debatte: San Fransico statt Augsburg, „ef-online“ vom 23. April 2008.) Ihre Kritik beleuchtet zwar einige tatsächliche Meinungsdifferenzen, beruht aber teilweise auch auf Missverständnissen und Fehlinterpretationen, die ich in diesem Artikel auszuräumen versuche.

Merret und Jäger schreiben: „In einem Satz zusammengefasst lautet die Argumentation, dass christlicher Glauben und heterosexuelle Monogamie zu einer größeren Akzeptanz des Privateigentums und der Privatsphäre führen und somit eine kapitalistische Gesellschaftsordnung erst ermöglichen. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass Atheismus, Homosexualität, Promiskuität und ein progressiver Lebensstil die freiheitliche Gesellschaftsordnung zersetzen.“

Ich glaube nicht, einen Zusammenhang in der Form postuliert zu haben. Ich habe jedoch vor kurzem eine Studie aus dem Jahr 1934 erwähnt, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen „expansiver Energie“ einer (wie auch immer gearteten) Zivilisation und der Monogamie feststellte (ein Zusammenhang, der allerdings meines Wissens seit dem nicht weiter untersucht wurde, was ich einschränkend ebenfalls erwähnte). Und die außerdem ganz wertfrei feststellte, dass, wenn die Sexualmoral in diesen Gesellschaften sich lockerte, immer ein Verfall der Gesellschaft folgte. Außerdem hatte ich auf eine Untersuchung des Soziologen Pitirim Sorokin aus den 50er Jahren hingewiesen, der verschiedenste Kulturen in einer Zeitspanne von mehreren Jahrtausenden analysierte. Er stellte fest, dass sämtlichen politischen Revolutionen, die einen gesellschaftlichen Zusammenbruch zur Folge hatten, eine sexuelle Revolution voranging, in der Ehe und Familie entwertet wurden. (Monogamie und Familie: Zeichen einer expansiven Zivilisation, „ef-online“ vom 10. März 2008.)

Das beweist natürlich nicht, dass Privateigentum, Privatsphäre und eine kapitalistische Gesellschaftsordnung durch christlichen Glauben und heterosexuelle Monogamie „erst ermöglicht“ werden. Es bedeutet zunächst lediglich, dass wenn, wie bis vor kurzem der Fall, in einer (einigermaßen) freiheitlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung Monogamie die Norm war, diese Ordnung empirisch gesehen stark gefährdet ist, wenn sich diese Norm auflöst. Sie (die Ordnung) muss dann noch nicht verschwunden sein, sie ist lediglich, empirisch gesehen, gefährdet.

Der von den Autoren suggerierte Umkehrschluss stimmt dann so auch nicht. Die Zunahme der Phänomene „Atheismus, Homosexualität, Promiskuität und progressiver Lebensstile“ sind nicht die Ursachen der Zersetzung, sondern ihre Frühindikatoren und Begleitumstände. Man muss diese Phänomene also nicht bekämpfen, es gibt aber auch keinen Grund, sie zu begrüßen oder zu feiern. Manch einer geht derzeit sicherlich weiter und fordert staatliche Maßnahmen zur Zurückdrängung solcher Lebensstile und Sichtweisen. Das staatliche Verfolgen oder Benachteiligen von Gesinnungen ist aber Unrecht, da Gesinnungen allein die Rechte anderer nicht verletzen. Setzen wir also vernünftigerweise auf persönliche Überzeugung, Sezession und auf Ausschluss unerwünschter Personen vom Privateigentum. Aber darf man Lebensstile „moralisch verurteilen“? Ja, denn: Genauso, wie Menschen das Recht haben, ihren Lebensstil zu verwirklichen, wenn sie dabei niemandem schaden, haben andere das Recht, diese Lebensstile „moralisch“ zu verurteilen. Das gehört zu ihrem Lebensstil. (Wobei manche Verurteiler allerdings vergessen, dass Jesus mit den „Sündern“ speiste und warnte, dass nur derjenige, der ohne Sünde ist, den ersten Stein werfen darf – allerdings auch den moralischen Appell aussprach, nicht mehr zu sündigen.)

