Josef Schüßlburner

Jg. 1954, Rechtsanwalt, Jurist, arbeitet im Bundesdienst und als freier Autor.

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Vergangenheitsbewältigung: Sind die Achtundsechziger die eigentlichen Neonazis?

von Josef Schüßlburner

Über die Wiederkehr des Verdrängten

01. Mai 2008

Ein Plädoyer für die „Bewältigung der Vergangenheit“ der Achtundsechziger impliziert erkennbar einen Vergleich, wenn nicht gar die Gleichordnung dieser „Bewegung“ mit dem Nationalsozialismus der 1930er Jahre. Denn nach den Prämissen bundesdeutscher Bewältigungspolitik gilt es bekanntlich nur den Nationalsozialismus zu „bewältigen“, so dass die Bewältigungsaufforderung an die Achtundsechziger notwendigerweise den Vorwurf des „Faschismus“ zur Voraussetzung hat. Dagegen gilt etwa der Internationalsozialismus nicht als besonders bewältigungsbedürftig, wie man daran erkennt, dass dessen Vertreter in der moralisch fortgeschrittenen Bundesrepublik trotz teilweise noch erfolgter Eintragung in sogenannten Verfassungsschutzberichten als „Linksextremisten“ Regierungsämter übernehmen dürfen. Selbstverständlich wird die demokratische Partei, die einst als „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ firmiert hatte, aus der dann der Internationalsozialismus hervorgegangen war, und die dessen Vertretern heute die Regierungsämter verschaffen kann, nicht in diesen „Verfassungsschutzberichten“ aufgeführt.

Warum Bewältigung?

Stellt man sich die Frage, warum denn überhaupt „bewältigt“ werden muss, dann lautet die Antwort in der Regel: Zur Wahrung der Würde der Opfer. Und vor allem soll durch „Bewältigung“ verhindert werden, dass sich ein bewältigungsbedürftiges Ereignis wiederholt. Bei den Deutschen erwartet man, was wohl rassisch bedingt sein muss, die Wiederkehr des Nationalsozialismus, wenn nicht amtlich etwa durch Bewältigungsbriefmarken, staatliche Bewältigungstränen und dergleichen „bewältigt“ würde. Dagegen befürchtet man nichts Schlimmes durch den Internationalsozialismus, falls man dessen Wiederkehr überhaupt voraussieht, obwohl dieser in einem Teil Deutschlands immerhin ganz real ein Projekt verwirklichen konnte, das Reichskanzler Bismarck einst als „allgemeines sozialistisches Zuchthaus“ vorausgesagt hatte und das der liberale Reichstagsabgeordnete Eugen Richter, der durchaus in Opposition zum genannten Kanzler stand, in vergleichbarer Weise in seinen „Sozialdemokratischen Zukunftsbildern“ von 1891 als Folge der Umsetzung der zeitgenössischen SPD-Ideologie bei einem entsprechenden Wahlausgang für möglich hielt. Wenn demnach schon im Fall des DDR-Kommunismus nicht wirklich „bewältigt“ werden muss, weil er mit dem allein bewältigungsbedürftigen Nationalsozialismus nach herrschender Meinung nichts zu tun habe, dann verbietet es sich gewissermaßen von vornherein, überhaupt nur an die Bewältigung des Achtundsechziger-Phänomens zu denken.

Aufgrund der publizistischen Machtverhältnisse, die in der Tat dazu beitragen, der Ex-SED den Erwerb von Regierungsämtern in der freiheitlichen BRD zu sichern, dürfte im Ergebnis der Aneinanderreihung von Achtundsechzigern und NS-Bewegung politisch erfolgreich entgegengehalten werden: Die Achtundsechziger „waren antiautoritär, die Nazis totalitär; sie wandten sich gegen Krieg, die Nazis machten Krieg; die Achtundsechziger traten für die Durchsetzung demokratischer Freiheitsrechte ein, während der Nationalsozialismus mit seinen Wegbereitern eine Versklavungsbewegung war und jegliche Demokratie abgeschafft hat“; so ein Leserbrief von Tilman Fichter im „Spiegel“.

1. Terror und Gewaltherrschaft (Opferperspektive)

Man stelle sich vor, der Boykott jüdischer Geschäfte, die öffentliche Bücherverbrennung, der „Röhmputsch“ und die „Reichskristallnacht“ hätten auf einmal stattgefunden, sich dabei aber nicht nur auf jeweils etwa einen Tag beschränkt, sondern sich tagtäglich über zwei Jahre hingezogen, mit einer insgesamt über ein Jahrzehnt dauernden Abwicklung durch Landverschickung zur Zwangsarbeit und KZ-Einweisung mit Folter. Dann bekommt man eine Vorstellung vom Horror der großen „Proletarischen Kulturrevolution“, die sich etwa zeitgleich zur westlichen Achtundsechziger-Bewegung und für diese nachhaltig inspirierend in der Volksrepublik China vollzog. Allein die unmittelbaren Todesopfer dieser von der kommunistischen Diktatur losgelassenen Anarchie belaufen sich auf ein bis eineinhalb Millionen. Diese eher vorsichtige Schätzung sei hier nur angeführt, um eine Bewertung der vielleicht dann doch bewältigungsbedürftigen Tatsache zu erlauben, dass bundesdeutsche Achtundsechziger seinerzeit mit dem Plakat des Hauptverantwortlichen dieses Staatsterrors, nämlich des chinesischen KP-Vorsitzenden Mao Zedong, demonstriert und sich auf dessen Kampf-Schrift, die sogenannte Mao-Bibel, bezogen haben. Diese erreichte immerhin eine bundesdeutsche Gesamtauflage von 140.000 Stück. Die deutschen Achtundsechziger können sich nicht darauf hinausreden, dass sie über den Horror der ihnen kongenialen Kulturrevolution in China nichts gewusst hätten, was eine Entschuldigung darstellt, die sie bei der kritisierten Vätergeneration absolut nicht gelten ließen. Schon 1967 hatte nämlich der wirklich vorsichtig argumentierende Chinaexperte Prof. Domes berichtet, dass Mao-Kritiker „durch die Straßen geschleift, geschlagen, gedemütigt, gefoltert und mit Sicherheit in vielen Fällen auch getötet“ worden seien. Die Roten Garden „zerstörten Tempel und christliche Kirchen“. Am 24. Januar 1967 hatte sogar der Außenminister der Volksrepublik China in einer erzwungenen „Selbstkritik“ mitgeteilt, „dass allein im Spätsommer und Herbst 1966 mehr als 400.000 Kader physisch liquidiert worden“ waren.

Wie ist diese nun wirklich unter Achtundsechzigern weit verbreitete Mao-Verehrung in Verbindung zu bringen zu dem „demokratischen Bewusstsein“, dessen sich diese Achtundsechziger so berühmen? Die Antwort ergibt sich aus dem Klappentext des Buches von Jan Myrdal, China – Die Revolution geht weiter, das im dtv-Verlag erschienen ist: „Mao lehrte seine Landsleute, Demokratie als absolute Gleichberechtigung zu verstehen, allerdings mit einer ebenso absoluten Unterordnung des einzelnen unter die Beschlüsse der Gemeinschaft“. Diese Beschlüsse, denen man sich absolut, also mit Kadavergehorsam unterordnen muss, sollen natürlich durch die Erkenntnisse des großen Vorsitzenden, also des chinesischen Führers, zum Ausdruck kommen. Im Klappentext des Buches des Sohnes der Chefideologen der schwedischen Sozialdemokratie, des Ehepaars Myrdal, ist dann eine Würdigung durch den Westdeutschen Rundfunk abgedruckt: „Das [nämlich die großen Fortschritte Chinas unter der Führung Maos] in einer verständnisvollen Weise dem Leser vermittelt zu haben, ist das einzigartige Verdienst von Jan Myrdal“. Vielleicht sollte darauf hingewiesen werden, dass das Ehepaar Myrdal einst dem deutschen Nationalsozialismus als Bewegung der Jugend durchaus aufgeschlossen gegenübergestanden war. Bei deren Sohn scheint sich dies in Mao-Verehrung fortgesetzt zu haben.

Die Maxime, dass zumindest die Opferperspektive die Bewältigungsbedürftigkeit des Achtundsechziger-Phänomens gebietet, führt noch weiter: Elizabeth Becker, die ein sehr beeindruckendes Buch über Kambodscha und das Herrschaftssystem von „Bruder Nr. 1“, also Pol Pot, geschrieben hat, stellte die Achtundsechziger-Generation als politisch-ideologische Strömung damit wie folgt in Verbindung: „Der Unterschied zwischen den Roten Khmer und den meisten ihrer revolutionären romantischen Zeitgenossen, der einem das Herz stillstehen lässt, besteht darin, dass die Kambodschaner tatsächlich gewonnen haben und ihre revolutionären Ideen umsetzten“. Bekanntlich haben die Roten Khmer das für den Sozialismus zentrale demokratische Recht auf Arbeit verwirklicht; wer sich dieser der sozialen Gerechtigkeit und Gleichheit geschuldeten Verpflichtung und damit dem Sklavenlager entzog, das das ganze „Demokratische Kambudschea“ darstellte, kam nicht ins Gefängnis. Gefängnisse waren, sieht man von revolutionären Befragungszentralen ab, dem Freiheitsideal entsprechend abgeschafft. Man konnte deshalb nur vom Leben befreit werden. Nun könnte man sagen, dass die Kollektivzurechnung, die im eigentlichen Zusammenhang jedoch kennzeichnend für die amtliche bundesdeutsche Bewältigung ist, doch etwas zu weit geht, wenn man den Achtundsechzigern insgesamt auch noch den sogenannten Autogenozid in Kambodscha zuschreiben würde, bei dem etwa ein Viertel der Bevölkerung vom Leben befreit wurde. Auf die damalige BRD übertragen wäre dies auf 15 Millionen Todesopfer hinausgelaufen. Der relativ konkrete Zusammenhang zwischen bundesdeutschen Achtundsechzigern und Pol Pot lässt sich allerdings folgender „FAZ“-Meldung vom 31. Januar 2001 entnehmen: „Am 15. April 1980 sandte der Sekretär des KBW [Kommunistischer Bund Westdeutschland] Hans-Gerhart Schmierer ein Glückwunschtelegramm in die Dschungelfestung der Roten Khmer ‚an den Genossen Pol Pot’. Der KBW sammelte für die im Dschungel untergetauchten Reste der Roten Khmer 238.650 Mark“.

Dabei ist hervorzuheben, dass Grußbotschaft und Geldüberweisung, also Ehrerbietung und Finanzierung eines sozialistischen Massenmörders durch bundesdeutsche Achtundsechziger, getätigt wurden, als in der Zeitschrift „Der Spiegel“ bereits ein Artikel des bekannten Ostasienkorrespondenten Tiziano Terzani mit folgenden entscheidenden Aussagen erschienen war: „Überall, wo ich anhielt, fand ich Massengräber und Vernichtungsfelder. Manchmal ließ es sich nicht vermeiden, über Knochen von Menschen zu gehen, die zwischen 1975 und 1978 umgebracht worden waren.“ Schon am 14. April 1976 hatte die maoistische KPD in Dortmund anlässlich einer Festveranstaltung zum ersten Jahrestag der Machtergreifung von Pol Pot, also der Eroberung von Phnom Penh und des Beginns der Massenevakuierung der Millionenbevölkerung in den Dschungel zur sozialistischen Zwangsarbeit, ihre „bedingungslose Unterstützung“ für Pol Pot erklärt. Der Mitbegründer der sogenannten Alternativzeitung „taz“, Michael Sontheimer, hat die Unterstützung für Pol Pot durch deutsche Achtundsechziger wie folgt gerechtfertigt: „Die Verbrechen, die Pol Pot und seine Genossen nach der ‚Befreiung’ an ihrem Volk begingen, waren so ungeheuerlich, dass sie am besten gleich verdrängt wurden“. Man mag zwar nicht die Einzelheiten gewusst haben, wie etwa den rituellen Kannibalismus, bei dem man die Leber des revolutionär vom Leben befreiten Klassenfeindes verspeiste, dass aber zum Heil der Menschheit gemordet wurde, war sehr wohl bekannt und wurde als wohl unvermeidbar und geschichtsnotwendig, also als nicht besonders bewältigungsbedürftig hingenommen.