Es gibt allerdings Anzeichen für kausale Zusammenhänge zwischen christlicher Theologie im allgemeinen (nicht speziell die christliche Sexualmoral) und dem Aufstieg des Kapitalismus (seit dem frühen Mittelalter), die Rodney Stark ausführlich im jetzt auch auf deutsch erschienenen Buch „The Victory of Reason“ („Sieg der Vernunft“) diskutiert. Aufgezählt werden das Primat der Vernunft, die Idee des freien Willens und die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht.

Merrett und Jäger sehen die Ursache kooperativen Verhaltens und damit der Ethik (und damit vermutlich des Kapitalismus) in den Genen: „Gene enthalten Informationen über Hirnstrukturen und chemische Prozesse im Gehirn, die wiederum Einfluss auf die Denkstruktur und Mentalität haben. Durch den evolutionären Prozess gelangten vor allem solche psychologischen Charakteristika in den Genpool, die kooperatives Verhalten förderten.“

Der von den Autoren in diesem Zusammenhang erwähnte Matt Ridley hat jedoch in dem von ihnen erwähnten Buch „Die Biologie der Tugend“ dargestellt, dass fast alle Lebewesen auf irgendeine Weise mit ihren Artgenossen kooperieren. Der große Unterschied zwischen Menschen und selbst den intelligentesten Tieren ist laut Ridley, dass sie die Fähigkeit besitzen, den aus der Kooperation entstehenden Vorteil der Arbeitsteilung auch mit Artgenossen auch jenseits der eigenen Familie, ja selbst jenseits des eigenen Stammes, zu nutzen. Der für diese Diskussion wesentliche Punkt ist: Die Fähigkeit zur Kooperation sich hat sich also nicht evolutionär innerhalb einer Art entwickelt, sondern ist offenbar mit dem Leben selbst entstanden. Das „egoistische Gen“ hat schon früh in der Evolution dafür gesorgt. Mit Mutation und Selektion alleine kann man die Entstehung des Kapitalismus und der individuellen Freiheit nicht erklären.

Die entscheidende Frage ist: Warum gab all die Segnungen des Kapitalismus noch nicht vor 5000 Jahren, also lange nach der letzten Eiszeit? Warum hat sich der moderne Kapitalismus ausgerechnet in Europa und ausgerechnet seit dem frühen Mittelalter entwickelt, und nicht vorher? Und warum hatte sich ausgerechnet in Europa seit dem frühen Mittelalter ein Kapitalismus entwickelt, der diesem Weltteil um das Jahr 1500, spätestens um das Jahr 1600 (also noch vor der „Aufklärung“) einen riesigen technischen Vorsprung verschaffte, mit dem es ihm ein halbes Jahrtausend lang möglich war, praktisch die ganze Welt zu beherrschen? Reiner Zufall? Oder gibt es einige identifizierbare Ursachen? Die Rohstoffe können es nicht gewesen sein, die hatten andere Erdteile auch. Die vielen geographischen Binnengrenzen Europas haben sicherlich geholfen, eine Vielfalt kleiner und kleinster politischer Einheiten zu erzeugen, die wiederum der Freiheit und somit dem Kapitalismus dienlich waren, die zu diesem technischen Vorsprung führten. Jedoch: Diese geographischen Grenzen gab es schon ewig, trotzdem gab es zuvor keinen Kapitalismus, sondern ein bürokratisches römisches Reich, und davor nichts, was weiter entwickelt war als ein mittelmäßiger Indianerstamm. (Die Ausnahme war Griechenland, vielleicht, weil es dort extrem viele natürliche geographische Grenzen gibt. Die Griechen entwickelten zwar Ansätze des rationaler Argumentation. Aber ihre Theoretiker und Philosophen wollten von der Empirie nichts wissen. Und ihren hervorragenden Praktikern fehlte das Verständnis von der Bedeutung der Theorie. Moderne Naturwissenschaft, die von der Zusammenführung von Theorie und Praxis lebt, entwickelten die Griechen bei aller Genialität nicht. Rodney Stark vermutet, dass die Griechen über diese Ansätze nicht hinauskamen, weil sie keinen rationalen Gott kannten und ein zirkuläres Weltbild hatten. Ein zirkuläres Weltbild und dauerhafter Fortschritt schließen sich aus. Wer nicht an Fortschritt glaubt, wird keine dazugehörigen Anstrengungen unternehmen.) Der einzige übrigbleibende Unterschied zu den anderen Weltregionen und zu den vorangegangen Zeiten Europas ist das Christentum.