Die Notwendigkeit der Bewältigung des Achtundsechziger-Phänomens, das sich damit wohl aufdrängt, wird vielleicht die Antwort auf folgende Frage ergeben: Kann man wirklich davon ausgehen, dass die Achtundsechziger, wie Elizabeth Becker in ihrem Buch über Kambodscha unterstellt, Pol Pot-artige Verhältnisse verwirklicht hätten, wenn es ihnen auch außerhalb dieses asiatischen Landes, etwa in der Bundesrepublik Deutschland, gelungen wäre, die Macht zu übernehmen? Diese Frage ist zumindest auf einer ideologischen Ebene eindeutig zu bejahen. Wie sich dies realpolitisch dargestellt hätte, kann nicht gesagt werden. Hingewiesen sei auf die berühmte „Fischmehlfabrik“, die unter K-Gruppen-Anhängern angedroht wurde – wobei sich die damaligen Protagonisten noch immer darüber streiten, ob damit nur ein Arbeitslager, also KZ-Einweisung, gemeint war oder doch ein Vernichtungslager. Vor allem aber kann die hier vorgenommene Einschätzung der Folgen einer möglichen Achtundsechziger-Machtergreifung an dem maßgeblichen Idol der Achtundsechziger, nämlich Ernesto Che Guevara, belegt werden. Dieser war von Geburt und sozial privilegierter Abstammung nach Argentinier, er hat aber die kubanische „Revolution“, das heißt den Umsturz von Fidel Castro und die Errichtung einer karibisch-kommunistischen Diktatur wesentlich geprägt. „Er, nicht Fidel, erfand 1960 das erste Lager für Besserungsarbeit (wir würden Zwangsarbeit sagen), das auf der Halbinsel Guanaha errichtet wurde“, so die Einschätzung seines zeitweiligen Mitläufers und späteren Beraters des französischen Sozialisten Mitterand, Régis Debray. Als unfähiger Industrieminister und Zentralbankdirektor hat „Che“ maßgeblich den Niedergang der kubanischen Wirtschaft bewirkt. Er hat den kubanischen Totalitarismus vorbereitet, indem er schon vor der Machtergreifung besondere Härte zeigte, mit der er Munddiebstahl ohne irgendeine Art von Prozess mit Erschießung verfolgen ließ. „Nach dem Sieg übernimmt Guevara das Amt des Anklägers und entscheidet über Gnadengesuche. Auf jeden Fall ist das Gefängnis La Cabaòa, in dem er amtiert, Schauplatz zahlreicher Hinrichtungen, insbesondere von ehemaligen Waffengefährten, die demokratisch bleiben“, so die Einschätzung im „Schwarzbuch des Kommunismus“. Es war vor allem Guevara, der für die Rekrutierung der kubanischen Jugend in Organisationen verantwortlich war, die dem Kult des neuen Menschen huldigten. Wie konnte eine derartige mörderische Polit-Figur zum Gegenstand eines weltweit blühenden, aber insbesondere in der BRD wirkenden Jugendkults werden, der vor allem dem toten „Che“ galt und sogar Anzeichen eines quasireligiösen Auferstehungsglaubens zeitigte? Als Argentinier sozial privilegierter Abstammung erschien „Che“ im Gebaren und Typus („Rasse“) noch „europäisch“ genug, um bei revolutionsbedürftigen Achtundsechziger-Deutschen eine genuine Identifizierung herbeizuführen; bei einem wirklichen Kubaner hätte sich dies etwas artifiziell ausgenommen, wie die Demonstrationen mit Mao- und Ho-Bildern. Enzensberger schrieb seinerzeit vom „rücksichtslosen manichäischen Blick“, den die Weltvölker auf ihre Unterdrükker würfen. Die manichäische Weltbrand- und Reinigungs-Lehre hat der jugendlich wirkende, Christus-Ikonen imitierende „Che“ für ein westliches Publikum am besten verkörpert: Nach Sven G. Papcke hat „Che“ eine „Lehre vom Menschen“ entworfen, die „die Annihilation des anderen fordert, um jenseits aller Egozentrik neue, menschliche Zustände zu schaffen“. Dass diese Selbsterschaffung des „neuen Menschen“ nur durch den „absoluten Krieg“ möglich wäre, den ein früherer Vertreter des manichäischen Typus als „totalen“ angesehen hatte, der nichts anderes als „die Erlösung der Menschheit“ zum Ziele hat, ist natürlich klar. Um diese Menschheitserlösung zu erreichen, müssten – so „Che“ – die „Soldaten der Revolution“ beseelt sein vom „unbeugsamen Hass dem Feind gegenüber“, der die Menschheitserlöser „in eine wirksame, gewaltsame, selektive und kalte Tötungsmaschine verwandelt“. Holthusen hat sicherlich richtig beobachtet, wonach mit „Che“ die „extrem autoritätsfeindliche und ehrfurchtslose Jugend die Epiphanie des Heldischen“ erlebte: „Selbstlosigkeit, Unbedingtheit, Todesverachtung, Großmut und – Grausamkeit.“ Letztlich feierten mit „Che“ demnach die Tugenden der vorausgegangenen Weltkriegsepoche, die man als „faschistisch“ einordnet, in Gestalt eines angeblich unbefleckten Weltrevolutionärs ihre Wiederauferstehung (so in etwa auch Gerd Koenen). Wenn „Der Spiegel“ jüngst hinsichtlich eines üblicherweise bewältigten Ereignisses die Frage aufwarf, wie normale Deutsche zu Mördern hätten werden können, dann könnte er dazu den Weg analysieren, der zu den aus den Achtundsechzigern hervorgegangenen Terroristen geführt hat. Am konsequentesten ist diesen Weg Andreas Baader gegangen, der sich als Weltrevolutionär schlechthin in der Nachfolge Guevaras sah. Mit Baader ist angedeutet, dass die Achtundsechziger-Ideologie keine bloße Theorie oder Heldenverehrung und Sammelaktion für sozialistische Dritte-Welt-Diktatoren geblieben ist, sondern wesentlich das Phänomen RAF getragen hat. Deren Terrorismus war bislang das einzige Phänomen, das die politische und verfassungsrechtliche Ordnung der Bundesrepublik wirklich hatte erschüttern können. Von sogenannten oder auch tatsächlichen Neo-Nazis hat der Bundesrepublik Deutschland auch nicht im Entferntesten eine derartige fundamentale Gefährdung gedroht. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass ein der BRD äußerst feindliches Regime, nämlich die DDR mit ihrer Geheimpolizei, mit dem RAF-Terrorismus verbunden war. Die Rote-Armee-Fraktion (RAF) und der Staatssicherheitsdienst der DDR waren in vielerlei Hinsicht Brüder im Geiste. Und nicht nur das. Ohne die Unterstützung durch die DDR wäre die RAF nie die Terrororganisation geworden, die sie in den siebziger und achtziger Jahren war. Wenn es nicht zum Schlimmsten gekommen ist und daher die Achtundsechziger ihre Mythen einer moralischen Selbsterhöhung pflegen und verbreiten können, dann ist dies wahrlich nicht ein Verdienst der Achtundsechziger selbst, sondern vielmehr ihrer konservativen und liberalen Gegner (unter ihnen auch rechte Sozialdemokraten), die die Achtundsechziger davor bewahrt haben, Verhältnisse und Vorgänge zu bewirken, an denen dann, um es vorsichtig auszudrücken, auch die bundesdeutsche „Bewältigung“ ihre Augen nicht weiter verschließen könnte.

2. NS-Charakter des deutschen 68er-Phänomens

Nun könnte man einwenden: Ein Gewaltregime der Achtundsechziger hätte allenfalls ein Linksregime bedeutet. Und dieses muss ja, wie nicht nur der Umgang mit den Opfern des RAF-Terrorismus, sondern vor allem der Umgang mit dem DDR-Regime und dessen Opfern zeigt, nicht wirklich bewältigt werden. Zwar ist Heinsohn in seinem „Lexikon der Völkermorde“ zu der Erkenntnis gelangt, dass unter „keiner Weltanschauung in der Menschheitsgeschichte größere Mega-Tötungen vollzogen wurden als unter Regierungen, die sich dem Marxismus beziehungsweise dem wissenschaftlichen Sozialismus verpflichtet fühlten“. Diese Opfer scheinen aber bewältigungspolitisch dennoch eher irrelevant zu sein, da sie wohl unvermeidbar dem Menschheitsfortschritt geschuldet sind. In diese Kategorie wären dann auch die tatsächlichen und potentiellen Opfer der Achtundsechziger einzuordnen, das heißt diese dürfen oder müssen gar, vielleicht sogar nachhaltig, demokratisch ins Vergessen verdrängt werden.

Aber auch nach den etwas eigenartigen Prämissen bundesdeutscher Bewältigungspolitik müsste sich die Bewältigungsbedürftigkeit der Achtundsechziger dann ergeben, wenn es sich dabei um ein doch irgendwie „faschistisches“ Phänomen handeln würde. In diese Richtung geht durchaus eine Selbstkritik aus den Reihen ehemaliger Achtundzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977“ geäußert worden ist und wie sie jüngst Götz Aly mit seinem Buch „Unser Kampf 1968“ geäußert hat. Dort wird etwa die Einsicht des amerikanischen Außenministers Henry Kissinger mitgeteilt, wonach die studentischen Rebellen in Deutschland „nazistischer als etwa die NPD“ sein würden. Der jüdische Professor Ernst Fraenkel bemerkte in diesem Zusammenhang, dass die Judengegnerschaft auf der rechten politischen Seite nicht in Erscheinung trete, wohl aber auf der linken. Und es sei erschütternd, „mit welcher Inbrunst die ahnungslosen Jünglinge und Jungfrauen ihre proarabischen Sprüche herunterleierten.“ Diese Problematik sollte im Laufe der Entfaltung der deutschen Achtundsechziger-Ideologie in den politischen Terrorismus zum Vorfall in Entebbe führen, wo deutsche Linksterroristen die jüdischen Passagiere eines entführten Flugzeuges der Air France in einem Selektionsverfahren von den übrigen Passagieren trennten, ersichtlich, um jenen eine „Sonderbehandlung“, nämlich Geiselermordung, angedeihen zu lassen: „Dass Linke dies dreißig Jahre nach Auschwitz fertigbrachten, gehört bis heute für mich zu den traurigsten und schlimmsten Kapiteln der Achtundsechziger-Bewegung“, so der Kommentar eines Achtundsechziger-Renegaten. Aus eigentlich aufklärungs- und damit bewältigungsbedürftigen Gründen ging der Weg der deutschen Achtundsechziger vom „zutiefst moralischen Antifaschismus zum mordbereiten Antizionismus“, also von „Auschwitz nach Entebbe“, „ein Weg, der für alle deutschen Terroristen, jedenfalls in den siebziger Jahren, zum geheimen Gravitationszentrum ihrer Aktionen wurde“, so immerhin Koenen.

Die Bewältigungsbedürftigkeit des „Faschismus“, womit meist der deutsche Nationalsozialismus gemeint ist, wird in den staatlichen Bewältigungszeremonien in der Regel ideologisch auf den den Nationalsozialismus sicherlich kennzeichnenden Nationalismus zurückgeführt. Dieser Nationalismus wird dann für Krieg, Gewaltherrschaft und Holocaust verantwortlich gemacht, obwohl derartige Erscheinungen ansonsten doch eigentlich mehr dem Sozialismus oder vergleichbaren Fortschrittsdoktrinen zugeschrieben werden müssen. Da aber die deutschen Achtundsechziger das Gegenteil von Nationalisten waren, können sie – so die offiziöse Auffassung – in keine NS-Tradition gestellt werden.