Es gibt viele Menschen, die nach einer rein biologisch-genetischen Ursache menschlicher Verhaltensnormen suchen. Das soll ihnen unbenommen sein. Ich vermute jedoch, dass die (bewusste oder unbewusste) philosophische Grundlage dieser Suche die Negation des freien Willens ist. (Eine Idee, die das Christentum zwar nicht ursprünglich entwickelt hat, die aber erstmals mit ihm zum zentralen Bestandteil eines Menschen- und Weltbildes wurde.) Vorausgesetzt, dass das Ziel dieser Suche Frieden und Wohlstand für alle ist, bedeutet dies, dass wir nur noch die Formeln und die Technik für die richtige Züchtung, die richtige Genmanipulation und die Zwangsterilisation „unwerten Lebens“ (Mutationen in Richtung „Kooperationsunwilligkeit“) brauchen, dann hätten wir quasi das Paradies. Ich unterstelle den Autoren keineswegs, dass sie Eugenik anstreben. Mit einem Weltbild des reinen Zufalls hat man jedoch argumentativ einen schwachen Stand gegen jemanden, der mit der Eugenik dem Zufall auf die Sprünge helfen will.

Weiter merken Merrett und Jäger an: „Wenn das Christentum das rationale Denken und Argumentieren verlangen würde, ist das jedoch kein Argument für das Christentum. Denn was spricht dagegen, direkt das Denken und Argumentieren zu verlangen, ohne den Umweg über die Religion?“

Nichts. Verlangen kann man viel. Ob man es bekommt, ist jedoch eine andere Geschichte. Das Christentum hat ein linares Weltbild mit definiertem Anfang und Ende sowie einen rationalen Gott, dessen Schöpfung folglich für die Gläubigen rational verstehbar sein muss. Bei der Vorherrschaft eines solchen Weltbildes ist es kein Wunder, dass sich das Primat rationalen Denkens und Handelns durchsetzte. Was beileibe nicht heißt, dass sich die Menschen, einschließlich führender Christen, immer an dieses Primat hielten. Es galt aber sehr früh schon, zumindest implizit, als Orientierungsrahmen und trug schließlich entscheidend zu einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung bei. Es ist schwer vorstellbar, wie mit einem Weltbild, dessen oberste Instanz kein rationales, personales Wesen ist, sondern der irrationale, unpersönliche Zufall, sich das rationale Denken als bestimmende Norm durchsetzen beziehungsweise erhalten bleiben soll. Viel eher ist wahrscheinlich, dass sich dann das Gegenteil durchsetzt.

Merrett und Jäger haben meine Kritik am Materialismus missverstanden. Sie schreiben: „Es [gibt] kein einziges wissenschaftlich überprüfbares Indiz dafür, dass es etwas Unmaterielles, also etwas Übernatürliches existiert. Es macht deshalb gerade Sinn, sich auf die real-existierenden Dinge in dieser Welt - also Materielles - zu konzentrieren.“

Etwas Unmaterielles ist nicht gleich etwas Übernatürliches. Mit „Vergötterung des Wohlstandes“ meinte ich, den Wohlstand als Selbstzweck anzusehen, als höchtes Ziel anzustreben und darüber zum Beispiel das gänzlich unmaterielle, und dennoch real existierende, persönliche Glück zu vergessen. Was dann oft passiert, kann man im Märchen vom Fischer und seiner Frau nachlesen. Man will am Ende „wie Gott“ sein. Das ist keine Verurteilung des Wohlstandes an sich. Es ist eine Warnung vor falscher Prioritätensetzung. Wohlstand kommt, wenn Glück angestrebt wird, nicht umgekehrt. Das Märchen ist außerdem eine Verurteilung des „free lunch“-Syndroms, das entsteht, wenn man seinen moralischen Kompass verliert. (Zwischenfrage: Kann man seine Gene verlieren?) Übrigens: Dass ich jeden sein rechtmäßig erworbenes Reichtum gönne, brauche ich hoffentlich nicht zu betonen. Sonst würde ich ja wohl kaum auf dieser Website schreiben..