Das Selbstverständnis der Achtundsechziger als Antinationalisten ist jedoch deshalb verfehlt, weil bei ihnen durchaus auch Nationalismus vorhanden war, der sich allerdings als entschiedener Fremdnationalismus äußerte. Die Bewegungen der sogenannten Dritten Welt, die sie unterstützt und deren Führer wie „Mao“ oder „Ho“ sie als Idole verehrt haben, waren nämlich tatsächlich extreme Nationalisten. Mao war in der Tat, wie andere chinesische Kommunisten auch, auf Befehl Stalins als Kommunist auch Mitglied der nationalistischen Kuomingtang gewesen, und er hat nach dem Bruch der Kommunisten mit den Nationalisten lange gezögert, wem er sich bleibend anschließen sollte. Mao hat sich vor allem deshalb für den Kommunismus entschieden, weil dieser zur größeren Gewaltanwendung bereit war. Der Maoismus, der sich schließlich in China erfolgreich im Bürgerkrieg durchgesetzt hat, behielt dann zwar die Bezugnahme auf den Marxismus bei, hat diesen jedoch so modifiziert, dass man aus einer orthodoxen Sicht mit Stalin den Vorwurf erheben kann, dass Mao die Grundsätze des Marxismus verkannt habe, und zwar in einer Weise, die eigentlich auf eine inhaltliche Verabschiedung vom Marxismus hinausgelaufen ist. So hat der Maoismus die Klassen des Klassenkampfes kaum als soziologische Kategorie aufgefasst, sondern sie als rein ideologische Gattung verstanden, so dass sich der Klassenkampf gegen alle politischen Gegner der chinesischen Volksgemeinschaft richten konnte. Insbesondere beim Kambodschaner Pol Pot kam dann sogar der rassistische Charakter der Klassenkampfkonzeption zum Vorschein, ging es bei seiner Revolution doch darum, mit kommunistischen Methoden die „Dauerhaftigkeit der kambodschanischen Rasse“ zu sichern. Eine derartige Konzeption ließ sich durchaus schlüssig aus dem Marxismus ableiten, geht doch die Vorstellung des Klassenkampfes auf eine Rassenkampfkonzeption zurück: Man führte nämlich Ende des 18. Jahrhunderts das Entstehen einer Klassengesellschaft darauf zurück, dass sich eine im Krieg siegreiche Rasse als führende Klasse etabliert habe. Dementsprechend wurde etwa beim Historiker Augustin Thierry, auf den sich Karl Marx bei seiner Formulierung der Klassenkampftheorie vor allem stützte, der Sieg der Bourgeoisie über die Aristokratie in der Französischen Revolution gleichzeitig als Sieg der Gallier über die Germanen verstanden.

Der in diesem Sinne nationalistische, ja rassistische Charakter der Achtundsechziger-Bezugspunkte wird nachträglich etwa von dem schon angeführten „taz“-Redakteur Sontheimer zugestanden, der rechtfertigend meint, die westlich aufgeklärten deutschen Achtundsechziger hätten die nationalistischen und rassistischen Ressentiments der sozialistischen Dritt-Welt-Bewegungen, die für den politischen Massenmord verantwortlich gemacht werden, nicht erkannt. Diese Einlassung ist insofern unglaubwürdig, weil bei den zahlreichen Demonstrationszügen gegen den amerikanischen Krieg in Indochina fremdnationalistische Parolen wie „Vietnam den Vietnamesen“ mitgeführt wurden.

Wie lässt sich nun die sich aufdrängende Ähnlichkeit zwischen deutschen Achtundsechzigern und der NS-Bewegung der 1930er Jahre erklären? Einen wichtigen Hinweis vermag vielleicht der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis zu geben, der seinerzeit die Achtundsechziger wie folgt in Relation zu den Dreiunddreißigern setzte: „Ich kenne eigentlich niemanden, der die Nazis aus eigener Anschauung gefürchtet hat, den am Nazismus reaktionäre, obrigkeitsstaatliche oder antidemokratische Tendenzen besonders bedrückt hätten, sondern: das Tyrannische, Zwingende, Unfreie, alles in Marsch setzende, das Totalitäre im wirklich privat-existenziell erfahrenen Sinne, die Herstellung einer unentrinnbaren Wir-Atmosphäre, das Gefühl, dass ständig etwas geschieht, Aktionen bevorstehen – dies war es doch, was die Menschen fürchten ließ. Der Stahlhelm war reaktionär, die SS wohl kaum. Herr von Papen war für den Obrigkeitsstaat, Hitler sicher eher für die levée en masse, genannt Bewegung. Im Nationalsozialismus nur das Autoritäre, Obrigkeitsstaatliche zu sehen, aber das Element der Bewegung nicht sehen zu wollen, heißt, ihn so gut wie nicht zu erkennen.“

Auch wenn der sozialistische Charakter des Nationalsozialismus von konkurrierenden Sozialisten und teilweise auch von NS-Sympathisanten trotz der parteiamtlichen Selbstbezeichnung in der Regel wütend bestritten worden ist: Gerade die bewältigungsbedürftig wesentlichen Aspekte des Nationalsozialismus, die ihm zurecht vorgehalten werden, ergeben sich aus der sozialistischen Tradition des 19. Jahrhunderts. Wären nämlich die nationalistischen oder auch „reaktionären“ Tendenzen wirklich bewältigungsbedürftig, dann verwundert es doch, warum das Regierungssystem des 19. Jahrhunderts, des Höhepunkts des deutschen Nationalstaatskonzepts, nicht bereits so funktioniert hat, wie dann das sogenannte Dritte Reich.

Über den SPD-Gründer Ferdinand Lassalle schreibt sein Biograph Thilo Ramm: „Es führt doch der Weg in die Freiheit durch den denkbar größten Zwang, wird doch der Friede der Menschheit durch Vernichtungskriege erreicht, das irdische Paradies durch Betrug und Mord verwirklicht und im Namen des Glücks und der Wohlfahrt der Menschheit unzählige Familien zerstört, Menschenleben vernichtet und Völker ausgerottet. Der kurze Zeitraum, der zwischen Goethes Tod und Lassalles erstem öffentlichen Auftreten lag, genügte, dass ein Denker von dem geistigen Niveau eines Lassalle den politischen Terror und die Ausrottung der Völker mit dem Humanitätsideal verbinden konnte. Er hat die nationalstaatliche Idee bis zum Imperialismus, den Gedanken der deutschen Sendung bis zur Forderung der deutschen Weltherrschaft geführt. Lassalle hat gezeigt, dass auch von der idealistischen Philosophie her eine Brücke zum Kommunismus geschlagen werden konnte. Hierin und in seiner Verbindung zwischen Kommunismus und Nationalismus, die ihn zum Theoretiker eines nationalen Sozialismus und Kommunismus werden ließ, liegt seine Bedeutung.“ Auch wenn der Nationalsozialismus und mit ihm seine amtliche bundesdeutsche Bewältigung so getan hat und weitgehend noch tut, als sei er allein der Genialität Hitlers entsprungen, so ist schon von anderen wie vom Ökonomen von Hayek oder vom späteren Bundespräsidenten Theodor Heuß erkannt worden, dass der SPD-Gründer Lassalle als wesentlicher Vorläufer des Nationalsozialismus angesehen werden muss. Insbesondere die Konzeption der demokratisch begründeten sozialistischen Führerdiktatur ist beiden gemein. Aus der sozialistischen Tradition resultiert auch der spezifische Antisemitismus, der das Judentum mit dem durch den Sozialismus zu überwindenden Kapitalismus gleichgesetzt hat und die Vorstellung, dass die individuelle Freiheit durch die Freiheit des Volks „aufgehoben“ werde und daher Grundrechte im Sozialismus nur noch etwas Theoretisches sein würden. Dazu kommt die Vorstellung, dass in der Industriegesellschaft der Staat die Selektionsmechanismen übernehmen müsse, die Darwin in der Natur erkannt hatte. Die politische Eugenik, die etwa beim maßgeblichen SPÖ-Arzt Julius Tandler zur Befürwortung der Euthanasie führte, spielte im Diskurs der Sozialdemokratie etwa von 1900 bis in die 1930er eine bedeutende Rolle und ergab sich ideologisch aus dem Bemühen, im Darwinismus den naturgeschichtlichen Beweis für den Marxismus zu erkennen.

Die im allgemeinen schamhaft verschwiegenen ideologischen Übergänge von klassischer SPD-Ideologie zum Nationalsozialismus erklären auch den „faschistisch“ erscheinenden und damit dann auch nach amtlicher Lehre bewältigungsbedürftigen Charakter der Lehre Ferdinand Lassalles. Dass es sich dabei um keine mehr zufällige Ähnlichkeit handelt, sondern um etwas Gleiches, ergibt sich daraus, dass Ausgangspunkt der deutschen Achtundsechziger der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) gewesen ist, die ursprüngliche Studentenorganisation der SPD. Diese musste sich vom marxistisch gebliebenen SDS absetzen, um glaubwürdig die Position vertreten zu können, sie hätte sich mit dem 1959 beschlossenen Godesberger Programm offiziell vom Marxismus als Parteidoktrin verabschiedet. Die gewisse Heimat- und Bindungslosigkeit, die sich aus dieser Abgrenzung der Mutterpartei bei den angehenden Achtundsechzigern ergab, führte zu einem Voluntarismus, der den späteren BRD-Staatsphilosophen Jürgen Habermas veranlasste, relativ frühzeitig die Gefahr eines „linken Faschismus“ zu postulieren, da Verwandtschaft „mit gewissen, an Sorel anknüpfenden linken Tendenzen des frühen italienischen Faschismus“ zu erkennen seien. Interessant ist, dass der Verfasser des Werkes, das als „die Bibel der APO“ ausgemacht werden kann, nämlich Giovanni beziehungsweise Johannes Agnoli – vorübergehend im NS-Deutsch: Aknoli –, seinen Weg vom Bewunderer Mussolinis und italienischen Kriegsfreiwilligen der Wehrmacht im Partisanenkrieg in Jugoslawien über die SPD-Mitgliedschaft zum Wortführer der APO machte, deren Kern der SDS darstellte. Die maßgeblichen Thesen von Agnoli über die „Transformation der Demokratie“, welche die APO begeisterten, gehen dabei unverkennbar auf eine entsprechende prä- oder frühfaschistische These, insbesondere auf Vilfredo Pareto zurück. Auch insofern ist daher der NS- ähnliche Charakter der deutschen 68er kaum zu bestreiten. Achtundsechziger und Faschismus haben zeitverzögert jeweils aus der ideologischen Krise der Sozialdemokratie resultiert. Der sogenannte Revisionismus-Streit innerhalb der Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg, also die Frage, wie die Glaubenssätze des Marxismus politisch einzuschätzen seien, hatte dann nicht nur zur Abspaltung des Kommunismus von der klassischen Sozialdemokratie geführt, sondern auch einen Linksrevisionismus hervorgebracht, welcher als wesentlicher Ausgangspunkt des Faschismus angesehen werden kann. Mit den späteren sozialistischen Unabhängigkeitsbewegungen der sogenannten Dritten Welt teilte dieser Sozialismus der dritten Art, also des Dritten Reichs und der Dritten Welt, die Ansicht, dass die nationale Unabhängigkeit Voraussetzung des Sozialismus sei oder umgekehrt der Sozialismus die nationale Unabhängigkeit unter den Bedingungen des Weltkapitalismus gewährleiste. Unter politisch geänderten Bedingungen wiederholte sich dieser Ideologiekonflikt, als sich die SPD mit dem Godesberger Programm vom Marxismus verabschiedete, was dann in der BRD zur Abspaltung der Achtundsechziger-Bewegung führte, die deshalb gleichermaßen kommunistische wie faschistische Charakteristika aufwies.