Wo wir gerade bei Märchen sind: Die Autoren machen es sich zu einfach, wenn sie biblische Geschichten als bloße „Märchen“ abtun. Märchen sprechen in verdichteter Form Wahrheiten aus, für die andere ganze Wälzer brauchen. Vor kurzem habe ich auf diesem Blog mit Hilfe des Märchens von Hans im Glück die Funktion und Wirkungsweise des Grenznutzens erklärt. Vor Jahren habe ich in eigentümlich frei eine libertäre Interpretation von Hänsel und Gretel veröffentlicht. Und auch die Geschichte vom Fischer und seiner Frau ist, wie eben angedeutet, in dieser Hinsicht sehr zweckdienlich. Ähnlich ist es mit den „Märchen“ in der Bibel. Gott schuf, so heißt es da, die Menschen nach seinem Bild. Das heißt unter anderem, dass man Menschen nicht einfach umbringen darf, wenn man zufällig der Stärkere oder Erleuchtetere ist. Der zweite Teil der Josephsgeschichte ist eine Warnung vor Zentralismus und Planwirtschaft. Der erste Teil der Exodus-Geschichte ist Warnung an all diejenigen, die so „sein wollen wie Gott“ (wie der Pharao, Hitler oder Stalin). Der zweite Teil ist die Lehre, dass Freiheit Schwierigkeiten mit sich bringt und dass ohne moralischen Kompass das Ziel vieler Leute die „Fleischtöpfe Ägyptens“ ist. Ein Phänomen, das wir derzeit in Zeitlupe in der ganzen westlichen Welt beobachten können, aller vermeintlichen dortigen christlichen Religiosität zum Trotz. Denn die wahre Religion der meisten Amerikaner und Europäer ist derzeit der Glaube an den erlösenden Staat. (Die derzeit herrschenden Priester, die Kämpfer für politische Korrektheit und Umweltschutzterror, haben übrigens inzwischen die Trennung von Staat und [ihrer] Kirche aufgehoben.)

Natürlich kann man sich über „üble“ charakterliche Eigenschaften eines alttestamentarischen Gottes echauffieren – wenn man den historischen, kulturellen und erzählerischen Kontext übersehen will und den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Kein Volk in der Gegend beispielsweise war damals ohne Kriegsgott. Oder: Im historisch-kulturellen Kontext ist „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ keine Rachsucht, sondern ein strafrechtlicher Fortschritt. Solche Vorwürfe ignorieren, dass sich Religionsinhalte im Laufe der Zeit immer gewandelt und sich den gewandelten sozioökonomischen Verhältnissen angepasst haben. Wenn bisherige Aspekte Gottes nicht mehr „funktionierten“, wurden sie in den Hintergrund gedrängt und durch andere ersetzt. Die von den Autoren genannten „unnötigen“ Regulierungen des Lebens („Essenswahl, Arbeitszeiten und Kleiderordnung“) zum Beispiel sind im Neuen Testament ad acta gelegt, treffen also als Vorwurf nicht das Christentum. Was sich jedoch nicht geändert hat, sind grundsätzliche Vorstellungen wie das erwähnte lineare Weltbild, die zehn Gebote und, seit Aufkommen des Christentums, der freie Wille. Auch heute ist der Gott der Christen nicht nur der „liebende Papa“, wie die Autoren unterstellen, sondern einer, der bei Gebotsmissachtungen auch Strafe androht. Wenn man sich das recht überlegt, ist eine wahre Liebe ohne dieses Element auch gar nicht möglich. Vergebung nicht ausgeschlossen.

Internet:

Rodney Stark, Sieg der Vernunft

Brüder Grimm: Von dem Fischer und seiner Frau


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