3. Wiederholungsgefahr

Nun könnte man sagen, dass die Achtundsechziger ja integriert sind. Aus den ehemaligen Mitgliedern der K-Gruppen, deren prominenteste Variante wohl der KBW als Vertreter des virtuellen Totalitarismus darstellte, rekrutierten sich nach einer 1987 vorgenommenen Schätzung 21 Prozent der Amts- und Mandatsträger der Partei „Die Grünen“. So konnte der frühere KBW-Chef und Pol Pot-Unterstützer Schmierer unter Außenminister „Joschka“ Fischer von der ehemaligen Putz-Fraktion einen Job im Beraterstab des Außenministeriums erhalten. Die Karrieren von Mitgliedern einer anderen K-Gruppe, der maoistischen KPD, die ebenfalls zu den entschiedenen Pol Pot-Unterstützern zählte, stellen dar: „Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Chefredakteur des Handelsblatts, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, angehender Kommentator der „Welt“, Parteivorsitzende der Grünen, Professor für osteuropäische Geschichte, erfolgreicher Sachbuchautor mit starken philosophischen Neigungen, Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung, enge Mitarbeiterin der Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach und vieles mehr“, so Goetz Aly in „Unser Kampf 1968“. Nun könnte man sagen, dass diese Integration so erfolgreich verlaufen ist, dass daraus keine Wiederholungsgefahr erwachsen kann. Allerdings haben gerade die Achtundsechziger die erfolgreiche Integration ehemaliger NSDAP-Anhänger in der BRD als besonders anstößig empfunden, obwohl von dem antifaschistisch geohrfeigten Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (Ex-NSDAP, CDU) und dem nicht antifaschistisch geohrfeigten, sondern nur vom ehemaligen Waffen-SS-Mann Günther Grass besserwisserisch belehrten Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller (Ex-NSDAP, SPD) nun wirklich keine „faschistische“ Gefahr ausgegangen war. Allerdings sah der Großpsychologe Mitscherlich wegen der sehr erfolgreichen und ohne Bewältigung erfolgten Integration der Ex-Nazis die BRD unter „einem unheilvollen, fast unausweichlichen Wiederholungszwang“ stehen. Realisiert hat sich dieser prophezeite Wiederholungszwang dann aber ersichtlich nur durch die 68er!

Aufgrund der Prämissen bundesdeutscher Bewältigung ist zu schließen, dass wegen des immer noch unbewältigten Sozialismus die Wiederholungsgefahr, ja der Wiederholungszwang im folgenden besteht: Es fehlt dem „Antifaschismus“, also dem Aspekt, der sich über die Achtundsechziger bleibend der bundesdeutschen Demokratie eingeprägt hat, die Erkenntnis, dass seine Anhänger vielleicht selbst die eigentlichen „Faschisten“ sind. Bekanntlich ist das wesentliche politische Anliegen der nunmehr etablierten Achtundsechziger aller Parteien und Strömungen der Kampf gegen rechts. In welcher Tradition sich dabei die Achtundsechziger und damit die derzeit maßgebliche politische Klasse einordnen, lässt sich der Tatsache entnehmen, dass Hitler Anfang 1945 sein sich abzeichnendes Scheitern darauf zurückgeführt hat, „den Schlag gegen rechts“ unterlassen zu haben. Das sei die „große Unterlassungssünde“ des Nationalsozialismus gewesen. Hitler dürfte dabei mit „rechts“ zumindest in der Tendenz etwas ähnliches verstanden haben wie die Maoisten, wenn sie gegen „Rechtsabweichler“ vorgingen, oder eben die deutschen Achtundsechziger in ihrem „Kampf gegen rechts“, nämlich die Restbestände der überlieferten religiösen und mentalen Tradition und insbesondere die als „kapitalistisch“ bekämpfte Privatwirtschaft. Bekanntlich konnte der Nationalsozialismus diesen Komplex nicht wirklich überwinden, weil er sich in der Legalitätstaktik verfangen sah, war er doch im Bündnis mit der traditionellen politischen Rechten an die Macht gelangt. Diese hat sich zur Lösung der politischen Krise dazu bereit gesehen und hat deshalb auch dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt, allerdings nur unter der Maßgabe, dass spätestens 1937 wieder normale verfassungsrechtliche Zustände hergestellt würden. Diese Legalitätstaktik hat ihren Preis gefordert, als sich die NS-Führung etwa gezwungen sah, gegen die Röhm-Revolutionäre vorzugehen, die die „nationale Erhebung“ zum Abschluss bringen wollten, indem sie aus Deutschland einen national-sozialistischen Staat machen wollten.

In der Tat zeigt sich also, dass mit den Achtundsechzigern eine Wiederkehr des Verdrängten eintritt, das nur deshalb nicht auf Anhieb zu erkennen ist, weil etwas Verdrängtes nur in einer Metamorphose wiederkehrt. Sonst wäre die „Bewältigung der Vergangenheit“ doch so einfach, wie sich dies die bundesdeutsche Ideologiepolitik vorstellt. So wie in der Vergangenheit die innerhalb der SPD mit dem Marxismus verdrängten sozialistischen Ansätze eines Lassalle, Dühring, Woltmann in der Sozialismushäresie des Nationalsozialismus in einer sicherlich speziellen Weise und einmaligen Kombination ihre Wiederkehr erfuhren, so dürften mit den Achtundsechzigern zumindest an den Nationalsozialismus gemahnende Tendenzen ihre Wiederkehr erfahren haben und noch erfahren. Der Neosozialismus, der sich insbesondere durch die Integration des DDR-Kommunismus abzeichnet, wird wie der Nationalsozialismus förmliche Verstaatlichungen vermeiden – zur Herstellung der sozialen Gerechtigkeit reicht schon die staatliche Umverteilung aus, zumal es primär um die Sozialistisierung des Menschen geht. Man will amtlich eine gleichgerichtete Denkund Gefühlswelt erzwingen, wobei vorgeschrieben wird, wo staatliche Tränen vergossen werden dürfen und wo fröhlich-demokratisch ins Vergessen verdrängt werden muss. Sozialismus wird zwar nicht mehr durch die Förderung der arischen Rasse zu erreichen gesucht, sondern es wird ein multirassischer Einheitsmensch angestrebt, eine Politik, die eigentlich zu einem Programm nötigt, das in einer expliziten Weise einst in Paraguay unter der von 1814 bis 1840 währenden Diktatur des Jakobiners Rodríguez de Francia praktiziert wurde. Dort war Angehörigen der weißen Oberschicht verboten, untereinander zu heiraten, und diese waren stattdessen von Staats wegen gehalten, bei Sanktion Landesverweis, sich Ehegatten unter Indios, Mulatten und Schwarzen zu suchen. Den rassistischen Charakter dieses Neosozialismus erkennt man vor allem daran, dass politische Gegner, die in einer spezifischen Weise als Vertreter der rassisch noch unvermischten einheimischen Bevölkerung angesehen werden, in einer Weise gekennzeichnet werden, wie dies Rassisten bei Angehörigen einer anderen Rasse zu tun pflegen. Der Antifaschismus ist – was letztlich nicht im Widerspruch zum Marxismus steht – deshalb latent rassistisch, weil er den „Rechten“ in einer Weise kategorisiert, wie Rassisten die Angehörigen einer als minderwertig angesehenen Rasse beschreiben. Gegen den „Rechten“ verwirklicht sich dabei das sozialistische „Gerächtigkeitsbedürfnis“, weil dieser „Rechte“ wohl schuld ist, dass sich die Utopie, die nunmehr multikulturell den multirassischen, transsexuellen Einheitsmenschen der Endzeit anstrebt, wieder nicht verwirklicht. Deshalb sollte auch nicht verwundern, dass das Vorgehen etwa gegen Repräsentanten der NPD mit der Verweigerung der Hotelbuchung oder der ärztlichen Behandlung häufig dem Spruch „Juden unerwünscht“ oder „Kauft nicht bei Juden“ gleicht.

Die Übertragung von Rassenkategorien zur Beschreibung politischer Feinde ist dabei schon immer kennzeichnend für die radikale politische Linke gewesen, mag sie sich selbst auch häufig als anti-rassistisch verstanden haben. Der Rassismus als Produkt der modernen Fortschrittsdoktrin ergibt sich daraus, dass die Menschheit, auf die die Linke politisch ausgerichtet ist, eben eine biologische Kategorie darstellt, was bei deren Politisierung fast unvermeidlich auf einen Rassismus hinausläuft, der das Ungleiche und damit Demokratiewidrige und auch Fortschrittsfeindliche entweder ausrottet (Genozid) oder einschmilzt (Assimilation). Das US-amerikanische „Rassenrecht“ der Segregationszeit als wesentliche Inspirationsquelle der Nürnberger Rassegesetze geht auf das entsprechende ideologie-demokratische Dilemma zurück.

Die radikalen Achtundsechziger meinen vor allem deshalb, mit NS-Tendenzen nichts zu tun zu haben, weil sie selbst sich nachhaltig der Demokratie verpflichtet gesehen haben, während die Nazis doch Antidemokraten gewesen seien. Wer sich von diesem Argument beeindrucken lässt, wie dies bei den etablierten politischen Strömungen der Fall sein dürfte, hat wirklich nichts von den ideologischen Entwicklungen und zentralen politischen Erscheinungen der vergangenen beiden Jahrhunderte verstanden. Und das bedeutet dann, dass in der Tat höchste Wiederholungsgefahr besteht: Im Demokratiegedanken liegt doch gerade der Totalitarismus begründet! Dieser tritt dann mit einer fast zwingenden Logik ein, wenn man bei der Demokratiekonzeption eine bestimmte Weichenstellung vornimmt. Man braucht hierzu mit dem klassischen Sozialismus nur die Freiheit der Individuen durch die Freiheit eines Kollektivs, sei dieses nun Volk oder Menschheit, „aufgehoben“ zu sehen. Dann ergibt sich die Diktatur sehr wohl aus dem Demokratiekonzept, weil dann die Macht dieses politischen Kollektivs und damit Demokratie in den Machtbefugnissen der politischen Führung zum Ausdruck gebracht wird. Anliegen des Sozialismus ist deshalb schon seit Beginn seines expliziten historischen Auftretens die demokratisch legitimierte Diktatur gewesen. Diese erscheint dann nicht als solche, weil sie ja demokratisch gewollt gewesen ist und damit für die Freiheit steht. Dieser Gedanke ist von Lassalle am konsequentesten dargelegt und von Hitler am plausibelsten umgesetzt worden. In einer etwas weniger dramatischen Weise vollzieht sich dieser Gedanke in der Demokratisierung von Bereichen, die eigentlich primär den Individualrechten zugeordnet sein müssten, auf die aber das demokratische Mehrheitsprinzip ausgedehnt wird. So bedeutet „Demokratisierung der Wirtschaft“ nichts anderes als ihre Halbsozialisierung. Amtliche „Bewältigung“ bedeutet, dass der wirklich äußerst individuelle Bereich des Erinnerns und Vergessens staatlich gelenkt und kontrolliert wird und damit das Individuum weitreichend sozialisiert wird. Würde diese Sozialisierung des Denkens und Fühlens erreicht werden können, bräuchte man die Wirtschaft wirklich nicht mehr zu verstaatlichen, weil die Akteure aufgrund des politischen Gleichklangs des Fühlens und Denkens und damit des Gehorchens ohnehin tun, was sie politisch tun müssen. Diese Vorstellung stellte die Essenz des Sozialismus des Nationalsozialismus dar und dies ist auch Kern des Anliegens der etablierten Achtundsechziger, das sich nunmehr als Neosozialismus zu verwirklichen droht.

Literatur

Die hier ausgeführten Gesichtspunkte sind vertieft in dem jüngst erschienenen und den bundesdeutschen Achtundsechzigern gewidmeten Buch des Verfassers: „Roter, brauner und grüner Sozialismus“.

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